Das venezianische Kastell Apano Kastro

Außer dem venezianischen Kastell in der Chóra von Naxos gibt es auf der Insel noch eine zweite venezianische Festung: das Apáno Kástro bei Tsikalarió. Es liegt auf einem steilen Hügel zwischen dem Tal von Potamiá und der fruchtbaren Hochebene der Tragaía und ist über einen schönen Wanderweg vom Dorf Tsikalarió aus zu erreichen.

Die Geschichte des Apáno Kástro

Über die Geschichte der Burg gibt es unterschiedliche Angaben. Es hat wohl schon in der Antike ein Gebäude oder eine Festung auf dem Hügel gegeben, von der jedoch kaum Reste erhalten sind. Manchen Quellen zufolge ließ sich der Venezianer Marco Sanudo, als er Naxos im Jahr 1207 einnahm, zunächst auf dem Apáno Kástro nieder (= „Oberes Kastell“, von den Venezianern „Castello d’Alto“ genannt – im Unterschied zum Kastell in der Chóra), das dieser Version zufolge damals in bewohnbarem Zustand gewesen sein muss. Anderen Angaben gemäß wurde die Festung erst von seinem Sohn oder Enkel um die Mitte oder das Ende des 13. Jahrhunderts errichtet, und zwar sowohl als Fluchtburg wegen der häufigen Piratenüberfälle als auch zur Einschüchterung der Bevölkerung, die sich gegen die Unterdrückung durch die venezianischen Feudalherren auflehnte, insbesondere weil diese ihnen die Ausübung bestimmter religiöser Bräuche untersagt hatten. Wenn die Festung damals nicht errichtet wurde, so wurde sie doch sicher wieder aufgebaut bzw in Nutzung genommen.

Die Gneis-Landschaft

Das Apáno Kástro liegt auf einem der höchsten Hügel einer eigentümlichen Gneis-Landschaft (422 m). Der Gneis entstand vor etwa 20 Millionen Jahren (im Miozän), als im Zentrum der Insel aufgrund der großräumigen Dehnung der Ägäisregion flüssiges Magma in höhere Bereiche der Erdkruste aufdrang, so dass deren Gesteine durch die Hitzeeinwirkung umgewandelt (metamorphisiert) wurden. Gneis hat eine ähnliche Zusammensetzung wie Granit, weist jedoch eine deutliche, gebogen oder wellig verlaufende Bänderung auf. Der Gneis erodiert zu einem grobkörnigen Sand, insbesondere an feuchten, schattigen Stellen, teilweise aber auch an den exponierten Oberseiten, wo die Kristalle durch die starke Erhitzung während des Tages zersprengt werden. Die Gesteinsoberfläche erodiert an manchen Stellen dadurch so schnell, dass sich kein Flechtenbewuchs etablieren kann. Weniger stark exponierte Stellen des Gneis sind im Gegensatz dazu meist flächendeckend von Flechten bewachsen.


Die venezianische Festung Apáno Kástro befindet sich in der zentralen Gneis-Landschaft zwischen Potamiá und der Tragaía.


Der Wanderweg zum Apáno Kástro führt von Tsikalarió aus zunächst an einigen Höfen vorbei.


Gneis erkennt man an seiner (hier sehr feinen) Bänderung, die nicht gerade verläuft, sondern gebogen oder wellig.


Die Felsen sind insbesondere auf den schattigen Seiten dicht mit Flechten bewachsen. Hier eine Nabelflechte (Umbilicaria spec.).


Blick nach Norden, im Hintergrund der Kóronos-Berg

Die Burganlage

Das Apáno Kástro besteht aus einer äußeren, unteren Burganlage auf dem Südhang des Berges und aus der eigentlichen Hauptburg auf der Hügelspitze. Beide Anlagen besaßen hohe Wehrmauern, umfassten aber nur wenige Gebäude, von denen fast alle Kirchen oder Kapellen sind. Die Kirchen der Burg sind teilweise recht gut erhalten. Außerdem kann man noch mehrere Zisternen und Reste des „Palastes“ erkennen. An mehreren Bauwerken der Festung, die an steilen Stellen stehen, ist je die äußere Seite des Gebäudes wegen der schnellen Erosion des Untergrundes weggebrochen.


