Der Demeter-Tempel bei Sangri

Der Demeter-Tempel bei Sangrí ist eine der bedeutendsten Sehenswürdigkeiten von Naxos. Der aus der archaischen Epoche stammende Tempel ist zwar nur recht klein, hat aber eine große Bedeutung für die Entwicklung der griechischen Tempelarchitektur. Er ist im „inselionischen“ Baustil errichtet, der auf den Kykladen, insbesondere auf Naxos, entstand und den die Athener nach der Unterwerfung der Insel übernahmen. Der Tempel wurde um 530 v. Chr. erbaut (etwa zeitgleich mit dem Apollon-Tempel in der Chora), also zu Herrschaftszeiten des Tyrannen Lygdamis, der als Anführer der bäuerlichen Unterschicht die Macht errungen hatte. In diesem Zusammenhang wird die Errichtung des zwar kleinen, aber sehr bedeutenden und kunstvollen Tempels fernab jeder Stadt in einer vollständig bäuerlichen Region erklärlich. Dazu passt auch die Tatsache, dass der Tempel der Schutzgöttin der Landwirtschaft Demeter geweiht war. (Diese Zuordnung des Tempels zur Demeter ist allerdings durch keine Weihinschriften belegt und wird von manchen Forschern angezweifelt. Es könnte sich auch um einen weiteren Apollon-Tempel handeln).

Hier findet man die Lage der Tempel und Heiligtümer bei Google Earth.


Der Demeter-Tempel gehört ohne Zweifel zu den bedeutendsten Sehenswürdigkeiten von Naxos.

Die Rekonstruktion des Tempels

Der Demeter-Tempel ist eines der wenigen Bauwerke im inselionischen Stil, das in allen seinen Teilen rekonstruiert werden kann und dessen Architektur dementsprechend bis in das letzte Detail bekannt ist; dieser Umstand verleiht ihm seine besondere Bedeutung. Ab dem Jahr 1954 wurde das Tempelareal von griechischen Archäologen ausgegraben. Das ursprüngliche Tempelgebäude war schon in den ersten Jahrhunderten n. Chr. in eine Kirche verwandelt worden, von der aber ebenfalls nur noch geringe Reste erhalten waren. Bauteile des antiken Tempels waren beim Bau einer kleinen Kapelle auf dem Tempelgelände (Ágios Joánnis sto Jyroula) sowie in anderen Kirchen und Klöstern in der Nähe verwendet worden.

In den Neunziger Jahren trugen Wissenschaftler der Athener Universität in Zusammenarbeit mit dem Münchener Institut für Bauforschung bei einer gründlichen Untersuchung der ganzen Region ausreichend Bauteile wieder zusammen, um den Tempel vollständig rekonstruieren zu können. Aus alten und neuen Stücken wurde ein Teil des Gebäudes wieder aufgebaut. Andere Fundstücke sowie eine teilweise Rekonstruktion des Daches und des Altarraumes der christlichen Basilika sind in einem auf dem Gelände errichteten, sehr sehenswerten Museum ausgestellt.


Der Demeter-Tempel ist Anfang der Neunziger Jahre teilweise wieder aufgebaut worden. Dabei wurden sowohl alte Bauteile als auch neu zurechtgeschnittene Steine verwendet.


Im sehr sehenswerten, preisgekrönten Museum auf dem Tempelgelände sind viele interessante Fundstücke ausgestellt und erklärt, zudem kann man eine teilweise Rekonstruktion des Daches sowie des Altarraumes der christlichen Basilika besichtigen.

Die Lage des Tempels

Der Demeter-Tempel fasziniert nicht nur aufgrund seiner interessanten Architektur: Schon seine Lage ist von besonderem Interesse. Der Tempel liegt auf einer sanften Anhöhe in nur etwa 140 m Höhe inmitten der weiten, noch heute vor allem mit Getreide bebauten Ebenen um das Dorf Sangrí. Welche Bedeutung diese Region für die Insel hatte, wird daraus ersichtlich, dass nicht weit vom Demeter-Tempel, am Hang des Berges Apalírou, während der byzantinischen Epoche die Hauptstadt der Insel lag. Auch in der Antike schon war die Gegend landwirtschaftlich genutzt worden. Die Menschen wohnten in kleinen bäuerlichen Siedlungen, die verstreut in der bebauten Ebene lagen.

