Der Dionysos-Tempel in Iria

Die Stelle der heutigen Hauptstadt der Insel Naxos, der Chóra, ist schon seit Jahrtausenden besiedelt. Ausgrabungen zeigen, dass hier schon in der Frühen Bronzezeit (Kykladenkultur) eine bedeutende Ansiedlung lag (Ausgrabung Grótta), die auch in der mykenischen Epoche und in der Antike noch dicht besiedelt war. In der archaischen Periode lag hier ebenso wie heute die größte Siedlung der Insel. Von der Bedeutung der Chóra in der archaischen Periode zeugt auch der (allerdings unvollendet gebliebene) Apollotempel mit seinem gigantischen Tempeltor. Von antiken Berichten des Geschichtsschreibers Herodot war die Existenz eines zweiten großen Tempels in der Nähe der Chóra bekannt, der dem Hauptgott der Insel, dem Dionysos, geweiht war und in der Nähe eines Byblos genannten Flusses gelegen haben soll.


Die Schwemmebene der Livádia. Im Hintergrund ist das Flughafengelände und die Halbinsel der Stelida zu sehen. Der Tempel von Íria liegt etwas links von der Bildmitte.

Eine spannende Detektivarbeit: Die Suche nach dem Dionysos-Tempel

Über viele Jahrzehnte blieben Versuche der Archäologen, diesen Dionysos-Tempel zu orten, ergebnislos. Einen wichtigen Hinweis lieferte eine kleine byzantinische Kirche, die in der Mitte der Schwemmebene bei der Chóra liegt. Als die Archäologen Ende der Sechziger Jahre die Türstürze der byzantinischen Kirchen der Insel kartierten, um den fehlenden Türsturz des Demeter-Tempels bei Sangrí zu finden, entdeckten sie an dieser Kirche einen antiken Türsturz, der in seinen Maßen jedoch nicht zum Demeter-Tempel passte. Nun wurde man auf den Namen eines Feldes ganz in der Nähe dieser Kirche aufmerksam: Íria. Man vermutete darin eine Abkürzung für „Jyrotychia“, das heißt Umfassungswall (auch die Ortsbezeichnung beim Demeter-Tempel, Jyroula, hat denselben Ursprung). Bei Probebohrungen auf dem Feld stieß man dann schnell auf die Überreste des Dionysos-Tempels.


Vor dem archäologischen Gelände in Íria ist einer der alten, von einem Maultier betriebenen Schöpfbrunnen der Schwemmebenen restauriert.


Das Gelände ist mit Olivenbäumen und Weinstöcken bebaut.


Auch heute noch gedeiht hier die heilige Pflanze des Dionysos, der Weinstock.

Die Überreste der Tempelanlage

Von 1986 bis 1991 wurde das Tempel-Areal von griechischen und deutschen Archäologen (von der Technischen Universität München) ausgegraben. Vor Ort fanden sich keine stehenden Überreste, sondern nur ein Gewirr aus Säulenbasen und Wandfundamenten. Dieses konnten die Archäologen als die Überreste von vier in wenigen Dezimetern Abstand übereinander liegenden Tempelbauten (und einer christlichen Kirche, in die der Tempel um 500 n. Chr. verwandelt worden war) interpretieren. Anhand einer ganzen Reihe von Bauteilen, die bei Kirchenbauten der Umgebung verwendet worden waren, konnte die Architektur der einzelnen Tempel bis auf wenige Details rekonstruiert werden.


Von den Tempelgebäuden waren nur die Fundamente, keine stehenden Reste erhalten.


Neben der Tempelanlage liegen diese Überreste eines „Speisesaales“, in dem vermutlich die kultischen Festmähler eingenommen wurden.

Schon seit der mykenischen Epoche (um 1.300 v. Chr.) war dasselbe Areal als Heiligtum genutzt worden: Bei den Ausgrabungen fand man in der untersten Schicht gemeinsam mit mykenischen Tonscherben eine große, sorgfältig gearbeitete Marmorschale mit einer Zulaufrinne und einer großen Gneisplatte daneben, die sich bei den Überschwemmungen des nahegelegenen Flusses (des Byblos der Antike) mit fruchtbarer Erde füllte. Die sukzessive darüber liegenden Tempel konnten ebenfalls zeitlich eingeordnet werden: Der erste Tempel wurde in der frühen geometrischen Zeit errichtet, der nächste in der späten geometrischen; darüber folgt ein früh-archaischer und schließlich ein archaischer Tempelbau. Letzterer wurde bis in das 5. Jhd. nach Chr. genutzt; danach wurde er in eine Kirche (Ágios Geórgios) umgewandelt.


Hier lagen die vier aufeinander folgenden Tempel dicht übereinander. Heute sind einige Säulenreste wieder aufgestellt worden.


Die Tafel zeigt Lage und Grundriss der vier Tempel (der erste, kleine in braun dargestellt, die folgenden zwei in braunrot und grau und schließlich der letzte, größte in gelblich).