Die Festung liegt auf dem höchsten, steilen Hügel der Gneis-Landschaft.


An dieser Kapelle der Heiligen Panteleimonas biegt man vom Pfad ab und steigt mehr oder weniger querfeldein den Hügel hinauf. Vor der (verschlossenen) Kapelle liegt ein tiefer Brunnen.

Die Außenburg

Am Südhang des Festungshügels liegt unterhalb der eigentlichen Hauptburg ein größerer befestigter Bezirk mit mehreren Kirchen. Die Außenburg war von der Ostseite her zugänglich; der ehemalige Eingang ist durch eine vorspringende, runde Wehranlage mit Schießscharten, die Barbakane, geschützt.


Unterhalb der Hauptfestung auf der Spitze des Hügels liegen in der ebenfalls gut befestigten Außenburg mehrere orthodoxe Kirchen. Hierher flüchteten sich die griechischen Bewohner der Umgebung bei Piratenüberfällen. Die Kirchen sollten wohl göttlichen Beistand bei der Verteidigung des Kastells sichern.


Der ehemalige Eingang am flacheren Osthang ist durch einen mehrstöckigen, vorspringenden Rundturm mit in alle Richtungen schauenden Schießscharten geschützt (Barbakane).


Blick durch eine der Schießscharten der Barbakane. Hier sollen auch Kanonen gestanden haben, mit denen Angreifer abgewehrt werden konnten.


Das Kastro umfasst eine ganze Reihe von Kirchen und Kapellen. Diese dem Heiligen Georgios geweihte Kapelle thront einsam auf dem steilen Osthang. Der Heilige Georg als „militärischer“ Heiliger (Drachentöter) wurde offenbar zur Unterstützung bei der Verteidigung der Burg angerufen.


Die obere Umfassungsmauer ist nur noch in Teilen erhalten.


Dass die Mauern und Gebäude des schon so stark zerfallen sind, liegt unter anderem an der schnellen Verwitterung des Untergrundgesteines. Wie schnell die Erosion abläuft kann man daran erkennen, dass Felsflächen wie diese oft völlig frei Flechten sind.


Bei diesem Gebäude handelt es sich um die Kirche Panagía Kastrianí, die früher bedeutende Wandmalereien und Ikonen enthielt. Sie wurde noch bis ins letzte Jahrhundert hinein von den Menschen aus der Tragaía und aus Potamiá am Tag ihres Kirchenfests besucht. Leider ist die Südwand des Gebäudes inzwischen abgestürzt.


Am Fenster sind eingemeißelte Verzierungen erhalten.


Vor dem Gebäude liegt ein Mühlstein.


Von der Wand des Innenhofes steht fast nur noch der Bogen.


Diese winzige Kapelle (Metamórphosis) liegt an der Südseite unterhalb der Burganlage.


Diese Mauern oder Gebäudereste erwecken den Eindruck, dass sie älter sind als die venezianischen Bauwerke.


Viele der Steine sind dicht mit Flechten überwachsen. Bei der kleinen Strauchflechte handelt es sich um die Art Roccella phycopsis.


Auch von diesem größeren Kirchenbau (Agios Joannis) ist die Südseite weggebrochen. Man beachte die antiken Marmore an der linken Eingangstür.


Ganz im Westen liegt geschützt unter einem Felsen ein Ausguck Richtung Chóra – von hier aus und von einem Wachtposten unterhalb der Burg Richtung Potamiá wurde ständig Ausschau nach Piratenschiffen gehalten.


Der Ausblick ist eigentlich das Schönste von allem, hier nach Westen auf das Tal von Potamiá und die Chóra im Hintergrund.

