Denkanstöße

Um die Gegenwart zu verstehen, ist es manchmal ganz gut, in die Vergangenheit zurückzublicken. Da wollen wir uns mal einen so gut wie vernichteten Staat am Ende des Zweiten Weltkrieges anschauen. Dieser Staat (ich rede von Deutschland) hatte in seinen Nachbarstaaten unbeschreibliche Katastrophen angerichtet (schon vergessen?). Nun befand er sich aus ganz und gar eigener Schuld in einer sehr schwierigen Lage. Was machten in dieser Situation die Staaten, die dieses Land gerade so barbarisch bekämpft hatte? Sie halbierten seine früheren Schulden aus dem Ersten Weltkrieg (ja, auch Griechenland schenkte Deutschland damals die Hälfte seine früheren Schulden, die letzte Rate der anderen Hälfte ist vor einiger Zeit gezahlt worden) und unterstützten es mit einem großzügigen Marshallplan, der dem Land die nötigen Waren zur Verfügung stellte und für ein günstiges Klima für einen kräftigen Aufschwung sorgte; außerdem wurde Deutschland von allen militärischen Ausgaben befreit. Löhne und Sozialleistungen wurden nicht gekürzt sondern erhöht, es gab praktisch keine Arbeitslosigkeit. Wir wollen nur nebenbei daran erinnern, dass die Verbrecher und Verursacher des vorangegangenen Krieges nur sehr lasch bestraft und größtenteils statt dessen in günstige Positionen befördert wurden. Die Gründe dafür sollten hoffentlich klar sein ohne dass wir extra auf sie hinzuweisen brauchen. So erreichte das Land in Rekordzeit eine neue Führungsstellung in Wirtschaft und Politik.

Die Schulden aus dem Zweiten Weltkrieg und Reparationszahlungen, die Deutschland zu leisten hatte, wurden im Laufe der Jahre größtenteils beglichen – auch wenn die Toten nicht wieder lebendig gemacht und die Schäden nicht wieder rückgängig gemacht werden konnten, so wurde doch zumindest eine gewisse Entschädigung geleistet. Mit einer Ausnahme. Griechenland ist eines der Länder, das am meisten unter dem Zweiten Weltkrieg gelitten hatte. Es war kein eigentliches Ziel der Nazi, stellte sich ihnen aber trotzdem mutig entgegen und brachte Deutschland und seinen Verbündeten ihre erste Niederlage bei. Natürlich hatte es als Zwerg gegen den Riesen trotzdem keine Chance, wurde unterworfen und hatte unter mehreren Jahren harter Besatzung zu leiden. Die Verluste an Menschenleben waren in Griechenland im Vergleich zur Bevölkerung so hoch wie in keinem anderen Land. Zusätzlich zur allgemeinen Terrorherrschaft und zu Holokausten in 89 Dörfern nahm Deutschland bedeutende Zwangsdarlehen auf, die das Land in weitere Armut warfen, Zwangsarbeiter wurden nach Deutschland gebracht usw.

Griechenland ist das einzige Land in Europa, in dem nach der Befreiung und nach Deutschlands Niederlage die Widerstandskämpfer nicht für ihrem Kampf für die Heimat belohnt oder zumindest anerkannt wurden – im Gegenteil, sie wurden – man höre und staune – wieder verfolgt und ermordet, nun von der neuen, von den Siegermächten eingesetzten Regierung. Griechenland steht ebenfalls allein in dem Ausmaß, in dem die Landesverräter, die mit der Besatzungsmacht gemeinsam gegen das eigene Volk vorgegangen waren, nicht nur nicht bestraft wurden, sondern wo ihnen bedeutende Stellen in Politik und Wirtschaft verliehen wurden (die Gründe dafür sind die gleichen wie oben).

Griechenland hatte nun Ansprüche auf Reparationszahlungen, Schadensersatz und Wiedergutmachungen in Bezug auf die Opfer der Massenerschießungen oder -erhängungen, der Zwangsarbeit, der Schäden aufgrund der Besatzung, der Zerstörungen, der gestohlenen Kulturgüter und der gestohlenen Werte wie beispielsweise das Gold des Staates. Und natürlich waren von Deutschland die Zwangsdarlehen zurückzuzahlen. Merkwürdigerweise wurden kaum Schritte in dieser Richtung unternommen, außer der Zahlung einiger Reparationen. Es ist zu verstehen, wenn auch enttäuschend, dass Deutschland seinen Verpflichtungen nicht nachkommen wollte. Es ist nicht zu verstehen, warum die griechische Regierung sie nicht einforderte. Im Gegenteil, die Ansprüche der auf Entschädigungen klagenden griechischen Bürger wurden von den griechischen Gerichten (auf Veranlassung der Regierung hin) abgewehrt. Wie dem auch sei, die Antwort Deutschlands auf Ansprüche irgendwelcher Art war stets, dass derartige Fragen nicht vor der Wiedervereinigung behandelt werden könnten. Nun ist Deutschland schon einige Jahre lang wiedervereinigt. Wirtschaftlich geht es ihm gut. Man sollte meinen, dass es an der Zeit wäre, einiges wieder gut zu machen.

