Der Kouros von Apollonas

Nahe beim Hafenörtchen Apóllonas ganz im Norden von Naxos liegt eine große, unfertige Marmorstatue, der sogenannte „Kouros“, in einem antiken Steinbruch. Abgesehen vom Kouros kann man auch an anderen Stellen auf dem Hügel Bearbeitungsspuren an den Marmorfelsen finden, und eine weitere kleinere Statue liegt unzugänglich im Gestrüpp unterhalb der Straße.

Hier findet man die Lage der Kouroi bei Google Earth.

der Kouros von Apollonas
der Kouros von Apollonas

beim Kouros von Apollonas
Blick vom Kouros auf das Dorf Apollonas

Der Steinbruch, in dem der Kouros liegt, ist einer der bedeutendsten Marmorsteinbrüche der frühen archaischen Zeit, nicht nur auf Naxos, sondern auch im weiteren Umfeld. Hier wurde vermutlich schon ab der mykenischen Zeit bis in die klassische Antike Marmor abgebaut; möglicherweise handelt es sich um den ältesten Marmorsteinbruch Griechenlands. Marmorblöcke und Statuen, die aus dem Steinbruch von Apóllonas stammen, finden sich nicht nur auf Naxos, sondern auch auf Delos, auf der Akropolis und sogar in Delphi.

der Kouros von Apollonas
Über den ganzen Hügel verstreut liegen Felsen aus gutem, weißem Marmor, an denen teilweise noch Bearbeitungsspuren zu erkennen sind.

der Kouros von Apollonas
Direkt an der Straße befindet sich dieser Marmorfelsen, von dem ein Block abgelöst werden sollte; an beiden Enden ist eine tiefe Einkerbung gemacht worden.

Beim Kouros handelt sich um eine außergewöhnlich große Statue: Sie ist über 10 Meter lang, und somit sogar etwas größer als der ebenfalls von Naxos stammende, den Apollon darstellende Koloss von Delos, der die größte je aufgestellte Marmorstatue Griechenlands ist.

Die Figur liegt auf dem Rücken und ist schon in groben Zügen ausgearbeitet: Kopf, Beine und Arme sind gut zu erkennen. Die feinere Ausarbeitung wurde vermutlich üblicherweise erst dort vorgenommen, wo die Statue stehen sollte, damit Schäden während des Transports möglichst vermieden werden konnten.

der Kouros von Apollonas

Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Statue den Gott Dionysos, den wichtigsten Gott der Insel, darstellen sollte (zu erkennen beispielsweise an seinem Bart).

der Kouros von Apollonas

Der Kouros wird auf das 6. Jahrhundert vor Christus datiert. Es ist unbekannt, warum er nicht fertig gestellt wurde – vielleicht traten Schäden im Marmor auf, weswegen das Werk aufgegeben wurde. Der Steinbruch war jedenfalls auch später noch in Betrieb.

der Kouros von Apollonas

Die naxiotische Marmorplastik

Der Kouros von Apóllonas ist eine der ersten Monumentalstatuen Griechenlands. Über mehr als fünfzig Jahre wurden derartige Statuen im ganzen griechischen Raum nur auf Naxos hergestellt: Die Insel spielte eine sehr wichtige Rolle bei der Entwicklung der griechischen Plastik. Von Naxos wurden zahlreiche Statuen in andere Gegenden Griechenlands exportiert. Auch die Technik der Marmorbearbeitung wurde von hier aus verbreitet: Außer Statuen aus naxiotischem Marmor finden sich vielerorts auch Statuen aus lokalem Marmor aber in naxiotischem Stil.

Die Marmorbearbeitung und die Anfertigung von Statuen hat auf Naxos eine besonders lange Tradition. Schon sehr früh, in der Frühen Bronzezeit im dritten vorchristlichen Jahrtausend, war Naxos ein bedeutendes Zentrum für die Herstellung der berühmten Kykladen-Idole, kleiner, abstrahierter, sorgfältig gearbeiteter Marmor-Statuetten. Für diese so frühe und wegweisende Entwicklung der Marmorplastik auf Naxos spielte nicht nur der gute Marmor der Insel eine entscheidende Rolle, sondern auch der Schmirgel, der (fast) nur auf Naxos vorkommt. Es ist sicher, dass der Schmirgel schon während der Bronzezeit für die Bearbeitung des Marmors verwendet wurde: Die frühen Bildhauer benutzten beispielsweise Schmirgelpulver zum Aushöhlen und Glätten ihrer Werke.

