Karneval auf Naxos

Der Karneval (gr. apókries oder karnaváli) hat eine lange Tradition auf Naxos, ja es ist keine große Übertreibung, wenn man behauptet, dass er hier besonders zu Hause ist: Unseren heutigen Erkenntnissen zufolge hat er sich aus dem Dionysos-Kult entwickelt, der wiederum auf Naxos besonders früh nachzuweisen ist. Es ist bemerkenswert, was für Ähnlichkeiten wir entdecken können, wenn wir die antiken Bräuche zu Ehren des Gottes mit den heutigen Gepflogenheiten beim Karneval sowie mit dem traditionellen Karneval in den Dörfern von Naxos vergleichen.


Am letzten Freitag der Karnevalszeit findet in der Chora ein Umzug statt, in dem die antiken Prozessionen zu Ehren des Dionysos nachempfunden werden.


Wie in der Antike nehmen am Umzug Mänaden und Satyrn teil, Wesen aus dem Gefolge des Dionysos.


Sie sind mit dessen Attributen ausgestattet: Weinlaubkränze und mit Efeu umrankte Stäbe; außerdem tragen sie Fackeln.


Die Prozession zieht unter Trommelschlagen und wildem Geschrei durch die Straßen.


Der Weingott Dionysos fährt auf einem Wagen; er hält den Thyrsos-Stab (hier kein echter) und trinkt Wein aus dem auf Naxos üblichen flaskí, dem hohlen Flaschenkürbis.


Begleitet wird Dionysos vom in ein Tierfell gehüllten Pan, dem wilden, angsteinjagenden („Panik“), bocksgestaltigen Anführer der Satyrn mit dem Phallus als Zeichen der Lebenskraft und Fruchtbarkeit. Pan spornt die Satyrn durch Gebrüll und Tuten auf zwei großen Hörnern an.


An der Paralía wird ein rituelles Opfer an den Gott Dionysos vollzogen, durch das die Fruchtbarkeit der Natur beschworen werden soll.

Der Ursprung des Karnevals: Der Dionysos-Kult

Karneval wird heute in vielen weit voneinander entfernten Regionen der Welt gefeiert: Der Karnevals-Brauch wurde mit dem Christentum auf der ganzen Erde verbreitet. Die Karnevals-Feierlichkeiten gehören zu den vielen „heidnischen“ Bräuchen, die vom Christentum fast unverändert übernommen wurden, in der weisen Einsicht, dass sie für das Volk eine so große Bedeutung hatten, dass sie nicht auzumerzen waren.

Es gilt als sicher, dass die heutigen Karnevalsfeiern sich, zumindest im griechischen Raum, aus den Festlichkeiten zu Ehren des Gottes Dionysos entwickelt haben. Dionysos war nicht nur der Gott des Weines und des Rausches, sondern vor allem der Fruchtbarkeit. Somit war er für die einfache, bäuerliche Bevölkerung von außerordentlicher Bedeutung. Die wichtigsten Feiern zu seinen Ehren wurden zu Beginn des Frühlings vollzogen, wenn die Natur wiederauflebte und erblühte und die Menschen um eine günstige Ernte baten. Wir besitzen nur lückenhafte Informationen über die Praktiken und Festlichkeiten des Dionysos-Kultes in der Antike, aber die Parallelen zu den heutigen Karnevals-Gebräuchen sind unübersehbar.

Die Aufnahme der Karnevals-Feiern ins Christentum fand vermutlich schon kurz nach der Zeitenwende in Rom statt. Die Römer hatten die entsprechenden Bräuche wiederum von den Griechen übernommen, und begingen ganz ähnliche Feierlichkeiten, wie sie beispielsweise aus Athen überliefert sind.

Dionysos und die Insel Naxos

Dionysos ist wie kein anderer Gott mit der Insel Naxos verbunden. Dem Mythos gemäß soll er auf Naxos von den drei Nymphen der Insel aufgezogen worden sein und sie als seine Heimat betrachtet haben. Auf Naxos spielte sich die Episode mit Ariadne (ursprünglich eine kretische Nymphe) ab: Hier traf Dionysos auf seine Braut und heiratete sie, und von hier aus zog er sich mit Ariadne auf den Olymp zurück, als seine irdischen Abenteuer endeten.

