Der hellenistische Turm von Chimarrou

Südlich von Filóti, an der Straße nach Kalandós, ist ein interessanter antiker Wehrturm aus der hellenistischen Zeit (etwa 3. Jhd. v. Chr.) zu besichtigen. Er liegt in 340 m Höhe auf den niedrigen Hügeln südwestlich des Zeus-Berges, in einer im Sommer trocken und öde wirkenden, leicht hügeligen Landschaft, die im Frühjahr jedoch von dichtem Grün überzogen ist. Es ist anzunehmen, dass die ganze Gegend in der Antike landwirtschaftlich genutzt wurde; schon seit der Bronzezeit war diese Gegend von Naxos besonders dicht besiedelt.


Der Turm von Chimárrou liegt nur auf einer unbedeutenden Anhöhe inmitten höherer Hügel.


Die Umgebung wirkt im Sommer trocken und öde; im Frühjahr sind aber viele Täler und Hänge von einem erstaunlich dichten Grün überzogen.

Die Architektur des Turmes

Der Turm von Chimárrou ist ein Rundturm wie auch die meisten anderen hellenistischen Türme der Kykladen. Sein innerer Durchmesser beträgt (unten) 7,2 Meter. Die Mauern sind etwa einen Meter dick, was einen äußeren Durchmesser von gut 9 Metern ergibt. Nach oben hin wird der Turm ein wenig dünner. Er ist bis zu einer Höhe von 15 Metern erhalten (etwa 40 Steinreihen von 30 bis 50 cm Höhe). Ursprünglich hat er wahrscheinlich fünf Stockwerke besessen, von denen das oberste und etwa die Hälfte des darunterliegenden eingestürzt sind, vermutlich vor allem durch Blitzschlag. Es ist unklar, ob der Turm ehemals ein spitzes Dach besaß oder eine Dachterrasse.


Der Turm von Chimárrou stammt aus dem 3. Jahrhundert v. Chr. Er stellt den Wehrturm einer kleinen bäuerlichen Siedlung dar, in den sich die Anwohner bei einem Angriff zurückziehen konnten.

Die Mauern des Turms sind etwa einen Meter dick und bestehen aus einer Außenwand aus größeren und einer Innenwand aus kleineren Steinen. Beide Mauern sind durch quer stehende Bindersteine verbunden (jede dritte oder vierte Reihe besteht abwechselnd aus Läufer- und Bindersteinen, wobei letztere von außen betrachtet fast quadratisch, aber auch breiter sein können).


Im Mauerwerk kann man zwischen den größeren Steinen auch kleinere, etwa quadratische erkennen: Diese sind die quereingebauten Steine, die die Innen- und die Außenmauer verbinden. Der Turm ist seit 2004 in ein Gerüst eingehüllt; das Bild stammt aus der Zeit davor.


Der Eingang mit seinem dicken Türsturz liegt an der wettergeschützten Südseite des Turmes.

Die Außenwand des Turmes ist ohne Mörtel sehr sorgfältig aus Reihen von je gleich hohen Steinen gefügt; die Höhe der Reihen variiert zwischen 30 und 40 cm; die untersten Schichten sind etwas höher. Die Steine sind auf der Ober- und Unterseite sorgfältig mit Zahneisen geglättet, so dass sie genau aufeinander liegen. Ihre wegen der Rundung des Turmes gekrümmte Außenseite ist zudem von oben nach unten vorgewölbt (Bossenmauerwerk), was dem Gemäuer eine gewisse Lebendigkeit verleiht. Diese Außenseite der Steine ist nur ungefähr zurechtgehauen und nicht mit Zahneisen bearbeitet; entlang der Fugen sind die Steine allerdings sorgfältig geglättet und in die richtige Form gebracht. An manchen Steinen kann man eingeritzte Buchstaben erkennen, vermutlich die Signatur ihres Herstellers.


Die Wände des Turmes sind sehr sorgfältig ohne Mörtel gemauert. Ober- und Unterseite der Steine sind exakt geglättet; die Außenseite ist nur grob behauen.


Um den Turm herum liegen zahlreiche heruntergefallene Steine.


Auf einigen der mit Zahneisen behauenen Steine sind Buchstaben eingeritzt, vermutlich die Namenskürzel des Steinmetze.