Die naxiotische Marmorplastik hatte Vorbilder in der ägyptischen Plastik, wie gerade am Kouros in Apóllonas gut zu erkennen ist. Viele Merkmale der Statue stimmen mit denen ägyptischer Statuen überein, so die Größenverhältnisse, die Beinstellung (linkes Bein ein Stück vor), die Armhaltung (bis zum Ellenbogen anliegend, dann abgewinkelt), die Kopfhaltung (Gesicht genau nach vorn) und die Frisur (ähnelt einer ägyptischen Perücke). Fast alle frühen griechischen Figuren sind in dieser Weise gestaltet, während die späteren Figuren sich von der strengen Haltung befreien und „beweglich“ werden (so z.B. der Kouros in Mélanes, der noch manche Aspekte der frühen „ägyptischen“ Haltung beibehält, aber schon viel lockerer steht).

der Kouros von Apollonas
Der Kouros ähnelt in seiner Haltung stark den frühen ägyptischen Plastiken.

Nach ägyptischen Vorbildern waren auch andere bedeutende Bildwerke, die von Naxos stammen, hergestellt, so die berühmte Löwenallee auf Delos und die Sphinx in Delphi. Die Ähnlichkeit mit ägyptischen Monumenten ist teilweise so groß, dass man davon ausgehen muss, dass die naxiotischen Bildhauer persönlich in Ägypten gewesen sind und die dortigen Vorbilder ihrer Werke mit eigenen Augen gesehen haben.

Die Bearbeitung des Gesteins

Zum Bearbeiten des Marmors benutzten die alten Bildhauer Hämmer und Meißel sowie Bohrer und Keile aus Eisen. Für die Herstellung des Kouros wurde das Gestein um die Figur herum allmählich mit Hammer und Meißel weggeschlagen. Dabei wurde an der hinteren Seite ein „Graben“ in das Gestein gearbeitet, der groß genug war, dass die Arbeiter darin sitzen konnten. Der Marmor wurde lagenweise abgetragen; die so entstandenen waagerechten Rillen davon sind noch deutlich zu erkennen. Auf der Statue sieht man die Kuhlen vom Abschlagen kleiner Stücke des Gesteins mit Hammer und Meißel.

der Kouros von Apollonas
Hinter der Figur wurde das Gestein lagenweise abgetragen, so dass ein kleiner Graben entstand, an dessen Wand die Rillen von der Bearbeitung noch zu sehen sind. Hier schaut man Richtung Kopf.

der Kouros von Apollonas
im Graben hinter der Figur, Blick Richtung Füße

der Kouros von Apollonas
In den Felsen neben den Füßen ist ein Loch gebohrt, das wohl irgendeinen Zweck bei der Bearbeitung erfüllte.

der Kouros von Apollonas
Auf der Oberfläche der Statue erkennt man überall die kleinen Kuhlen, die beim Abschlagen des Marmors mit Hammer und Meißel entstanden.

Der Kouros sollte sicher nicht vor Ort in Apóllonas bleiben, sondern beispielsweise zum großen Heiligtum des Dionysos bei Íria in der Nähe der Chóra oder auch nach Délos zum Apollon-Heiligtum transportiert werden. Die Statuen wurden mit Schiffen zu ihrem Bestimmungsort gebracht. Zunächst mussten sie zum Hafen in Apóllonas transportiert werden, wozu eine glatte Rampe bis zur Hafenanlage am Meer existieren musste, über die die großen Statuen wohl mithilfe von Ochsengespannen gezogen wurden (schon dieser Aufwand erscheint einem heute ungeheuer!). Reste einer antiken Mole sind im Hafenbecken von Apóllonas erhalten.

der Kouros von Apollonas
Im Hafenbecken von Apóllonas sind Reste der antiken Mole zu erkennen.


Die antike Mole bestand aus großen Felsblöcken.

Es erscheint einem heute schon erstaunlich genug, wie es den Menschen damals ohne Hilfsmittel wie Kräne gelang, die großen Statuen auf Schiffe zu verladen. Die größten Statuen oder Marmorblöcke wurden zwischen zwei Schiffen im Wasser hängend transportiert. Vom Ankunftshafen aus mussten dann oft noch große Strecken über Land zurückgelegt werden; so wurden Marmorstatuen, die von Naxos stammen, nicht nur bis zur Akropolis in Athen sondern gar bis Delphi transportiert, das immerhin gut 600 m hoch in den Bergen liegt.
der Kouros von Apollonas

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