Der erste geometrische Tempel

Der erste der Tempel stammt vom Beginn des 8. Jahrhunderts vor Christus aus der geometrischen Epoche. Die geometrische Epoche, die nach der nicht-figürlichen Verzierung der Töpferwaren bezeichnet wird, umfasst etwa das 11. bis 8. Jahrhundert v. Chr. Der erste Tempel war ein einfaches Gebäude von 5 x 10 Metern Größe mit nur annähernd rechteckigem Grundriss. Die Wände waren aus in der direkten Umgebung gesammelten, fast unbehauenen Feldsteinen und teilweise aus Lehmziegeln errichtet. Der Fußboden bestand aus Schwemmerde des Flusses, der in direkter Nähe vorbeifloss. Das flache Erddach wurde von drei Holzstützen in der Mitte des Hauses getragen. Eine große Gneisplatte bildete die Türschwelle. Das Haus war nach Süden, zum Fluss hin, orientiert. An der linken Wand fand man zwei Abdrücke von einem hölzernen oder tönernen Tisch, vermutlich dem Opfertisch. Außen war das Haus von einer ovalen niedrigen Steinmauer umgeben. Das Ufer des 15 Meter breiten Flusses war befestigt; hier fand sich eine Opferstelle mit vielen verbrannten Knochen. Ebenso wie die nachfolgenden Tempel wurde dieser erste, einfache Bau bei einer Überschwemmung des Flusses zerstört.

Der spät-geometrische Tempel

Wenige Dezimeter über den Überresten des ersten Tempel wurde um 730 v. Chr. der zweite, etwa viermal so große und wesentlich aufwändigere Bau errichtet. Dieser bestand aus einem vierschiffigen Saal mit drei Reihen von 5 Holzsäulen, die die Sattelhölzer trugen, auf denen das flache Erddach auflag. Die Wände waren aus grob behauenen Granitblöcken aus der näheren Umgebung gefertigt; nur die Säulenbasen bestanden aus Marmor. Innen zog sich eine steinerne Sitzbank die Wände entlang. Die Stelle des alten Opfertisches war beibehalten worden, lag aber nun durch die Vergrößerung des Baus in der Mitte des Tempels: Sie wurde offenbar als wesentlich betrachtet. Hier stand nun ein Opferherd, an dem die Brandopfer im Gebäude vollzogen wurden; die Asche wurde im Tempel verstreut.

Der früh-archaische Tempel

Schon um 670 v. Chr., 60 Jahre später, wurde dieser Tempel, vermutlich wiederum nach einer zerstörerischen Überschwemmung, durch einen neuen, größeren Bau ersetzt. Die West- und Nordmauer des alten Tempels wurden beim Neubau beibehalten. Der Tempel wurde nun als dreischiffiger Bau errichtet; vermutlich, weil sich die mittlere, die Saalmitte besetzende Säulenreihe als unpraktisch erwiesen hatte. Die Säulen standen in größerem Abstand (3 m), und besaßen vielleicht schon ein schmückendes Volutenkapitell, das die querverlaufenden Sattelhölzer trug. Die Säule selbst bestand aber noch aus Holz. Der Opferherd wurde mit einem breiten Steinrahmen versehen. Vor dem Eingang im Süden trugen vier Säulen einen Vorbau. Der Fluss verlief nun nördlich des Tempelgeländes.

Der archaische Tempel

Um 580 v. Chr. wurde der vierte und letzte Tempel errichtet, der jedoch innen nie ganz vollendet wurde. Wenige Jahre zuvor hatten die Naxioten auf Delos nicht nur die neun Meter hohe, freistehende Statue des Apollon aufgerichtet, sondern auch einen wegweisenden Marmortempel gebaut. Nach der Zerstörung des dritten Tempels in Iria durch eine Überschwemmung wollten die Naxier hier nun einen monumentalen Tempel errichten, der alles bisher auf den Kykladen existierende in seiner Größe übertreffen sollte. Wahrscheinlich sollte der Kouros von Apóllonas hier im Tempel von Íria stehen; die für das Gebäude verwendeten Marmore stammten jedoch aus den näher gelegenen Steinbrüchen bei Mélanes. Die Lage des Tempels ähnelt der anderer bedeutender Heiligtümer (z.B. Samos, Ephesos): In einer fruchtbaren Schwemmebene in etwa einer halben Stunde Fußweg von der Pólis, die damals an derselben Stelle lag wie heute (in der Chóra). Es gab sicher eine Prozessionsstraße von der Chóra zu diesem Hauptheiligtum der Insel. Die reicheren Bürger von Naxos hatten eine große Anzahl von Stelen mit Weihe-Inschriften in der Umgebung des Tempels aufgestellt, von denen einige Bruchstücke erhalten sind.


Hier sieht man die Fundamente und einige Säulenreste des archaischen Tempels.

