Dionysos und die Insel Naxos

Beim folgenden Text handelt es sich um überarbeitete und ergänzte Ausschnitte aus meinem Buch „Zwei Türen hat das Leben“.

Die Herkunft des Dionysos-Kultes

Die Philhellenen der letzten Jahrhunderte waren der Ansicht, dass der Gott Dionysos nicht der ursprünglichen Götterwelt der Griechen angehört habe, sondern erst später, als fremdes, vermutlich orientalisches Element von den Thrakern nach Griechenland gebracht worden sei. Diese Auffassung ist nach neueren Erkenntnissen nicht mehr haltbar. Den alten Geschichtsschreibern zufolge sollen schon die Pelasger, die Naxos während der Frühen Bronzezeit bewohnten, den Fruchtbarkeitsgott Dionysos verehrt haben (der griechische Zwölfgötterstaat etablierte sich in seiner bekannten Form erst kurz vor Homer, d.h. etwa 800 v. Chr.).

Dionysos im Mythos

Dionysos‘ Abstammung und Geburt

Dionysos war einer Verbindung des Göttervaters Zeus mit einer Sterblichen namens Semele entsprungen. Die eifersüchtige Hera flößte der schwangeren Semele den Wunsch ein, Zeus in seiner wahren Gestalt zu erblicken. Als Zeus aber ihren eindringlichen Bitten nachgab und ihr seine wirkliche Gestalt enthüllte, verbrannte sie von dem allzu strahlenden Anblick, den nur Götter zu ertragen vermochten. Zeus rettete den Fötus und nähte ihn in seinem Schenkel ein. Nach der „Geburt“ auf dem mythischen Berg Nysa (daher der Name „Dio-Nysos“: Gott (Dias = Zeus) von Nysa) brachte er den Säugling nach Naxos und übergab ihn an die drei Nymphen von Naxos Philia, Kleis und Koronis. Deren Namen leben noch heute in Ortsnamen auf der Insel fort, nämlich Filóti (der Hauptort der Tragaía), Kleidhó (Landstrich im südöstlichen Naxos nicht weit von Pánormos) und Kóronos beziehungsweise Koronídha (Komiakí).

Die Höhle Kakó Spílaio bei Kóronos

Die drei Nymphen zogen Dionysos der Sage nach in der Höhle Kakó Spílaio am Berg Kóronos auf. Sie bekränzten den Gott mit Efeu: Die später in Griechenland so verbreiteten und beliebten Bekränzungen waren zuerst im Dionysos-Kult üblich (und wer einmal einen Kranz aus Efeu gefertigt hat, der weiß, wie überaus schmückend diese Pflanze ist!). Als Dank dafür, dass sie ihn in seiner Kindheit beheimatet hatte, schenkte Dionysos der Insel Naxos ihren hervorragenden Wein und ihre besondere Fruchtbarkeit.


-Dionysos mit Efeu bekränzt-


Der Gipfel des Kóronos-Berges war ursprünglich vermutlich größtenteils bewaldet; heute gedeiht hier noch eine interessante Heidevegetation.

Nahe der Höhle Kakó Spílaio befindet sich eine antike Inschrift: „DRIOS DIONYSOU“: Dieser antike Name des Berges Kóronos wird in mehreren Mythen um den Gott Dionysos erwähnt. Höchstwahrscheinlich befand sich hier ein heiliger, dem Weingott geweihter Bezirk. Vom Berg Drios aus soll Dionysos auch zusammen mit Ariadne endgültig die Erde verlassen haben, um sich auf dem Olymp niederzulassen, als sich die Götter zu Beginn des historischen Zeitalters von ihren irdischen Abenteuern zurückzogen und sich außerhalb der direkten Reichweite der Sterblichen auf dem Göttersitz einrichteten.


In diesem Taleinschnitt befindet sich die Höhle Kakó Spílaio.


der Eingang zur Höhle


Die Höhle besitzt mehrere Kammern, die durch sehr niedrige Durchgänge miteinander verbunden sind.

In der Höhle wurden kleine tönerne Statuetten des zur Gefolgschaft von Dionysos gehörenden bocksfüßigen Waldgottes Pan sowie von Nymphen gefunden, die hier sicher seit alters her verehrt wurden. Heute ist der Berg Kóronos nicht mehr bewaldet. Noch vor wenigen Jahrhunderten waren jedoch, wie alte Reiseberichte bezeugen, zumindest seine niedrigeren Hänge von Eichenwäldern bestanden – der ideale Wohnort für Dionysos und sein Gefolge. Und der Wanderer, der an seinem Hang unvermutet an einer in einem kleinen, geschützten Taleinschnitt gelegenen Quelle vorbeikommt, wird die Ehrfurcht der Alten vor diesen Stätten nachempfinden können: Man könnte meinen, dass in diesen heimlichen, grün umsprossenen, von mächtigen Platanen beschatteten Tälern mit ihren murmelnden Bächen auch heute noch die Nymphen wohnen.