Auf Naxos lässt sich eins der ältesten Heiligtümer des Dionysos nachweisen, das schon in der mykenischen Periode existierte (etwa 1300 v. Chr.). Das bedeutet, dass Dionysos einer der frühesten Götter der Region ist, und beweist, dass seine Verehrung nicht nachträglich in den griechischen Raum eingewandert ist, wie oftmals angenommen wird. Aus der mykenischen Epoche stammt auch die erste griechische Inschrift, die Dionysos erwähnt.

Der Ursprung des Dionysos-Kultes

Der Dionysos-Kult hat sich vermutlich aus der Verehrung von Nymphen entwickelt, ebenfalls Göttinen der Fruchtbarkeit und im griechischen Raum wohl die ältesten Gottheiten. Die Nymphen wurden als Mänaden in den Dionysos-Kult aufgenommen und zusammen mit Pan, den Satyrn, dem Silen, Eros und weiteren Gestalten des Volksglaubens in das Gefolge des Gottes eingegliedert.

Antike griechische Geschichtsschreiber berichten uns, dass schon die frühbronzezeitlichen, vorgriechischen Bewohner der Kykladen im 3. Jahrtausend v. Chr. den Dionysos verehrten. Diese waren (soweit wir wissen) von Osten kommend in den Ägäisraum gelangt und hatten von dort vermutlich den Vorläufer des Dionysos-Kultes mitgebracht. (Eine diesem ähnliche Religion ist für das 3. Jahrtausend v. Chr. in Sumer (Mesopotamien) nachgewiesen, von wo aus auch viele andere Elemente der mediterranen Kultur in den Mittelmeerraum einwanderten, so etwa der Weinanbau.) Etwa zur selben Zeit ist der Kult auch nach Kreta gelangt (möglicherweise kam er dorthin von den Kykladen, ebenso wie andere Bestandteile der Kykladenkultur, oder aus Ägypten, das einen entsprechenden Kult ebenfalls aus Mesopotamien übernommen hatte). Auf Kreta erlangte der Weinanbau während der Minoischen Epoche (etwa 3.000 bis 1.400 v. Chr.) eine große Bedeutung. Bei der Eroberung Kretas durch die Mykener wurde der Weinanbau gemeinsam mit dem Vorläufer des Dionysos-Kultes durch die neuen Siedler übernommen.

Die Attribute des Dionysos

Der Gott Dionysos oder Bacchus ist vor allem mit der Weinpflanze verknüpft, und der berauschende Wein ist aus seinem Kult nicht wegzudenken. Wichtige Attribute des Gottes sind der Weinstock und der kantharos, die elegante, zweihenkelige Trinkschale. Der Wein verkörperte in der Vorstellung der Menschen den Dionysos: Durch den Genuss dieses heiligen Getränkes konnte der Anhänger des Kultes seine Vereinigung mit dem Gott erreichen. Dieser Aspekt wurde von der christlichen Kirche übernommen, in der der Wein das Blut Christi verkörpert.

Eine weitere, eng mit dem Weingott verknüpfte Pflanze ist der Efeu, der den Rausch mildern sollte und mit dem Dionysos und seine Anhänger sich bekränzten (hier tauchen zum ersten Mal die in der Antike so beliebten und wichtigen Bekränzungen auf). Als umrankende Kletterpflanze stand der Efeu nicht nur als Symbol für Freundschaft und Treue, weswegen er in der Antike auch für die Brautkränze verwendet wurde, sondern galt aufgrund seiner Lebenskraft auch als Symbol für das Ewige Leben, was ebenfalls im Christentum beibehalten wurde.