Im Großen und Ganzen wurde beim vierten Tempelbau die alte Form beibehalten: Die Lage und Ausrichtung des Tempels und der dreischiffige Bau mit je 4 Säulen, allerdings durch einen Anbau im Norden auf 13 x 24 Meter vergrößert. Die Wände bestanden aus sorgfältig behauenen Granitquadern und waren verputzt. Säulen, Türrahmen und Dachgebälk waren nun aus Marmor angefertigt. Der freistehende Vorbau vor dem Tempel wurde von 4 weiteren Säulen getragen. Diese waren 80 cm dick, erstaunliche 8 Meter hoch und trugen ein schmückendes Volutenkapitell, das stark dem der naxischen Sphinx-Säule in Delphi ähnelte. Die Säulen waren auf unterschiedliche Weise kannelliert (längsgerillt), wobei diese Kannellierung teilweise unfertig blieb.


nachgebildete Säule des archaischen Tempels mit Volutenkapitell


Der Tempel von der anderen Seite. Die Säulen waren ursprünglich 8 Meter hoch.

Das Marmordach

Die wichtigste Neuerung beim vierten Tempel war die Dachkonstruktion. Das flache Dach wurde durch einen Giebel ersetzt. Dabei waren alle Bauteile aus Marmor gefertigt, und auch die Konstruktionsweise war entsprechend diesem Material entwickelt („Inselionische Ordnung“) und nicht von einer Holzkonstruktion abgeleitet, wie bei den meisten dorischen oder ionischen Tempeln Griechenlands. Die Dachziegel waren aus drei Zentimeter dicken Marmorplatten gefertigt und von unten sichtbar, was wegen des durchscheinenden Lichtes einen beeindruckenden Effekt bewirkt haben muss. Der Erfinder der marmornen Dachziegel war der Überlieferung gemäß der Naxier Byzes.

Die Rolle der „Inselionischen Ordnung“

Es ist uns nicht überliefert, warum der Tempel von Íria nicht vollendet wurde. Möglicherweise waren soziale Unruhen die Ursache: Es wird berichtet, dass die Oberschicht und insbesondere die auch politisch mächtigen Priester des Dionysos der bäuerlichen Bevölkerung die Ausübung des Dionysos-Kultes untersagt hätten, die ihnen doch als Fruchtbarkeitskult von so herausragender Bedeutung war. Um 538 v. Chr. wurde die Oberschicht der Insel von der aufständischen Bevölkerung vertrieben, und der „Tyrann“ Lygdamis übernahm als Vertreter der Unterschicht die Regierung (die Bezeichnung „Tyrann“ hatte anfangs keinen negativen Beiklang; im Gegenteil: jemanden „tyrannisch behandeln“ bedeutete damals dasselbe was wir heute unter „königlich behandeln“ verstehen.) Unter Lygdamis wurden auch die Steinbrüche der Insel verstaatlicht und der bedeutende Demeter-Tempel errichtet und mit dem Bau des ebenfalls unvollendet gebliebenen Apollon-Tempel in der Chóra begonnen. Wenig später (490 v. Chr.) wurde die Insel jedoch durch die Perser eingenommen und zerstört. Nach der Niederlage der Perser bei Marathon sowie zehn Jahre später bei Salamis wurde Naxos von Athen unterworfen (Attisch-Delischer Seebund im Jahr 477 v. Chr.). Nach diesen Ereignissen verlor Naxos an politischer und kultureller Bedeutung; es wurde hier kein einziger Tempel oder monumentales Werk mehr errichtet.

Der Dionysos-Tempel in späteren Jahrhunderten

Der Dionysos-Tempel von Íria wurde über viele Jahrhunderte genutzt. Um 150 v. Chr. wurde Griechenland nach langen kriegerischen Auseinandersetzungen von den Römern eingenommen. Um 50 v. Chr. herrschte ein Römer namens Antonius über die Kykladen, der sich als „Neuer Dionysos“ verehren ließ und dafür die alte Kultstätte in Iria benutzte. Es wurde ein Bruchstück eines Steines gefunden, der als Basis einer Statue des Antonius diente und auf dem eine alte Inschrift ausgelöscht und der Name des Antonius eingeritzt worden ist. Auch ein Bruchstück der Statue selbst ist erhalten (im Museum in Naxos zu sehen).

Im 5. Jhd. n. Chr. wurde der Dionysos-Tempel in eine christliche Kirche verwandelt (dem Ágios Geórgios geweiht), die zunächst direkt im Tempel eingerichtet wurde. Nach einer erneuten Zerstörung durch eine Überschwemmung wurde die Kirche in geringer Entfernung wieder aufgebaut (unter Verwendung des Türsturzes und anderer Bauteile). Das ehemalige Tempelgelände wurde von den folgenden Überschwemmungen unter einer mehrere Meter tiefen Erdschicht vergraben. Die letzte Überschwemmung erfolgte im Jahr 2004 nach der Errichtung des archäologischen Parkes.

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