Im Osten wird die Ebene von Sangrí von hohen Bergen, darunter auch dem Zeus-Berg, dem höchten Gipfel der Insel, überragt. Nach Norden hin schließt sich die fruchtbare Hochebene der Tragaía an und dahinter das Kóronos-Massiv, dessen steile, dem Dionysos geweihte Spitze ebenfalls vom Demeter-Tempel aus gut zu sehen ist. Im Gegensatz zu diesen beiden hoch aufragenden Gipfeln, den Bergen des Zeus und des Dionysos, verkörpert die Lage des Demeter-Tempels ganz und gar das weibliche Prinzip: das Sanfte, Aufnehmende, Fruchtbare.


Blick von der byzantinischen Burg Apalírou über die Ebene von Sangrí; der Demetertempel liegt ungefähr in der Bildmitte.


Die Landschaft beim Demeter-Tempel: sanfte, flache Hügel und grüne Täler.


Der Tempel liegt auf einer sehr flachen Anhöhe vor der Bergkette im Osten (in der Mitte im Hintergrund der Zeus).


Die Lage hat etwas sehr „weibliches“, wie es für einen Tempel der Demeter passt.

Die Anfänge der Verehrung

Die erste Nutzung des Heiligtums konnte für das 8. Jahrhundert v. Chr. (geometrische Periode) nachgewiesen werden. Damals wurden Riten und Opfer unter freiem Himmel vollzogen. An manchen Stellen war das Gelände mittels niedriger Terrassen erhöht und abgesichert worden. Direkt vor dem Tempel sind die Reste zweier Opfergruben zu erkennen, die durch einen kleinen Kanal miteinander verbunden waren. Hier wurden den Fruchtbarkeitsgöttinnen (Demeter und ihrer Tochter Persephone) Pflanzensäfte dargeboten, die in die eine Grube geschüttet wurden und von dort aus über den Kanal in die zweite Grube flossen. Diese Rituale dienten nicht nur einer Beschwörung der Fruchtbarkeit der Natur und des alljährlichen Wiederkehrens der grünen Jahreszeit, sondern symbolisierten auch den Lebenslauf der Menschen: Geburt, Tod und Wiedergeburt bzw. Weiterleben der Seele.

Die eine Ecke des Tempels ist direkt an einer der Opfergruben errichtet, sicher wegen der besonderen Heiligkeit dieser Stelle. Nach dem Bau des Tempels wurden die mehreren kleinen Opfergruben durch eine größere, viereckige Grube ersetzt, um die herum Pfostenlöcher von einem Zaun oder einer Hütte erkennbar sind.

Im Tempelareal haben die Ausgräber Stücke von Standbildern gefunden, die zwei nebeneinander stehende Gottheiten abbilden, also vermutlich Demeter und ihre Tochter Persephone. Ältere Inschriften weisen zudem auf eine Verehrung des Gottes Apollon am selben Heiligtum hin.


Vor dem Tempel sind Spuren einer älteren Nutzung des Heiligtums erhalten.


Hier sind zwei für Opfer aus Pflanzensäften o. Ä. benutzte Gruben erkennbar; die Flüssigkeit wurde in die östliche (mit kleinen Steinen eingefasste) Grube gegossen und floss durch den schmalen Kanal in die westliche hinüber.


Hier sieht man (ganz vorn und rechts vor dem Tempel) freigelegte Überreste aus der byzantinischen Zeit sowie (hinter dem Holzzäunchen) die viereckige größere Grube, die nach der Errichtung des Tempels der Darbietung der Opfer diente.

Die Architektur des Tempels

Der Demeter-Tempel besitzt einen sehr ungewöhnlichen Grundriss: Der Innenraum ist breiter als lang (12 x 8 Meter) und besitzt eine querverlaufende Reihe aus fünf Säulen. Der Tempel hat (ungewöhnlicherweise) zwei große Eingänge in der Südseite unterhalb des Giebels. Davor liegt eine ebenfalls von fünf Säulen sowie von seitlich vorspringenden Mauern getragene Vorhalle.


Blick von Süden auf den Tempel; erkennbar sind die 5 Säulen der Vorhalle und der rechte der Eingänge zum Innenraum.

Der Demeter-Tempel war bis auf die hölzernen Türflügel gänzlich aus Marmor errichtet. Von besonderem Interesse ist die Dachkonstruktion. Er besaß ein Satteldach, das von den fünf in einer Querreihe stehenden Säulen des Innenraumes getragen wurde. Auf den Säulen lagen je zwei 4 Meter lange und 40 cm hohe, waagerechte Marmorbalken, die bis zur Vorder- bzw. Rückseite des Raumes reichten. Diese trugen wiederum 2 Meter lange, 20 cm hohe, querverlaufende (schräge) Sparren, auf denen die nur etwa 3 cm dicken, sorgfältig geglätteten Füllplatten lagen. Diese dünnen, lichtdurchlässigen Marmorziegel sind auf Naxos erfunden worden (von einem Baumeister namens Byzes). Im Innenraum des Demeter-Tempels waren die Marmorziegel des schrägen Daches von unten aus frei sichtbar. Höchstwahrscheinlich hatten auch der Dionysos-Tempel bei Íria und die Gebäude der Naxier in Delos ein derartiges Dach. Der Demeter-Tempel ist jedoch das erste Bauwerk, für das die Dachkonstruktion vollständig rekonstruiert werden kann.