Ein wichtiges Attribut des Dionysos ist außerdem der sogenannte thyrsos-Stab aus dem kräftigen, aber leichten, hohlen Blütenstiel vom Riesenfenchel (Ferula communis), der die weinseligen Anhänger des Dionysos-Kultes stützen sollte, ohne dass die Besessenen sich damit gegenseitig verletzen konnten. Auf der Spitze des Thyrsosstabes steckte gewöhnlich ein Kiefernzapfen, möglicherweise, weil der Wein mit dem Harz der Kiefer versetzt wurde, um ihn haltbarer und aromatischer zu machen (dieser Brauch stammte vermutlich vom Abdichten der Weinamphoren mit Kiefernharz schon während der Kykladenepoche).

Außer mit dem Wein wurde Dionysos (insbesondere auf Naxos) auch mit dem Feigenbaum verbunden, und besaß in dieser Eigenschaft (Dionysos Meilichion) ein mildes, gemäßigteres Wesen als der ekstatische, weinselige Bacchus.

Die antiken Feiern zu Ehren von Dionysos und Ariadne

Ähnlich dem Göttinnenpaar Demeter und Persephone wurden auch zu Ehren des Fruchtbarkeitsgottes Dionysos und seiner auf Naxos besonders verehrten Gattin Ariadne im Jahreslauf zwei wichtige, gegensätzliche Feiern vollzogen.

Im Herbst wurde im Zuge des Verwelkens der Natur eine Trauerfeier begangen, und im Frühjahr mit ihrem Wiederaufleben ein fröhliches Fest. Die herbstliche Feier wurde mit dem Pressen der Trauben verknüpft, das als Tod des Dionysos (versinnbildlicht durch die Traube), also seinen Abstieg in die Unterwelt, interpretiert wurde (eine ähnliche Bedeutung hatte im Demeter-Kult das Mahlen des Getreides). Auch für Ariadne wurde im Herbst eine Trauerfeier begangen gemäß einer Variante des Mythos, in der sie, nachdem Theseus sie auf Naxos verlassen hatte, Selbstmord beging. Aus diesen Trauerfeiern soll sich das christliche Fest Allerseelen Anfang November entwickelt haben, bei der die Menschen ihrer verstorbenen Verwandten gedenken.

Die bedeutenderen Feiern des Dionysos fanden im Winter und im Frühjahr statt. Wir sind genauer darüber unterrichtet, wie sie im Athen der klassischen Epoche begangen wurden. Eine wichtige Festlichkeit war mit dem ersten Öffnen der Weinkrüge im Dezember/Januar verknüpft („ländliche Dionysien“): Die Umwandlung des Mostes in Wein wurde als Wiederauferstehung des Gottes verstanden, die dem Wiedererwachen der Natur im Laufe des Winters mit seinen Regenfällen entsprach (im Christentum wurde diese Feier in die Wasserweihe (Epiphanias) umgewandelt). Im Januar/Februar folgten die Lenäen (vom gr. Wort für „keltern“, heute erhalten im Wort linoú = Becken für das Treten des Weines) und im Februar/März die Anthestiria (von ánthos = Blüte), die vor allem durch poetische Wettstreite sowie Aufführungen von Komödien und Tragödien begangen wurden.

Bei den letzten Feiern im Frühling, den großen „städtischen“ Dionysien im März/April, wurde die Hochzeit des wiederauferstandenen Gottes Dionysos mit Ariadne gefeiert. Bei dieser zog das göttliche Brautpaar auf einem blumengeschmückten, schiffsähnlichen Karren (dem carrus navalis = Karneval) in die Stadt ein. Der Aspekt der göttlichen Hochzeit und der Einzug auf einem Wagen sind schon von den sumerischen Vorläufern des Dionysos-Kultes überliefert.

Auf Naxos wurden schon der archaischen Periode (6. und 5. Jahrhundert v. Chr.) ähnliche Festlichkeiten gefeiert wie die hier beschriebenen athenischen; sie waren von großer Bedeutung für die Bevölkerung. Der höchste Priester des Dionysos war über lange Zeit auch der Anführer des Staates. Es ist denkbar, dass die Bräuche des Dionysos-Kultes von den Kykladen nach Athen gelangten, ebenso wie beispielsweise auch mehrere Eigenarten der naxiotischen Tempelarchitektur von den Athenern übernommen wurden, als Athen zu größerem Einfluss in der Ägäis gelangte.