Der Mythos von Akoites

Im Mythos ist Dionysos in besonderer Weise mit Naxos verbunden. Einer der ältesten Namen der Insel ist „Dhionysiádha“. Die antike Geschichtsschreibung berichtet, dass der Weingott Naxos als seine Heimat betrachtete. Viele der mit ihm verknüpften Mythen ranken sich um die Insel. In der Odyssee berichtet ein ehemaliger Seemann namens Akoites dem König von Theben über seine Begegnung mit dem Weingott, durch die er zum Bacchus-Kult bekehrt worden war: Er war mit anderen Seemännern in der Gegend von Delos gesegelt, als sie an einem Gestade einen schönen Jüngling gefangen nahmen, den sie als Sklaven verkaufen wollten. Nur Akoites schien die Schönheit des Jünglings göttlichen Ursprungs zu sein und er protestierte, allerdings erfolglos, gegen diese Pläne seiner Kameraden. Der Jüngling bat darum, in seine Heimat, nämlich nach Naxos, gefahren zu werden, aber die Seemänner verspotteten ihn und steuerten in eine andere Richtung. Daraufhin erfuhr das Schiff eine wundersame Verwandlung: Es hielt in seiner Fahrt inne, Efeu rankte an den Rudern und den Masten empor, ein duftender Strom von Wein entsprang auf dem Deck, Panther und Leoparden erschienen, und der Gott zeigte sich in seiner strahlenden Gestalt, weinlaubumkränzt, den Thyrosstab schwingend. Die frevelhaften Schiffer – mit Ausnahme des Akoites – stürzten sich in ihrer Angst ins Meer und wurden noch im Sprung in Delphine verwandelt. Nun fuhr das Schiff nach Naxos; dort wurde Akoites von Dionysos zum Priester geweiht.

Der Mythos von Theseus und Ariadne

Einer der bekanntesten Mythen der Antike ist die Geschichte von Theseus, dem athenischen Königssohn, und der kretischen Königstochter Ariadne. In diesem Mythos spielen Dionysos und die Insel Naxos eine bedeutende Rolle. Auf dem Rückweg von der Insel Kreta, wo Theseus mit Ariadnes Hilfe die athenischen Jünglinge und Jungfrauen aus dem Labyrinth mit dem Minotaurus befreit hatte, übernachteten die Flüchtenden auf Naxos. Theseus sah (der attischen Version des Mythos zufolge, s.u.) in dieser Nacht im Traum den Weingott Dionysos, der die schöne Ariadne von ihm forderte. Der gottesfürchtige Jüngling ließ sie daraufhin auf der Insel zurück. Dionysos offenbarte sich ihr und entführte sie zum Berg Drios, wo bald die Hochzeit stattfand. Ariadnes silberner Brautkranz, der von Hephästos gefertigt und ihr von Aphrodite geschenkt worden war, glänzte so stark, dass er als Sternzeichen an den Himmel versetzt wurde. Den unvollendeten Tempel bei der Hauptstadt Chora bezeichnen die Einwohner der Insel noch heute als Palast der Ariadne, und einen in der Nähe gelegenen Brunnen als Ariadne-Brunnen. (In anderen Versionen des Mythos wurde Ariadne von Theseus schändlicherweise und entgegen seinem Versprechen, sie zu heiraten, zurückgelassen und beging dann Selbstmord oder wurde von Dionysos aufgenommen. Die Athener veränderten diesen Mythos zugunsten ihres Helden Theseus. Eine andere Version berichtet uns, dass Ariadne sich in Kreta dem Dionysos versprochen hatte, aber später mit Theseus durchbrannte, woraufhin Dionysos Artemis damit beauftragte, sie zu töten, was auf Naxos geschah.)