Im Gegensatz zum Innenraum des Tempels besaß die Vorhalle eine Marmordecke, das heißt unter dem eigentlichen Schrägdach lag eine ebenfalls aus waagerechten Balken, Sparren und Füllplatten aufgebaute flache Decke, die durch die vordere Wand des Tempelraumes und die Säulen der Vorhalle getragen wurde. Die Balken und Sparren der Decke bzw. des Daches ragten nicht bis nach außen vor, sondern wurden von außen durch gleichmäßig um den ganzen Tempel laufende, senkrecht stehende Steinplatten abgedeckt, die an späteren ähnlich konstruierten Tempeln wie dem Nike-Tempel der Athener Akropolis einen mit Skulpturen versehenen Fries trugen. Beim Demeter-Tempel war der Fries nur durch je ein Kymation (hervorspringende Schmuckleiste) unten und oben verziert.


Eine Rekonstruktion der Vorderfront der Daches ist hinter dem Museum zu sehen.

Die Säulen des Demeter-Tempels sind sehr schlank und glatt, ohne die meist übliche Kannellierung (Längsrillung), mit einer einfach strukturierten, runden Basis mit einem Torus (Ring) darüber. Die Säulen des Innenraumes und vermutlich auch der Vorhalle besaßen Blattkranzkapitelle, die jedoch nicht skulpturiert, sondern nur aufgemalt waren. Die Bemalung wurde mit heißem, gefärbten Wachs ausgeführt. Steine mit Spuren einer Bemalung sind im Museum ausgestellt.

Die größte Besonderheit der Säulen des Innenraumes war, dass sie wegen des Fehlens einer waagerechten Decke, weil sie also direkt das schräge Satteldach trugen, unterschiedlich hoch waren mit einem Höhenunterschied von einem Meter zwischen der mittleren und den beiden äußersten Säulen. Diese sehr ungewöhnliche Konstruktion ist durch die Querorientierung des Raumes bedingt.


Die schlanken Säulen des Demeter-Tempels weisen keine Kannellierung (Längsrillung) auf.


Die Säulen trugen schlichte Kapitelle, deren Blattkranzverzierung nur aufgemalt war.

Die Wände des Demeter-Tempels waren aus zwei Lagen von Steinquadern aufgebaut: Die äußere Wand bestand aus großen Steinen, die innere aus kleineren. Die Steine waren mit Meißeln behauen, aber nicht geglättet und besaßen unterschiedliche Größen. Von innen waren die Wände vermutlich verputzt.


Die Wände des Tempelgebäudes bestanden aus einer äußeren Lage aus größeren Steinen und einer inneren aus kleineren, unregelmäßig angeordneten Steinen.


Die Quadern waren mit Meißeln zurechtgehauen, aber nicht geglättet.


Die Steine der Innenwand waren wesentlich kleiner. Von innen waren die Wände ursprünglich vermutlich verputzt.

Eine weitere Besonderheit des Demeter-Tempels sind die zwei Eingänge zum querorientierten Innenraum des Tempels. Die Eingänge besaßen monolithische Türrahmen ähnlich der Portára. Diese trugen beim Demeter-Tempel keine Faszien (Schmuckbänder).


Die Türrahmen bestanden ebenso wie beim Apollon-Tempel aus monolithischen Steinblöcken. Im Innenraum des Tempels sind die unteren Hälften von zwei der Innensäulen zu sehen.

Der einzige hölzerne Bauteil des Tempels waren die Türflügel. Sie wurden von einem Türscharnierband aus ineinander verzapften Holzzylindern getragen. Eine Rekonstruktion des Türscharnierbandes ist im Museum zu sehen.


An den Steinen des Türrahmens sind die Löcher zu erkennen, in denen die Scharniere der Türflügel steckten.

Insgesamt fällt beim Demeter-Tempel trotz der aufwändigen, ungewöhnlichen und gewagten Marmorkonstruktion eine große Schlichtheit und Eleganz in der Ausführung auf. Die Verzierung war einfach gehalten und beschränkte sich größtenteils auf eine Bemalung. Der bedeutendste Aspekt der Marmorkonstruktion für die Nutzung des Tempels war wohl die sicher zauberhaft wirkende Beleuchtung des Innenraumes durch das mit den dünnen, durchscheinenden Marmorziegeln gedeckte Dach.

