Apiranthos – ein traditionsreiches Bergdorf

Eines der größeren Dörfer von Naxos ist das in etwa 600 Metern Höhe am Hang des Fanári gelegene traditionsreiche Dorf Apíranthos (eigentlich „T’Aperáthou“). Es liegt auf einem kleinen Bergrücken zwischen zwei malerischen, bewirtschafteten Hochtälern.


Apíranthos liegt am östlichen Hang des Fanári.


Das südliche Hochtal bei Apíranthos; in der Mitte sieht man ganz im Hintergrund knapp den Zeus-Gipfel herausragen.


Rund um das Dorf wachsen viele große sommergrüne Flaum- und Walloneneichen.

Alle Dörfer der Insel haben ihren eigenen Charakter und ihre Besonderheiten, aber Apíranthos ist einzigartig. Der apiranthitische Dialekt weicht so stark vom normalen Neugriechisch ab, dass Griechen aus anderen Gegenden des Landes die Apiranthiten früher nur mit Mühe verstanden und umgekehrt. In schwächerer Form spricht man den Dialekt auch heute noch. Im apiranthitischen Dialekt sind zahlreiche Wörter und auch grammatische Formen aus dem Altgriechischen erhalten. Er besitzt eine eigene, leicht zu erkennende Aussprache (vor allem das „l“, das wie ein englisches „r“ ausgesprochen wird).

Besonders bemerkenswert ist die bei den Einwohnern des Dorfes verbreitete Sitte, in aus dem Stegreif gedichteten Reimen zu sprechen, eine Tradition, die sich leider heute verliert, wie so vieles andere. Es gibt aber noch einen sehr lebendigen Schatz von Hunderten überlieferter Reime, die bei allen Gelegenheiten zitiert oder gesungen werden.


Die der Jungfrau Maria geweihte Hauptkirche des Dorfes gehört zu den größeren Kirchen von Naxos.


Ansicht des Dorfes

Geschichte

Wann das Dorf Apíranthos gegründet wurde, wissen wir nicht; die frühesten Angaben stammen aus dem 15. Jahrhundert. Sicher war die Region aber schon viel länger, aller Wahrscheinlichkeit nach mindestens seit der Frühen Bronzezeit (3. Jahrtausend v. Chr.), besiedelt. Interessant ist, dass es in der Gegend von Apiranthos, wie überall auf Naxos, eine ganze Reihe von Ortsbezeichnungen gibt, die auf antike, oft homerische Wörter zurückgehen, die seit dem Altertum im normalen Wortschatz nicht mehr vorkommen. Die Ortsbezeichnungen wurden also über all die Jahrhunderte von Generation zu Generation weitergegeben, was beweist, dass die Gegend seit homerischen Zeiten kontinuierlich besiedelt war.

Gegen Ende der venezianischen Periode (17. Jahrhundert) wurden von den katholischen Lehnsherren die zwei größeren Wohntürme in der Dorfmitte errichtet. Die große, bedeutende Dorfkirche Panagía Aperathítissa stammt aus dem 18. Jahrhundert. Im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts gelangte das Dorf durch den Schmirgelabbau zu einigem Wohlstand. Mehrere bedeutende Politiker (so der bekannte Widerstandskämpfer und Europaabgeordnete Manolis Glezos) sowie zahlreiche Wissenschaftler und Ärzte stammen aus Apíranthos.


In der Mitte des Dorfes liegt der venezianische Wohnturm „Pyrgos Zevgoli“.


Der venezianische Pyrgos stützt sich auf einen abenteuerlichen Rundbogen.

Die Kykladen-Architektur

Das Dorf Apíranthos ist ein charakteristisches Beispiel für die Architektur der Kykladen. Ein typisches Kykladendorf liegt auf den Bergen, vom Meer aus nicht zu sehen (wegen der Bedrohung durch Piraten), und ist aus eng aneinander geschmiegten, natursteinernen Häusern mit flachen Dächern und schmalen Gassen dazwischen errichtet; oft haben die Häuser kleine Innenhöfe. In den letzten Jahrhunderten wurden die Häuser mit selbstgebranntem Kalk weiß verputzt, nicht nur aus hygienischen Gründen, sondern auch weil sie so im Sommer kühler bleiben.