Die Übereinstimmungen zwischen dem Dionysos-Kult und Karneval

Die Theorie, dass sich der Karneval aus den Feiern des antiken Dionysos-Kultes entwickelt hat, wird gestützt durch die bemerkenswerten Übereinstimmungen, die sich zwischen beiden Bräuchen finden lassen.

Die wichtigsten gemeinsamen Aspkete der Karnevalsbräuche und des Dionysos-Kultes sind die folgenden:

  • der Rausch: Heute wie früher betranken sich die Menschen, um sich so von den Zwängen und Sorgen des Alltags zu befreien und in einen ekstatischen Zustand der Glückseligkeit zu gelangen.
  • die Prozession: Schon während der Antike war ein wesentlicher Bestandteil der Feierlichkeiten eine Prozession, entweder von der Stadt zum außerhalb gelegenen Tempel, oder als Einzug des Gottes auf einem Wagen in die Stadt; dieser Aspekt hat sich in den Wagen des Rosenmontagszuges erhalten.
  • der Lärm: Die Prozession wurde von Musik, insbesondere von Trommeln begleitet. Der intensive Rhythmus und der laute, ungehemmte „Krach“ bei der Prozession hat vermutlich zwei Funktionen: Zum einen sollen die Teilnehmer so dem ekstatischen Zustand näher gebracht werden, zum anderen handelt es sich um ein symbolisches Vertreiben der bösen Geister bzw des Winters.
  • die Maske: Die Maske war ein wichtiges Attribut des Gottes Dionysos. Sie wurde zunächst von den Chorsängern bei den Feierlichkeiten zu seinen Ehren getragen; aus diesen Chorgesängen entwickelte sich das antike Theaterspiel, bei dem die Schauspieler ebenfalls Masken trugen. Heute noch sind Maske und Verkleidung nicht wegzudenkender Bestandteil des Karnevals.
  • der Spott: Von Naxos ist schon aus der Antike überliefert, dass die Menschen im Zuge der Feiern zu Ehren des Gottes die Reichen und Mächtigen verspotteten und ihre Sünden anprangerten, wie man es heute zu Karneval noch ungestraft tun darf. Auch in den während der Dionysien vorgetragenen Komödien spielte der Spott eine wichtige Rolle.
  • die Gleichstellung: Schon aus dem 3. Jahrtausend v. Chr. ist aus Sumer überliefert, dass im Winter ein Fest gefeiert wurde, bei dem Sklaven und Reiche gleichgestellt waren. Dieser Aspekt war auch ein zentraler Punkt der römischen Saturnalien, die sich aus den griechischen Dionysien entwickelt hatten: Sklaven und Besitzer saßen für die Feiertage am gleichen Tisch und hatten gleiche Rechte. Auch im christlichen Mittelalter tauschten beim Karneval die Adeligen und ihre Bediensteten für einen Tag die Plätze.

Bei den traditionellen Karnevalsfeiern auf Naxos, wie sie bis etwa zur Mitte des letzten Jahrhunderts durchgeführt wurden, tauchen ferner folgende Aspekte auf, die ebenfalls direkt den antiken Dionysos-Feiern entspringen:

  • Während der traditionellen Feiern brachte die Dorfbevölkerung einen „Toten“ in einem Sarg zum Friedhof, wo dieser unter großem Hallo und Gelächter aus dem Sarg „wiederauferstand“. Das entspricht einem Kernpunkt der antiken Mythen und Feiern des Dionysos: der Abstieg des Gottes zum Totenreich und seine Wiederauferstehung, somit sein Sieg über den Tod.
  • Am Karneval in Apiranthos nimmt auch heute noch ein Brautpaar teil, dessen Hochzeit während der Feierlichkeiten vollzogen wird. Auch dieses ist ein wesentlicher Bestandteil schon der antiken Feiern. Im Frühjahr wurde ein fröhliches Fest begangen, bei der die göttliche Hochzeit des Gottes mit Ariadne gefeiert wurde, durch die Dionysos wieder ganz ins Leben gerufen wurde. Diese Hochzeit spielte auch eine entscheidende Rolle bei den Feiern zu Ehren des Dionysos in Athen („große Dionysien“) und später in Rom.
  • Früher brachten die Bauern zu den Feierlichkeiten einen Pflug auf den Dorfplatz, mit dem symbolisch gepflügt wurde. Mit diesem Ritual sollte eine gute Ernte erfleht werden.
  • Außerdem taucht als wichtige Figur eine alte Frau auf, die einen Korb trägt; auch diese ist schon für die antiken Riten bezeugt. Der Korb soll eine Opfergabe an den Gott versinnbildlichen.
  • Das Schlachten der Eber, das traditionellerweise am ersten Samstag der Karnevalszeit durchgeführt wird, ist ebenfalls als rituelles Opfer zu verstehen; noch heute wird es auf den Dörfern als besondere Feierlichkeit begangen.
  • An den Feiern nehmen mit Ziegenfellen bekleidete Figuren teil, die den Satyrn des Dionysos-Kultes entsprechen. Ebenso wie der eher kretische Stier war der Ziegenbock als Symbol der Lebenskraft ein wichtiger Bestandteil des Dionysos-Kultes. Er versinnbildlicht das „tierische“, unbändige Innere des Menschen (das Unterbewusste), das bei den Riten zu Ehren des Gottes mithilfe des Rausches, des ekstatischen Tanzes und der Maskierung befreit wird.
  • Während der Antike wurden zu den Dionysien poetische Wettstreite durchgeführt und Theaterstücke aufgeführt, hier ist der Ursprung der Komödie (=“singender Umzug“), der Tragödie (von trágos, Ziegenbock) und des Theaters allgemein zu suchen. Inhalt der Komödien war häufig eine Verspottung bestimmter gesellschaftlicher Verhältnisse. Auch heute noch wird in Apiranthos zur Karnevalsfeier ein Gedicht vorgetragen, in dem politische und gesellschaftliche Missstände öffentlich angeprangert und verspottet werden.

Die Bedeutung des Dionysos-Kultes

Der Dionysos-Kult hatte eine sehr wichtige Funktion im Leben der Menschen. Wir wissen aus manchen Quellen aus der Antike, dass bestimmte Rituale des Dionysos-Kultes zur Initiation der Jugendlichen, also ihrer Aufnahme als vollwertige Mitglieder in die Gesellschaft, vollzogen wurden. Leider sind zu wenig Informationen erhalten, als dass wir uns ein klares Bild davon machen könnten.

Auch was den zweiten Aspekt des Dionysos-Kultes betrifft, tappen wir teilweise im Dunkeln: über seine Funktion zur Vorbereitung der Menschen auf ihren Tod. Dionysos hatte eine enge Verbindung zur Unterwelt; er war der Gott, der in den Hades hinabgestiegen und wieder auferstanden war (auch diese Idee wurde später vom Christentum übernommen). Eng mit dem Dionysos-Kult verwandt ist der Kult der Demeter. In den ihr gewidmeten Eleusinischen Mysterien erlangten die Menschen in einem Ritual, das sie nur einmal in ihrem Leben nach langer Vorbereitung durchführen durften, als sehr wichtig und einzigartig erachtete Erfahrungen, die ihnen halfen, die Angst vor dem Tod zu überwinden und ihr eigenes Leben neu zu sehen; durch die Teilnahme an den Mysterien erlangten sie durch die Vereinigung mit den Göttern das Anrecht auf ein Weiterleben nach dem Tode.