König Minos fuhr später nach Naxos, um seine Tochter zurückzuholen, aber Dionysos versteckte sich mit seiner Braut auf der kleinen Nachbarinsel Dionysia (heute Dhonoússa). Ariadne gebar dem Dionysos den Staphylos (stafýli = Weintraube). Sie wurde von den Naxiern ganz besonders verehrt. Nach der Hochzeit besuchten Dionysos und Ariadne den Olymp, wo der Weingott seine Braut vorstellen wollte. Sie brachten als Geschenk für die Götter naxischen Wein mit. Nach seinem Genuss mussten die Götter anerkennen, dass dieser sogar besser sei als der olympische Nektar. Auch unter den Menschen wurde der naxische Wein besonders gerühmt und der Dichter Properz berichtet uns gar: „Dir, Bacchus, zu Ehren ergießt sich mitten durch Naxos ein Strom, aus dem die Naxier in Scharen deinen Wein trinken.“

Das Heiligtum des Dionysos bei Íria

Die mykenischen Siedler, die ab 1500 v. Chr. auf die Inseln vordrangen, übernahmen die Verehrung des Fruchtbarkeitsgottes Dionysos und errichteten ihm ein Heiligtum bei Íria in der Schwemmebene nahe der Chora, dessen Existenz, später als bedeutender Tempel, über 2000 Jahre bis in die römische Epoche hinein nachgewiesen werden kann.


der archaische Dionysos-Tempel in Íria

Die Bedeutung des Dionysos während der archaischen Periode

Während der archaischen Periode erhielt der Dionysos-Kult seine größte Bedeutung. Eine Zeit lang war der höchste Priester des Dionysos gleichzeitig das Oberhaupt der Insel. Auf den ältesten naxischen Münzen (aus dem 6. Jahrhundert v. Chr.) ist Dionysos oder eines seiner Symbole abgebildet: der Weinstock mit seinen Trauben, die Efeuranke, der thyrsos-Stab mit dem Pinienzapfen an der Spitze und der kántharos, die elegant geformte und fein verzierte zweihenkelige Trinkschale.

Im Jahre 537 v. Chr. vertrieb der naxische Adelige Lygdamis die herrschende Aristokratie von Naxos und ernannte sich zum Tyrannen, das heißt zum Repräsentanten der bäuerlichen Unterschicht (der Begriff Tyrann hatte anfangs keine negative Belastung; jemanden „tyrannisch“ behandeln bedeutete ursprünglich etwa das, was wir heute unter „königlicher Behandlung“ verstehen). Unter Lygdamis’ Regierung wurde mit dem Bau des unvollendeten Apollo-Tempels bei der Hauptstadt mit seinem gigantischen, aus sechs Meter langen Marmorblöcken bestehenden Tor begonnen. Auch der Kult des Dionysos gelangte in dieser Zeit zu seiner höchsten Bedeutung. Der Tyrann Lygdamis gewann unter anderem dadurch die Sympathie der bäuerlichen Unterschicht, dass er ihnen wieder das Recht zur Ausübung der althergebrachten Riten des Dionysos-Kultes einräumte, der ihnen als Fruchtbarkeitskult von so großer Bedeutung war; dies war dem einfachen Volk von der Aristokratie verwehrt worden.

Der Kult des Dionysos (Bacchus)

Trunkenheit und Ekstase

Der Kult des Bacchus mit seinen ekstatischen Feiern, seiner Trunkenheit und Raserei hat neueren Erkenntnissen zufolge seine Wurzeln vermutlich tatsächlich auf den Inseln der Ägäis, und das heißt zweifellos auf Naxos. Es ist anzunehmen, dass er sich aus der uralten Verehrung der Nymphen entwickelt hat. Diese waren lokale Naturgottheiten der Wälder, Flussläufe und Quellen und wurden als Fruchtbarkeitsgöttinnen verehrt. In der alten Mythologie tauchen sie häufig in Zusammenhang mit Dionysos auf. Im Gefolge des Dionysos befanden sich außer den Nymphen und dem deren Tanz anführenden Pan auch die ebenfalls bocksfüßigen Satyrn, die Bacchen, der Silen, halb Mensch, halb Pferd, Eros und andere Wesen, die mit der Fruchtbarkeit und der Vegetation verknüpft waren. Diesem „weiblichen“ Aspekt des Bacchus-Kultes entsprechend waren insbesondere viele Frauen Anhänger dieses Kults und zogen, von ihrer sonst eher passiven und zweitrangigen Rolle befreit, in wilden, weinseligen Prozessionen durch die Wälder.

Häufigstes Attribut des Gottes Dionysos außer dem Weinlaub war der Efeu, der auch heute noch entlang der Flussläufe von Naxos häufig vorkommt und ebenfalls eine leicht berauschende Wirkung besitzt, sowie der schon erwähnte Thyrsosstab, der aus dem dicken, hohlen Blütenstiel des Riesenfenchels hergestellt wurde. Den Anhängern des Bacchus-Kultes empfahl man den Thyrsosstab zur Benutzung, da er stark genug ist, den Trunkenen zu stützen, aber nicht so schwer, dass die Rasenden sich damit gegenseitig verletzen könnten.