Charakteristische Merkmale der apiranthitischen Architektur sind die mit Marmorplatten ausgelegten Gassen und die abgeschnittenen Ecken der Eckhäuser, durch die vermieden werden sollte, dass die schwer beladenen Esel in den engen Gassen an den Ecken anstießen. Charakteristisch sind die Marmorbalken (mórsa) rund um die Türen und Fenster, die Konstruktionsweise der Fenster mit Glasfenster außen und Fensterladen innen, sowie im Haus die großen, ebenerdigen Kamine mit Sitzplätzen rechts und links der Feuerstelle und die „Innenfenster“ zwischen den Zimmern, die dadurch entstanden sind, dass man den ursprünglichen Vorhof in ein Zimmer verwandelt hat. In Apíranthos haben sich alle diese Merkmale der Architektur noch erhalten.


Die Gassen des Dorfes sind mit Marmorplatten ausgelegt.


An manchen Stellen verläuft die Gasse unter einem Haus.


An den Eckhäusern in den Gassen sind oft die Ecken abgeschnitten, damit die schwer beladenen Esel nicht anstoßen.


Die Häuser sind eng verschachtelt.


Die Türen sind von Marmorbalken umrahmt, in die oft Wappen oder Namen der Erbauer sowie Jahreszahl eingraviert sind.

Die Museen

Apiranthos zeigt trotz seiner Kleinheit eine erstaunliche kulturelle Lebendigkeit. Es gibt einen Kulturverein, der sich bemüht, die Traditionen des Dorfes aufrecht zu erhalten, und ein Kulturzentrum mit einer Bibliothek und Räumen, in denen Vorträge oder Symposien abgehalten werden. Eine Frauenvereinigung betreibt einen Laden, in dem von den Frauen des Dorfes hergestellte Handarbeiten verkauft werden, vor allem Websachen wie Decken, Vorhänge, Kissen usw. Am bemerkenswertesten sind aber die Museen. Apíranthos verfügt über nicht weniger als fünf Museen: zur Archäologie, Folklore, Geologie, Naturgeschichte und Bildenden Kunst. Das archäologische Museum ist zwar klein, weist aber sehr interessante Fundstücke vor allem aus der Bronzezeit auf.

Apíranthos heute

In Apíranthos wohnen ganzjährig um die 400 Menschen. Das Dorf hat sich nur zögerlich dem Tourismus geöffnet, aber heute gibt es eine Reihe von Tavernen und Übernachtungsmöglichkeiten, und Fremde sind immer willkommen.


Malerisch: der unvermeidliche Platanenbaum…


…der kleine Dorfplatz…


…die engen Gassen…


…eine der zahlreichen kleinen Kirchen…


…und noch mehr Gassen.


die Hauptkirche Panagía Aperathítissa


Wie gut, dass noch nicht überall der Fortschritt Einzug gehalten hat! In Apiranthos werden die Glocken noch per Hand geläutet – und ich finde, dass nur so das Glockenläuten seine wirkliche Bedeutung vermittelt…


Innen ist die Kirche mit einer kostbaren marmornen Altarwand ausgestattet.


Zum Nationalfeiertag am 25. März findet die obligatorische Parade der Schulkinder statt. Die Kinder tragen teilweise die traditionelle Tracht.


Wunderschön auch der Ausblick über das nördliche Hochtal.

Im Dorf sind noch einige der alten Handwerke lebendig. Das Brot wird noch im alten Holzofen gebacken und die Bäckerei ist fast ebenso ausgestattet wie auch schon vor 100 Jahren.

Sehenswürdigkeiten

Auch in der näheren Umgebung von Apiranthos gibt es einiges zu sehen:


die kleine Kirche Agia Kyriaki mit interessanten Wandmalereien aus dem 9. Jahrhundert


die Kirchen Agios Pachomios und Agios Georgios

Man kann die Umgebung in mehreren schönen Wanderungen erkunden:


An mehreren Stellen gibt es gut erhaltene, teilweise mit Steinplatten ausgelegte Wanderwege.


Wandern im Hochtal südlich von Apiranthos


Blick von Süden auf das Dorf


Für die Bauern der Umgebung sind die Esel noch ein unentbehrliches Transportmittel.


Ein schöner Spaziergang führt zu den im Tal Richtung Moutsoúna gelegenen Wassermühlen.

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