Bei den Eleusinischen Mysterien steht die Göttin Demeter für den weiblichen Aspekt der (Wieder-)Geburt, während der dionysische Aspekt den männlichen Gegenpol der Befruchtung, aber auch des Todes und der Unterwelt darstellt. Dem antiken Mythos gemäß ist es Dionysos, der Demeters Tochter Persephone in den Hades entführt (sie pflückt eine Narzisse, gr. nárkissos („nárki“ = Schlaf/Rausch und „kissós“ = Efeu). Die Entführung der Persephone durch Dionysos zerstört durch den Beginn des Winters bzw der ungünstigen Jahreszeit die ursprünglich gleichbleibende Harmonie der Natur/der Welt (entspricht der Vertreibung aus dem Paradies), die jedoch durch das Wiederaufleben der Natur im Frühling wiederhergestellt wird. Da Persephone in der Unterwelt von einem Granatapfel gegessen hat (Symbol der Fruchtbarkeit sowie der Ehe), darf sie die Unterwelt nicht mehr ganz verlassen, sondern muss den Totengott Hades heiraten. Nur für je die Hälfte des Jahres darf sie zurück zu ihrer Mutter auf die Erde. So erklärten sich die Menschen den jahreszeitlichen Wechsel von Absterben und Aufblühen der Natur.

Wir wissen nicht genau, was bei den Eleusinischen Mysterien vor sich ging – schließlich war es ein Geheimkult. Es ist klar überliefert, dass die Teilnehmer eine Erkenntnis gewannen oder verinnerlichten, die für ihr ganzes Leben sehr bedeutsam war, und die sie auf ihren Tod vorbereitete. Dafür wurden wahrscheinlich rauscherzeugende Mittel benutzt, vermutlich das Mutterkorn, das Geburts- oder Tod-ähnliche Empfindungen auslösen kann. Von großer Bedeutung ist sicher der Zusammenhang, der zwischen dem eigenen Tod und dem alljährlichen Absterben und Wiederaufleben der Vegetation gesehen wurde: Es kann kein Zufall sein, dass derartige Mysterien im Kult der beiden wichtigsten Vegetationsgötter, der Demeter und des Dionysos, auftreten. Ich nehme an, dass der Kern der Sache die Erkenntnis war, dass ebenso wie in der Natur auch im menschlichen Leben und in der Gesellschaft die neue Geburt nur durch die Existenz des Todes ermöglicht wird, dass wir durch unseren Tod „Platz machen“ für eine neue, jüngere, „lebendigere“ Generation; dass also aus dem Tod neues Leben entspringt.

Ein weiterer, zentraler Aspekt des Dionysos-Kultes für die Menschen lag in seiner Funktion der Befreiung. Dionysos war der Gott, der alle Unterdrückten, Sklaven, Unfreie, Frauen und Arme, befreite. Durch ihn wurde die bestehende Ordnung in Natur und Gesellschaft umgestürzt. Durch das Austauschen der Rollen von Dienern und Herren bzw durch die vorübergehende Gleichwertigkeit im Zuge der Feierlichkeiten sollten beide Seiten ihrer Rollen bewusster werden und die Zustände gewissermaßen von außen betrachten. Dadurch sollten (ebenso wie durch den in dieser Zeit erlaubten Spott und das Anprangern von Vergehen) Missstände korrigiert werden; es wurde eine Verbrüderung der unterschiedlichen Pole der Gesellschaft angestrebt. Das tiefere gesellschaftliche Ziel der Befreiung und des Umsturzes beim Dionysos-Kult war also sicher kein Zurückfallen ins „tierische“ Chaos, sondern das Erreichen einer höheren Ordnung, einer größeren Harmonie: Eine Umwälzung, eine durchgreifende Verbesserung oder Weiterentwicklung kann nur durch eine Zerstörung des Alten und somit meist durch einen vorübergehenden chaotischen Zustand erreicht werden.

