Meereswürmer
Es gibt zahlreiche marine Würmer, von denen die meisten allerdings wegen ihrer geringen Größe oder versteckten Lebensweise kaum jemals gesehen werden. Die Fadenwürmer, Saitenwürmer, Priapswürmer, Hufeisenwürmer, Ringelwürmer, Spritzwürmer, Schnurwürmer, Kelchwürmer, Plattwürmer und Kratzwürmer stellen je eigene Stämme dar und weisen trotz der oberflächlichen Ähnlichkeit große Unterschiede im Körperbau auf. Auf dieser Seite stellen wir einige Vertreter des großen Stammes der Ringelwürmer vor. Die Ringelwürmer besitzen einen charakteristisch segmentierten Körper. Früher nahm man deswegen an, dass sie mit den Gliederfüßern (Insekten, Krebstiere…) verwandt seien; nach molekularbiologischen Untersuchungen zeichnen sich jedoch heute andere Verwandtschaftsbeziehungen ab, nach denen die Ringelwürmer zusammen mit mehreren anderen Würmer-Klassen und den Weichtieren die sogenannten Lophotrochozoa bilden, denen die “Häutungstiere” mit den Gliederfüßern, Fadenwürmern u.a. gegenüberstehen.
Die Ringelwürmer weisen wie die Höheren Tiere eine sekundäre Leibeshöhle auf, das Coelom, besitzen einen Darm, ein einfaches Strickleiter-Nervensystem, einen einfach strukturierten Kopf mit Sinnesorganen und Mundöffnung und ein geschlossenes Blutsystem, bei dem das Rückengefäß als Herz funktioniert. Die Segmente der Vielborster besitzen je ein Paar füßchenartige Fortsätze (Parapodien) und einen Borstenbüschel; an den Parapodien sitzen oft auch Kiemen.
In der Foto-Übersicht der Meerestiere findet man einen Überblick über alle bislang von mir fotografierten Arten. Bitte beachten Sie, dass ich kein Experte bin und entsprechend manche Bestimmungen falsch sein können.
Hier kann man direkt zu den Arten springen (zurück kommt man durch Zurückblättern): Vielborster: Feuerwurm, Hermodice – Eulalia – Kalkröhrenwürmer, Serpula, Protula – Fächerröhrenwurm, Bispira – Vielfädiger Borstenwurm, Polycirrus – Posthörnchenwurm, Janua – Igelwürmer: Grüner Igelwurm, Bonellia viridis
Vielborster, Polychaeta
Eine der größten und formenreichsten Klassen der Ringelwürmer sind die Vielborster. Es gibt etwa 10.000 Vielborster-Arten, die größtenteils im Meer leben, und von denen über 800 im Mittelmeer vorkommen. Man unterscheidet zwischen den frei beweglichen Formen (Errantier) und den festsitzenden (Sedentarier), die oft eine Wohnröhre bilden. Unter den Errantiern gibt es freischwimmende sowie auf oder im Boden lebende Arten; andere leben zwischen den Algen, im Sandlückensystem oder in Schwämmen. Auch die Ernährung der Vielborster ist sehr unterschiedlich: Manche Arten leben räuberisch, andere ernähren sich von Aas oder von Algen; die Sedentarier sind Planktonfänger, Filtrierer oder Sedimentfresser.
Die größten Vielborster-Arten im Mittelmeer werden mehrere Dezimeter bis einen Meter lang; andere, insbesondere manche Sandlückenbewohner, erreichen nur eine Größe von Bruchteilen eines Millimeters. Auch an Algen leben zahlreiche winzige Formen, die man nur findet, wenn man die Algen in eine Wasserschüssel legt und sie mit der Lupe absucht; es ist erstaunlich, was dabei so alles zum Vorschein kommt. Die größten und auffälligsten Arten bei uns sind die Kalkröhrenwürmer, die jedoch nicht sehr häufig vorkommen, und der Band-Feuerwurm.
Band-Feuerwurm, Hermodice carunculata, Pallas
Der Band-Feuerwurm gehört zu den Errantiern, den frei beweglichen Vielborstern. Er lebt in Algenbeständen und Seegraswiesen sowie auf Felsböden von der Meeresoberfläche bis in etwa 25 Meter Tiefe. Er wird bis zu 30 cm lang. Der abgeplattete, rotbraune Körper ist in über 100 Segmente aufgeteilt. Jedes Segment trägt kleine braune Parapodien an den Seiten mit rotbraunen, gefiederten Kiemen und weißen Borsten, die der Wurm bei Störung aufstellt.
Der Feuerwurm ist tagaktiv; man sieht ihn gar nicht so selten beim Schnorcheln oder auch vom Land aus im flachen Küstenwasser. Er ernährt sich von Aas, von kleinen Wirbellosen wie anderen Würmern, aber vor allem von Seeanemonen und Korallen, die er mit Schableisten in seinem Mund abkratzt.