Die Innenwand des Turmes ist aus kleineren Steinen gefügt. In einer Technik, der man auch bei vielen der traditionellen Steinhäuser der Insel begegnet, sind dabei zwischen die größeren Steine hier und da kleine Stapel aus Steinplatten eingefügt. Die Innenmauer ist nicht unsorgfältig, aber doch viel einfacher und weniger arbeitsaufwändig gehalten als die Außenmauer; beispielsweise sind die Bindersteine oft nicht genau zugeschnitten, sondern ragen aus der Wand heraus.


Eine der Mauerscharten. Im Mauerwerk neben der Schießscharte kann man die typische Mauerweise erkennen, die auch bei vielen steinernen Hirtenhäusern angewendet wird: Zwischen den großen Steinen sind kleine Stapel aus Steinplättchen eingeschaltet.

Im Turm verläuft eine Treppe nach oben, die aus großen Steinplatten besteht, die aus der Wand hervorstehen; sie sind etwa einen halben Meter tief eingemauert und liegen jeweils aufeinander auf. Die Tiefe, Breite und Höhe der Stufen (35 x 80 x 26 cm) ist einheitlich gehalten. Die Treppe war höchstwahrscheinlich durch eine Bretterkonstruktion vom Innenraum des Turmes abgetrennt.


Die Treppe im Turm besteht aus etwa 80 cm aus der Wand ragenden Steinstufen.


Der Turm besaß ursprünglich vermutlich fünf Stockwerke. Von den Holzböden ist nichts mehr erhalten.

Die Böden der Stockwerke waren aus Holz konstruiert. Von ihnen ist nichts mehr erkennbar als die Löcher für die jeweils sechs starken Balken in den Wänden und der rundumlaufende Mauerrücksprung, dessen Höhe darauf schließen lässt, dass auf den dicken ersten Balken eine zweitere engere Balkenreihe lag, die die Holzdielen trug. Das untere Stockwerk war vier Meter hoch, darüber sind noch dreieinhalb etwas niedrigere Stockwerke erhalten. In jedem Stockwerk gab es auf Fußbodenhöhe eine sorgfältig konstruierte Wasserablaufrinne, die innen mit einer Gussplatte und außen mit einem vorspringenden Wasserspeier versehen war. Sie lässt vermuten, dass im Turm regelmäßig häusliche oder bäuerliche Tätigkeiten durchgeführt wurden, die die Verwendung von Wasser erforderten. Im untersten Stockwerk des Turms ist eine große Zisterne in den Felsboden eingearbeitet.

Der Turm als Wehranlage

Diverse Eigenheiten der Architektur des Turmes zeigen deutlich, dass er der Verteidigung gedient hat. Zu diesen Charakteristika gehört die runde Form, durch die er vor Angriffen mit Rammböcken besser geschützt war (durch die Rammböcke ließen sich die Ecken der Gebäude am besten einschlagen). Bezeichnend ist das Fehlen von Fenstern; der Turm weist nur ein paar nach außen hin sehr schmale, nach innen schräg verbreiterte Mauerscharten auf (je drei pro Stockwerk). Diese waren so schmal, dass sie kaum der Verteidigung gedient haben können, insbesondere nicht die, die am engen Treppenhaus liegen; ihr Zweck kann nur die Belichtung und Belüftung des Turmes gewesen sein. Trotzdem ist die Enge der Schlitze ein eindeutiger Hinweis auf den Charakter des Turmes als Flucht- oder Wehranlage, die den Nutzern Schutz bei Angriffen leisten sollte. Oberhalb der Tür liegt das einzige Fenster, das wohl der Verteidigung des Eingangs (der einzigen empfindlichen Stelle des Turmes) durch das Herabwerfen von Steinen diente; es trug ehemals zu diesem Zweck einen hölzernen Vorbau. So konnten sehr effektiv nicht nur mögliche Eindringlinge abgewehrt, sondern auch Rammböcke zerschmettert werden.


Die einzige gefährdete Stelle des Turmes war sein Eingang.


Oberhalb der Tür liegt das einzige Fenster des Turmes, das als Verteidigungsluke für den Eingang diente. Es besaß ursprünglich einen kleinen Vorbau aus Holz, wie an den herausragenden Steinen zu erkennen ist.