Im Dionysos-Kult wurde der Teilnehmer durch den Rausch, den Lärm und den wilden Tanz in Ekstase versetzt und dadurch „entfesselt“, befreit; auch die Maske und Verkleidung hatten eine wichtige Funktion bei dieser „Befreiung“. In diesem Zustand wurde das durch die Zwänge der Zivilisation unterdrückte Unterbewusstsein der Menschen wiederbelebt. Der Teilnehmer erlebte diese Befreiung als Rückkehr zur Harmonie mit der Natur und auch mit den Mitmenschen (im Sinne von Jung: das kollektive Unterbewusstsein wurde erweckt, ein „kosmischer Bewusstseinszustand“ erreicht). Das einmal im Jahr bei den Dionysien bzw beim Karneval erlaubte Ausleben der Sehnsucht nach Freiheit und Gleichstellung hatte nicht eine Auflösung der Gesellschaft zur Folge, sondern machte diese eigentlich erst überlebensfähig, indem es dieses Bedürfnis nach Freiheit durch das kontrollierte Abreagieren bändigte und die Menschen in einen natürlicheren, harmonischeren Seelenzustand brachte. (Wir sollten bei der Analyse dieser Verhältnisse nicht vergessen, dass die Menschen damals noch in einer jüngeren, der Natur noch viel näheren Gesellschaft lebten).

Natürlich war für den antiken Teilnehmer an den Riten der Fruchtbarkeitskulte kein logisches Bewusstmachen dieser Zusammenhänge erforderlich. Die im Dionysos- und im Demeter-Kult verwendeten, archetypischen Symbole wurden von den Menschen intuitiv verstanden. Ein letztes Überbleibsel dieses „natürlichen, gefühlten Verständnisses“ ist, denke ich, die Rührung, die ich jedes Mal empfinde, wenn ich, wie diese Tage, die ersten reifenden Getreideähren auf den Feldern erblicke. Wie schade, und wie schädlich für uns, dass wir uns so weit von diesen unersetzlichen, natürlichen, tiefen, „gesunden“ Zusammenhängen entfernt haben.

Karneval im Christentum

Schon während der Antike, noch mehr aber nach der Ausbreitung des Christentums wurden die dionysischen Bräuche zunehmend als barbarisch, brutal, unkontrolliert erotisch geächtet. Sicher hat es diesen Aspekt in der Verehrung des Dionysos gegeben, und es scheint, dass in den späteren Zeiten auch Ekzesse in den Bräuchen zunahmen. Sie stellen aber keinesfalls den Kernpunkt des Kultes dar und sind aller Wahrscheinlichkeit nach von der gesellschaftlichen Obrigkeit, die um ihre Existenz fürchtete, übertrieben dargestellt worden.

Im Gegensatz zum Dionysos-Kult, der die Lebenskraft, die Jugend und die Lebensfreude ganz bejahte und daraus seine Energie bezog, suchte die christliche Religion sich dem Gott durch Askese und Meditation anzunähern. Entsprechend wurden die dionysischen Wesen und Riten durch die neue Religion verteufelt und verdammt. Unterstützt wurde das, wie schon dargestellt, von den Vertetern der gesellschaftlichen Oberschicht, die natürlich im eigenen Interesse alle Umstürze und Veränderungen, sei es auch in Richtung einer besseren Gesellschaft, ablehnten. Es ist jedenfalls sicher kein Zufall, dass der Antichrist einem Satyr in seiner Bocksgestalt so ähnlich ist. (Es kann natürlich auch sein, dass die Logik genau andersherum funktionierte und dass das Christentum eben wegen der im Dionysos-Kult stattfindenden Ekzesse eine so asketische Ausrichtung annahm – so vermutet und beschreibt es jedenfalls Alexis Sorbas im gleichnamigen Buch von Nikos Kazantzakis.)

Trotz aller Bemühungen konnten die der Bevölkerung wichtigsten „heidnischen“ Bräuche wie der Karneval allerdings nicht ganz ausgelöscht werden; stattdessen wurden sie ins Christentum aufgenommen und dadurch „gezähmt“ und umgedeutet. So wurde der Karneval im Christentum als Ventil beibehalten, in dem die unterdrückte, heidnische, dionysische Lebensfreude und -kraft sich kurzfristig wieder äußern durfte.

siehe auch:

zum Weiterlesen:

Zum Inhaltsverzeichnis

Schreibe einen Kommentar