Die inselionische Ordnung

Der Demeter-Tempel ist eines der am besten rekonstruierten Beispiele für die „inselionische“ Ordnung, den auf den Kykladen entwickelten Baustil, der dem ostionischen (Dodekannes und kleinasiatische Küste) sowie dem dorischem Baustil (v.a. griechisches Festland) gegenübersteht. Die wichtigsten Kennzeichen der inselionischen Ordnung ist die (waagerechte) Marmordecke bzw. das schräge, von unten sichtbare Marmordach, der umlaufende, manchmal mit Skulpturen geschmückte Fries, die Wände aus großen Außen- und kleinen Innenquadern, die monolithischen Türrahmen und sowie Charakteristika der Gestaltung der Säulenbasen und -kapitelle. Diese Merkmale finden sich außer bei den Tempeln auf Naxos selbst und den naxischen Gebäuden auf Delos auch bei den Schatzhäusern der Kykladen in Delphi (deren Dachkonstruktion allerdings unbekannt ist). Nach der Unterwerfung von Naxos und Paros durch Athen wurde die inselionische Ordnung auch von den Athenern übernommen, und sie errichteten im 5. Jahrhundert v. Chr. eine ganze Reihe von Tempeln in demselben Stil, insbesondere das Erechtheion und den Nike-Tempel der Akropolis; die Deckenkonstruktion wurde auch bei der Osthalle der Propyläen übernommen. Auch in anderen Teilen Griechenlands kann man Tempel mit Merkmalen des „inselionischen“ Baustils finden.

Ein computererzeugtes, aber wie ein Foto wirkendes Bild der Rekonstruktion des Demeter-Tempels findet sich bei Digitale Archäologie

Die spätere Nutzung des Tempels

Schon in den ersten Jahrhunderten n. Chr. wurde der Demeter-Tempel in eine christliche Kirche verwandelt, zunächst mit nur geringen Veränderungen am Gebäude wie der Öffnung eines Eingangs an der Westseite und der Anlage einer Apsis im Osten sowie der Schließung der Vorhalle durch zwischen den Säulen errichtete Mauern. Um 600 n. Chr. wurde der Bau dann tiefgreifend ungestaltet; nur die Nordwand des Tempels blieb erhalten. Aber auch für das neue Gebäude verwendeten die Baumeister größtenteils die Steine und anderen Bauteile des ehemaligen Tempels. Die Südwand wurde etwas weiter nach Süden verlegt und der Innenraum durch zwei Säulenreihen in drei Schiffe unterteilt. Südlich wurde ein weiteres schmales Schiff angebaut, dessen Fundament heute direkt vor der Vorhalle des Tempels zu sehen ist. Davor wurden weitere Gebäude errichtet, die eine kleine Siedlung darstellten; unter anderem fand man Spuren einer Töpferwerkstatt und einer Wein- sowie einer Ölpresse. Diese Siedlung war vom 6. bis zum 8. Jahrhundert n. Chr. in Nutzung.


Bei der Umwandlung des Tempels in eine Kirche wurde im Osten eine Apsis (halbrund vorspringender Altarraum) angebaut.


Steine dieser Art, aus alten Steinen des Tempels angefertigt, wurden bei der Errichtung der Basilika als obere Stützen von kleinen Mittelsäulen in den Fenstern eingebaut. Mehrere derartige, mit „Malteser“-Kreuzen verzierten Steine sind im Museum ausgestellt; diesen Stein haben wir auf der byzantinischen Festung Apalírou entdeckt.


Auch die frühbyzantinische Basilika verfiel schon im Mittelalter, so dass kaum mehr etwas von ihr erhalten war; auf dem Tempelgelände stand in jüngerer Zeit nur noch diese kleine Kapelle (Ágios Joánnis sto Jyroula).


Die zwischen dem Tempel und dem Ort Sangrí gelegene, mit bemerkenswerten byzantinischen Fresken geschmückte Kirche des Heiligen Nikólaos ist eine der vielen Kirchen der Region, bei deren Bau Marmorsteine, die vom Demeter-Tempel stammen, verwendet wurden.


Die antiken Steine zeigen noch die Spuren der Bearbeitung mit Zahneisen.


Eine spätere Nutzung fanden so manche Marmorblöcke des Tempels als Viehtränken (auf dem Tempelgelände ausgestellte Stücke).


Auch in den Feldern kann man hier und da noch derartige Viehtränken finden.

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