Die Architektur des Turmes war genau den Bedürfnissen seiner Erbauer angemessen: Sicher war der Turm nicht ein reines Wehr- oder Wachtgebäude, sondern diente als Wohn- und Arbeitsgebäude für ein ländliches Gehöft, das außerdem effektiv zum Abwehren beispielsweise eines Piratenangriffs ausgerüstet war. Dabei war jeder überflüssige Aufwand vermieden worden und größtmögliche Effizienz in der Architektur angestrebt.

Das Gehöft

Der Wehrturm liegt in einem quadratischen Hof mit knapp 40 Metern Seitenlänge, der von einer Wehrmauer umgeben ist. Um die innerste, sorgfältig gemauerte Wehrmauer herum sind drei bis vier weitere Schutzmauern angelegt. Im südlichen Teil des Hofes liegen an der West- und an der Ostseite eine ganze Reihe von kleinen, direkt aneinander liegenden, rechteckigen Häusern, die eine kleine bäuerliche Siedlung bildeten. Die Häuser haben eine Größe von je einigen Metern. Ihre Wände sind ebenfalls recht sorgfältig gemauert, wenn auch aus kleineren Steinen und deutlich einfacher als der Turm. Die Wände sind an den meisten Stellen bis auf einen guten Meter Höhe erhalten.


Der Turm von Chimárrou ist von einem etwa 40 x 40 Meter großen, viereckigen Hof mit mehreren Schutzwällen umgeben.


Die Umfassungsmauer sind recht sorgfältig aus nur wenig behauenen Steinen errichtet.


Im südlichen Teil des Hofgeländes ist eine Reihe von kleinen Häusern ausgegraben worden.


Die Mauern der Häuser sind recht gut erhalten. Das Fußbodenniveau liegt einen guten Meter niedriger als der Eingang des Wehrturms und das heutige Bodenniveau.


Die Fußböden sind teilweise sorgfältig aus Steinplatten gefügt.

In mehreren Häusern der Siedlung liegen in den Fußboden eingelassene, sorgfältig verputzte Gruben, bei denen es sich höchstwahrscheinlich um Zisternen handelte, die von den Dächern der Häuser mit Regenwasser gefüllt wurden. Die Fußböden sind oft sorgfältig aus großen Steinplatten gefügt. In einem der Gebäude finden sich die Überreste einer Ölpresse. Zum Zermahlen der Oliven diente ein runder, leicht ausgehöhlter Stein mit einer Vertiefung in der Mitte, in der ursprünglich eine Holzachse steckte, um die herum der an einem waagerechten Holz steckende Mahlstein lief. Daneben steht, an die Wand gelehnt, eine Steinplatte mit einer umlaufenden Rille, auf der die Oliven ausgepresst wurden.


In mehreren Häusern liegen in den Boden eingelassene Zisternen.


In einem der Häuser sind Überreste einer antiken Ölpresse erhalten.


Auf diesem Stein wurden die Oliven zermahlen.


Bei diesem Stein handelt es sich vermutlich um die Platte, auf der die zerdrückten Oliven ausgepresst wurden; in der rundumlaufenden Rinne lief das Öl ab.

Weitere hellenistische Türme auf Naxos und im Ägäisraum

Der Turm von Chimárrou wird aufgrund seiner Bauweise auf das 3. Jahrhundert v. Chr., also die hellenistische Periode, datiert. Er liegt in einer Entfernung von etwa 3,5 Kilometern (Luftlinie) von der Küste; die östlich gelegenen Täler sind heute von dichtem Wald bewachsen. Seiner Lage nach kann der Turm wohl kaum als Wachtturm gedient haben; selbst von seiner Spitze aus kann man keinen besonders guten Blick auf das Meer gehabt haben. Die genaue Lage des Turms ist vermutlich einzig durch den gerade hier anstehenden, hervorragend zum Mauern geeigneten Marmor bedingt.

In Süd- und Südwest-Naxos sind die Überreste von mindestens 6 ähnlichen Gehöfttürmen erhalten, die höchstwahrscheinlich aus etwa derselben Zeit stammen. Auch sie lagen nicht an erhöhten Stellen, so dass eine Funktion als Wacht- oder Signalturm ausgeschlossen werden kann. Der nächste dieser Türme liegt sogar geradezu versteckt oberhalb einer kleinen Bucht (Órmos Rína) östlich von Kalandós. Nach ihrer Lage kann es sich also nur um Flucht- und Wehrtürme gehandelt haben, die je zur Verteidigung eines Gehöftes dienten. Ähnliche Türme gibt es auch auf vielen benachbarten Inseln (z.B. mehrere gut erhaltene auf Ikaria), aber auch allgemein im Ägäisraum, in Attika, auf dem Peloponnes und in anderen Gegenden Griechenlands. Außerhalb Griechenlands sind ähnliche Gehöfttürme aus der Antike vor allem aus Teilen Kleinasiens, von der (griechisch kolonisierten) Krim und aus Sardinien bekannt.