Die Hauptburg

Die Hauptburg auf der Hügelspitze umfasst ein Areal von etwa 120 mal 50 Metern mit mehreren Gebäuderesten. Sie war durch dicke, hohe Umfassungsmauern geschützt, von denen jedoch nur noch kleinere Teile erhalten sind. Der besonders gut bewehrte Eingang zur Hauptburg lag auf der Südseite des Hügels; es geht steil den Hügel hinan und zwischen zwei Wehrmauern hindurch. Ursprünglich gab es hier der Überlieferung zufolge ein eisernes Tor. In der Nähe des Eingangs liegt die Ruine einer großen Kirche; hierbei handelt es sich um die katholische Kirche der venezianischen Feudalherren, die auf der Hauptburg wohnten oder sich im Fall von Piratenüberfällen dorthin zurückziehen konnten. Weiter östlich befinden sich die Reste des „Palastes“, d.h. des Wohngebäudes der venezianischen Herren. Ein kleiner Gebäuderest ganz an der Ostkante des Hügels wird als „Balkon“ bezeichnet, da man von hier aus einen schönen Ausblick über die Tragaía hat. Weiterhin gibt es auf dem Gelände mindestens drei innen verputzte Zisternen.


der gut, steile befestigte Eingang zur eigentlichen, oberen Festung, der Innenburg


Hier sind die Mauern stellenweise noch recht gut erhalten. Bei der Errichtung des Kastros verwendeten die Baumeister einen besonders harten Mörtel, der der Überlieferung gemäß unter Verwendung von Öl hergestellt wurde. Wie stark dieser Mörtel ist, kann man daran erkennen, dass hier der obere Teil der Mauer noch steht trotz des großen Lochs darunter.


Das am besten erhaltene Gebäude der oberen Festung ist eine große Kirche.


Auch bei diesem Bau wurden einige antike Marmore verwendet.


Hier und da findet man (wie an vielen byzantinischen und venezianischen Gebäuden) in den Mauern poröse Tuff-artige Steine, die wohl nicht von Naxos stammen, sondern möglicherweise von Santorin.


Die Kirche von Osten. Links im Vordergrund ist eine der Zisternen der Festung zu erkennen.


Die Zisternen sind mit einem rosa wirkenden Verputz ausgekleidet, der viele fein zerschlagene Tonscherben enthält. In der Mitte wieder ein antiker Marmorstein.


Diese Mauern mit der aus sorgfältig behauenen Steinen gemauerten Ecke sind der einzige Überrest des „Palastes“, des Wohngebäudes der venezianischen Feudalherren.


Blick von der oberen Festung auf den unteren Burgbereich mit seinen Kirchen.


Blick von oben auf die Barbakane


Von der Festung hat man einen großartigen Ausblick über die nahe gelegenen, dichter besiedelten Bereiche im Westen, Süden und Osten. Hier der Blick nach Osten auf die Tragaía.


Für den Rückweg steigen wir an der Kirche des Ágios Joánnis hinab. Die ganze Südseite des Gebäudes ist abgestürzt; teilweise sieht das Material wie frisch herabgefallen aus. Bis vor wenigen Jahrzehnten standen die Kirchen noch. Es ist sehr bedauerlich, dass nichts zu ihrere Erhaltung unternommen worden ist.

Nicht weit von der Festung entfernt Richtung Südosten liegt noch im Bereich der Gneishügel ein einzigartiger Friedhof aus der geometrischen Zeit mit Tumulusgräbern, deren Umrisse man noch erkennen kann. Es ist naheliegend, dass es sich hier um den Friedhof einer antiken Stadt auf oder am Festungshügel handelt.


Östlich des Kástro-Hügels schließt sich ein ebeneres Gelände mit alten Terrassen an. Von hier bietet sich ein schöner Blick auf die Festungsanlage.


einer der Steinkreise des bemerkenswerten, 3.000 Jahre alten Friedhofs

verwendete Literatur: Νίκου Ανρδ. Κεφαλληνιάδη, Δυο Κάστρα της Νάξου, Εταιρία Κυκλαδικών Μελετών, Τόμος Δ‘, Αθήνα 1964
zur Verfügung gestellt von Herrn Chr. Ucke, dem hiermit herzlich gedankt sei

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