Der Band-Feuerwurm ist unverkennbar. Er ist recht häufig anzutreffen
Einen Feuerwurm soll man auf keinen Fall anfassen: Die leicht abbrechenden, feinen Borsten dringen in die Haut ein und verursachen tagelang brennende Schmerzen und schlecht heilende Entzündungen. Am besten soll es helfen, die Borsten mit Klebeband zu entfernen.

Wenn der Feuerwurm beunruhigt wird, “plustert” er seine Büschel aus giftigen Borsten auf. Außer den Borstenbüscheln kann man hier gut die rotbraunen, gefiederten Kiemen an den Parapodien erkennen.
Eulalia clavigera, Audouin & Milne Edwards
Auch dieser Wurm gehört zu den Vielborstern. Er ist eng verwandt mit dem Grünen Blattwurm (Eulalia viridis), der jedoch in nördlicheren Gebieten vorkommt.

Eulalia clavigera besitzt einen bis 10 cm langen, aus sehr vielen Segmenten bestehenden, grünen Körper mit kleinen gelblichen Füßchen. Die Art ist oft im flachen Wasser anzutreffen und ernährt sich überwiegend von Aas.
Bunter Kalkröhrenwurm, Serpula vermicularis, L.
Die Kalkröhrenwürmer (Familie Serpulidae) gehören zu den Sedentariern, das heißt zu den sessilen Vielborstern. Sie bilden eine kalkhaltige Röhre, die auf dem Felsboden festsitzt, bei kleinen Arten auch auf anderen Substraten wie Algen und Schneckenschalen. Die Kalkröhre kann mit einem Operculum (Deckel) aus Kalk oder Horn verschlossen werden. Der Körper der Sedentarier ist in verschieden gestaltete Abschnitte unterteilt. Am vorderen Körperende ist ein verzweigter Tentakelkranz ausgebildet, mit dem der Kalkröhrenwurm seine Nahrung (Lebenwesen des Planktons) herbeistrudelt und einfängt. Die Tentakel werden bei Störung schnell zurückgezogen. Bei uns sieht man nur selten Röhrenwürmer, was vermutlich mit der Planktonarmut des Meeres zusammenhängt.
Der Bunte oder Kleine Kalkröhrenwurm besitzt eine rötliche Röhre mit leichten Längsrippen. Der nur 2 bis 3 cm große Tentakelkranz ist zweilappig und besteht aus roten, fein gefiederten Strahlen. Wenn der Wurm aus seiner Röhre herausschaut, wird das Operculum trompetenförmig vorgestreckt. Die Art kommt von der Wasseroberfläche bis in 1000 Meter Tiefe vor.

Bunter Kalkröhrenwurm, Serpula vermicularis
Glatter Kalkröhrenwurm, Protula tubularia, Montagu
Der Glatte Kalkröhrenwurm bildet eine weiße, bis 30 cm lange, glatte Röhre ohne oder mit nur kleinem Operculum und einem weißen oder roten Tentakelkranz. Er ist bei uns regelmäßig zu finden.

Hier ein weißes Exemplar des Glatten Kalkröhrenwurmes.

Rote Exemplare sind deutlich häufiger. Im Mittelmeer treten mehrere verwandte Arten auf, die nur schwer zu bestimmen sind.
Fächerröhrenwurm, Bispira volutacornis, Montagu
Der Fächerröhrenwurm gehört zu den Federwürmern (Familie Sabellidae). Er ist bei uns etwas seltener anzutreffen als die Kalkröhrenwürmer. Seine bis zu 6 cm lange Tentakelkrone besteht aus zwei trichterförmigen Hälften; sie ist braun gefärbt mit einer leichten Musterung. Die Röhre ist dünn und gummiartig.

Der Fächerröhrenwurm ist leicht an seiner braunen, zweiteiligen Tentakelkrone zu erkennen.
Vielfädiger Borstenwurm, Polycirrus spec.
Der Vielfädige Borstenwurm gehört der Familie Terebellidae an. Sein Körper ist in einer Spalte im Felsen versteckt; hervor schauen nur seine langen, dünnen, meist gelblichen Tentakel, die er in unterschiedlicher Richtung auf dem Substrat ausbreitet. Mit diesen Tentakeln fängt er seine Nahrung, winzige Substratpartikel ein, die mithilfe kleiner Wimperchen zur Mundöffnung transportiert werden. Meist findet man diese Wurmart zwischen krustenförmigen Schwämmen. Sie ist sehr unauffällig und kann leicht übersehen werden.