Die Anlage derartiger Gehöfttürme bezeugt die Existenz von reichen Großgrundbesitzern, die in der Lage waren, in ländlicher Lage derart aufwändige Gebäude zum Schutz ihrer Ländereien zu errichten; in der hellenistischen Zeit herrschte eine aristokratische Gesellschaft. Es ist anzunehmen, dass die Besitzer im Turm selbst gewohnt haben und in den Häusern des Gehöftes die Untergebenen bzw. Sklaven, die die Felder bewirtschafteten. Dass so viele derartiger Türme errichtet wurden, spricht außerdem von der großen Gefährdung der Inseln vor allem durch Piraten: Vor einem Piratenangriff konnten sich die Bewohner wohl durch Zurückziehen in den Wehrturm effektiv schützen.


Der Turm ist aus direkt vor Ort abgebautem Marmor errichtet; nördlich des Turmes kann man noch die Stellen erkennen, von denen die Steine stammen. Es ist anzunehmen, dass man die genaue Lage des Turmes wegen des hier anstehenden hervorragenden Marmors ausgewählt hat.

Die Kapellen am Turm von Chimárrou

Neben dem Turm stehen zwei winzige byzantinische Kapellen, die in traditioneller Weise mit Steinplatten gedeckt sind. An ihrer Stelle soll ursprünglich eine frühbyzantinische Basilika gestanden haben; vielleicht lag hier ein kleines Kloster. Nur die nördliche der Kapellen (Zoodóchos Pigí = Lebensspendender Quell) wird noch genutzt. Beim Bau der Kapellen sind einige Steine des Turmes verwendet worden, was zeigt, dass ein Teil des Turmes zur Zeit ihrer Erbauung schon eingestürzt war. Nicht weit weg sind spärliche Überreste einer kleinen byzantinischen Siedlung (Ariovésa) erhalten.


Neben dem Turm liegen zwei kleine Kirchlein, an deren Stelle früher eine größere frühbyzantinische Basilika gestanden haben soll.


Die nördliche Kapelle (Zoodóchos Pigí) wird noch genutzt.


In der südlichen Kapelle sind Steine des Turmes eingebaut, was zeigt, dass schon zur Zeit ihrer Errichtung Teile des Turmes eingestürzt waren.

Der heutige Zustand des Turmes

Nach einer Zeichnung aus dem Jahr 1856 zu urteilen, war der Turm damals schon fast in demselben Zustand wie heute (max. 40 Steinschichten). Ludwig Ross, ein in Athen tätiger deutscher Archäologe, der Naxos im Jahr 1835 bereiste, berichtet allerdings noch von 50 Steinschichten (die vermutete Höhe von fünf Stockwerken würde etwa 53 Steinschichten bedeuten). Er erwähnt auch, dass man in der Nähe hellenistische Gräber gefunden habe.

Im Jahr 2004 wurde mit einer Restaurierung des Turmes begonnen. Er wurde in ein Gerüst gehüllt und durch eine Tür gesperrt, so dass man nun nicht mehr hineingehen kann. Die heruntergefallenen Steine wurden zusammengetragen und nummeriert; sie sollten teilweise wieder aufgebaut werden, oder wenigstens ein weiteres Einstürzen des Turmes verhindert werden. Ein Blitzableiter wurde angebracht. Außerdem wurde das Gelände ausgegraben und die Häuser des Gehöftes freigelegt. Leider ist die Restaurierung aus Geldgründen nicht fertiggestellt worden, und der Turm wird wohl ewig in seinem Gerüst bleiben…

siehe auch:

Zum Inhaltsverzeichnis

Als Quelle habe ich vor allem eine Dissertation von Lothar Haselberger an der Technischen Universität München: Befestigte Turmgehöfte im Hellenismus (etwa 1980) benutzt, die mir freundlicherweise Herr Chr. Ucke zur Verfügung gestellt hat. Ihm sei hiermit herzlich gedankt.

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