Von den ägäischen Inseln aus verbreitete sich der Kult des Dionysos über den gesamten griechischen Raum. Der Mythologie zufolge wanderte Dionysos in seiner Jugend über die ganze Erde und verbreitete seine Religion in allen Ländern. Von den Menschen wurde er mit Begeisterung aufgenommen. Überall verbreitete er Freude und Frieden und die Glückseligkeit des Rausches. Er brachte den Völkern auch die Freiheit: Der Sage nach befreite er sie von Unterdrückung, Fremdherrschaft und Sklaverei. Wie schon erwähnt spielte der Dionysos-Kult eine besonders große Rolle in der bäuerlichen Unterschicht, während er von der machthabenden Oberschicht, die an der neuen Religion und an einem Umsturz der bestehenden Ordnung wenig interessiert war, nur zögernd angenommen wurde.

Fruchtbarkeitsritus und Versinnbildlichung des immer wiederkehrenden Lebens

Dionysos’ Gattin Ariadne war ursprünglich eine kretische Fruchtbarkeitsgöttin (Nymphe). Ihr Name leitet sich von „Ari-ágni“ ab, das heißt „die All-Reine“. Sie wurde als mythische Figur in den Dionysos-Kult aufgenommen, als dieser ihre Verehrung ablöste. Auf Naxos huldigte man Ariadne mit zwei Festen, die ursprünglich den jahreszeitlichen Wechsel der Natur versinnbildlichten: Das Verwelken und Absterben der Natur im späten Sommer wurde in einer Trauerfeier begangen und ihr Wiederergrünen im späten Winter in einem fröhlichen, bacchischen Fest (auch bei der Verehrung der Fruchtbarkeitsgöttin Demeter sind diese beiden Aspekte repräsentiert). Später wurden die beiden Feste durch den Mythos illustriert, in dem man auf der Trauerfeier der Ariadne als tragischer Heldin gedachte, die von Theseus auf der Rückfahrt von Kreta nach Athen auf Naxos zurückgelassen wurde und Selbstmord beging oder auf andere Weise den Tod fand, während man beim Frühlingsfest die Aufnahme der verlassenen Ariadne durch Dionysos und deren Hochzeit feierte.

Der Ursprung des Karnevalsfestes

Aus dem antiken Fest, das zu Beginn des Frühjahrs zu Ehren des Fruchtbarkeitsgottes Dionysos begangen wurde, den Dionysaden, entwickelte sich das heutige Karnevalsfest. Bei den Feierlichkeiten, die in der späteren Antike in Athen zu diesem Anlass begangen wurden, zog der Gott in großer Prozession in einem auf Rädern fahrenden Schiff in die Stadt ein. Der Höhepunkt der athenischen Feiern war die Hochzeit des Gottes mit der „Vassilínna“, die aus der naxiotischen/kretischen Ariadne hervorgegangen war. Dieser Brauch wurde wiederum von den Römern übernommen, die den Wagen des Dionysos als „carrus navalis“ bezeichneten: Karneval. Die wichtigsten Aspekte des heutigen Karnevalsfestes sind auch im Dionysos-Kult zu finden: das ausgelassene Feiern, das Betrinken, das Verhüllen der Identität durch eine Maske, das Verspotten der Mächtigen und Einflussreichen.


Darstellung einer dionysischen Maske in einem Fußbodenmosaik auf der Heiligen Insel Delos

Die Befreiung als Wesen des Dionysos-Kultes

Kern und Wesen des dionysischen Kultes ist mit einem Wort gesagt die Befreiung: die Befreiung durch das Betrinken, durch den ekstatischen Tanz, durch den Spott, durch die Maske, die das Äußerliche des Menschen verhüllt und damit das innere, heilige Selbst befreit; die Befreiung von den alltäglichen Sorgen, Befreiung durch den Sieg über den Tod im rauschenden Frühlingsfest. Der Mensch sollte im Miterleben des alljährlichen Wiedererwachens der Natur seine Angst vor dem Tod überwinden, sollte mit sich selbst und mit der Natur in Harmonie gebracht werden, sollte sich als Teil der Gemeinschaft und des großen göttlichen Ganzen empfinden. Dionysos war der Gott, der das Leben und die Lebensfreude ganz und gar bejahte. Die Vereinigung des Menschen mit Gott wurde in der Befreiung des Menschen von (geistigen) Zwängen gesucht, in der Erweckung der Lebenskraft, die jedem Menschen innewohnt.

Im Artikel über Die Portara und den Apollon-Tempel in der Chora kann man über den Unterschied und die Verwandtschaft der Götter Dionysos und Apollon nachlesen.

siehe auch:

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