Vom Vielfädigen Borstenwurm sind nur die dünnen, langen, gelblichen Tentakel sichtbar, die er in seiner Umgebung auf dem Substrat ausbreitet.
Janua heterostropha, Montagu
Im Mittelmeer kommen etwa 20 Arten der Gattung Spirorbis bzw. Janua (Posthörnchenwürmer) vor, winzig kleine Röhrenwürmer mit stark gewundenen, schneckenähnlichen Röhren mit Deckel (Operculum). Die Würmer strecken im aktiven Zustand kaum sichtbare, winzige Tentakelkränzchen hervor. Die Posthörnchenwürmer leben auf verschiedenen Substraten wie Steinen, Schnecken und Muscheln, aber auch Algen und Tangen. Sie sind zwittrig; die Jungtiere wachsen im Gehäuse der Mutter heran.
Die hier abgebildete Art ist an ihrem deutlich gekielten, entgegen dem Uhrzeigersinn gewundenen Gehäuse von nur 2 mm Größe zu erkennen (siehe auch die ersten beiden Bilder des Artikels über Meeresschnecken). Sie wird seit kurzem in die Gattung Janua gestellt.

Der kleine Posthörnchenwurm Janua heterostropha bildet winzige, linksgewundene Wohnröhren.
Igelwürmer, Echiura
Die Klasse der Igelwürmer umfasst nur etwa 150 Arten, die alle im Meer heimisch sind. Sie werden heutzutage zu den Ringelwürmern gerechnet, obwohl sie ihre Segmentierung sekundär verloren haben. Oft leben die Igelwürmer in Wohnröhren, aus denen sie nur den Rüssel, das Prostomium, hervorstrecken. Im Mittelmeer leben etwa 4 Arten, von denen der Grüne Igelwurm die häufigste ist.
Grüner Igelwurm, Bonellia viridis, Rolando
Der Grüne Igelwurm besteht aus einem etwa ovalen Körper von ungefähr 10 bis 20 cm Länge und dem ausstreckbaren Prostomium (Rüssel), das bis zu einen Meter lang werden kann. An der Spitze ist das Prostomium in zwei lange, am Rand etwas wellige Kopflappen gegabelt. An der Unterseite des Rüssels verläuft eine bewimperte Rinne. Der Körper des Grünen Igelwurms ist selten zu sehen, da er in einer Felsspalte versteckt sitzt; das nachtaktive Tier streckt nur den langen, geraden Rüssel hervor, mit dem es die Nahrung aufnimmt. Der Igelwurm sammelt Algen- oder Detrituspartikel oder kleinste Organismen vom Untergrund auf, die über die Wimpernrinne am Rüssel der Mundöffnung zugeführt werden, die am Vorderende des ovalen Körpers sitzt. Der Grüne Igelwurm erhält seine dunkelgrüne Farbe vom Stoff Bonellin, ein hochtoxisches Pigment, dessen Nutzen als Antibiotikum erforscht wird.
Das Erstaunlichste am Igelwurm ist seine Fortpflanzung. Die frei ins Meerwasser abgegebenen, schwimmfähigen Larven besitzen kein Geschlecht. Wenn die Larve bis zur Zeit, zu der sie sich auf dem Meeresboden niederlässt, auf kein Igelwurm-Weibchen gestoßen ist, nimmt sie selbst weibliches Geschlecht an, siedelt sich in einer Felsspalte oder kleinen Höhlung an und wächst im Laufe mehrerer Jahre zum adulten Tier heran. Wenn die Larve jedoch in Kontakt mit einem Igelwurm-Weibchen kommt, wird durch dessen Pigment Bonellin eine Veränderung ausgelöst, durch die die Larve sich innerhalb weniger Tage in ein nur wenige Millimeter großes Zwergmännchen umwandelt. Dieses wird vom Weibchen aufgenommen und dringt in dessen Eileiter ein, wo es in einem speziellen Genitalsack den Rest seines Lebens verbringt. Das Zwergmännchen zeigt einen extrem vereinfachten Körperbau: es besteht praktisch nur aus Hoden und besitzt nicht einmal einen Darm: Es ernährt sich, indem es durch Diffusion Nährstoffe aus der Körperflüssigkeit des Weibchens aufnimmt. Im Genitalsack können sich zahlreiche Zwergmännchen aufhalten, deren einzige Funktion und Tätigkeit die Befruchtung der Eier des Weibchens ist.


Der nachtaktive Grüne Igelwurm ist gelegentlich an der Felsküste zu entdecken; hier sieht man die ausgestreckten Rüssel mehrerer Tiere.

Die Weibchen des Grünen Igelwurms sitzen in Felsspalten, aus denen sie ihren langen, oft gerade gehaltenen Rüssel hervorstrecken.

Hier sieht man den Körper des Grünen Igelwurms in einer Felsspalte; auffällig ist der gewellte Rand und die intensiv dunkelblaugrüne Farbe, die durch ein spezielles Pigment, das hochtoxische Bonellin, hervorgerufen wird.

Die Spitze des Rüssels ist zweigeteilt mit langen, welligen “Kopflappen”. An der Unterseite des Rüssels verläuft eine wimpernbesetzte Rinne, über die die aufgenommene Nahrung (Kleinstorganismen und Detritus) zur Mundöffnung am einfach aufgebauten, ovalen Körper transportiert wird.
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