Schauen wir uns also einmal die Gegenwart an. Nun ist Griechenland in einer schwierigen wirtschaftlichen Lage. Natürlich kann man die Schuld dafür leicht bei den Griechen finden. Die Korruption herrscht im Land und das Misstrauen der Bürger gegen seine eigene Regierung und gegen Europa ist hoch. Trotzdem kann ich nicht sehen, dass Griechenland seine jetzige Lage in denselben Maß selbst verursacht hat, wie Deutschland seine Lage nach dem Zweiten Weltkrieg. Griechenland hat sich selbst geschadet, aber seinen Nachbarn keinerlei Schaden zugefügt; im Gegenteil, die exportierenden Nachbarn haben von der schlechten Wirtschaft Griechenlands profitiert. Man weiß, mit welchen Maßnahmen man einem Land wieder auf die Beine helfen kann. Man weiß auch, mit welchen Mitteln man es nicht kann. Mit welchem Recht will nun Deutschland Griechenland, das ihm nie geschadet hat, Maßnahmen aufzwingen, die ihm selbst, als es in einer entsprechenden (und moralisch viel schlechteren) Lage war, nicht aufgezwungen wurden? Von denen offensichtlich ist, dass sie die Bevölkerung des Landes endgültig in die Knie zwingen? Will es vielleicht eine verspätete Rache nehmen für seine Niederlage? Oder hat ihm Griechenland so gut gefallen, dass es es nun auf diese Weise unterwerfen will? (Entschuldigt, das nehme ich zurück, es ist mir so rausgerutscht.)

Denken wir weiter. Was passiert, wenn in Griechenland plötzlich Patrioten an die Regierung kommen? Wenn sie die Schulden, sei es nur aus dem Zwangsdarlehen und nicht für sonstige Schadensersatzzahlungen und Wiedergutmachungen, einfordern? Nicht auszudenken! Plötzlich wäre Griechenland schuldenfrei und Deutschland würde sich in der griechischen Situation befinden. Erstaunlich, aber wahr: die Griechen, sowohl die Regierung, als auch die Bevölkerung, hatten diese noch offene Frage vergessen. Die Deutschen nicht. Deswegen haben sie in die Verträge zum ersten Darlehenspaket extra einen Artikel eingebaut, der besagt, dass die durch diese Darlehen entstehenden Schulden Griechenlands nicht gegen frühere Darlehen verrechnet werden können. Man höre und staune.

Kein Wunder, dass Deutschland nichts gegen die korrupten Politiker Griechenlands einzuwenden hat. Kein Wunder, dass es die Wahlen in Griechenland verhindern oder herauszögen will. Kein Wunder, dass es der deutschen Regierung gefällt, wenn die griechischen Schulden in unerreichbare Höhen getrieben werden, während gleichzeitig nichts dafür getan wird, die griechische Wirtschaft anzukurbeln. Kein Wunder, dass man immer noch keine Anstrengungen unternimmt, die Gelder für die Begleichung der griechischen Schulden bei den griechischen Reichen zu bekommen – die sind ja sowieso zahm und brav. Die arme Bevölkerung muss im Zaum gehalten werden, sie muss rechtzeitig zertreten werden, bevor sie möglicherweise aufwacht. Ein geschenkter Happen zwischendurch, mit dem der Frieden erkauft werden kann, fällt dagegen nicht ins Gewicht, insbesondere, da es ja im Endeffekt immer der Steuerzahler trägt. Und man kann dieses „Geschenk“ ja mit netten Verpflichtungen verknüpfen, die die griechische Bevölkerung auf Jahre hin versklavt – zwei Fliegen mit einer Klappe.

Kein Wunder, dass manche Kapitel der Geschichte immer noch totgeschwiegen werden. Kein Wunder, dass der Europäische Gerichtshof (jetzt gerade vor ein paar Wochen) Deutschland recht gab, als es Einspruch erhob gegen den Entschluss eines italienischen(!) Gerichtes, das den Bewohnern von Distomo für Schadenersatzansprüche wegen der Ermordung der gesamten (anwesenden) Dorfbevölkerung (einer der oben erwähnten Massenerschießungen) während der Besatzungszeit eine ungenutzte deutsche Immobilie in Italien übergab.

Der Verlierer der ganzen Angelegenheit ist klar: die griechische Bevölkerung. Sie sitzt in der Falle, was auch immer sie machen wird. Das Gelände ist ja gründlich vorbereitet.

Ist nun doch der Zeitpunkt gekommen, an dem wir sagen müssen, dass wir nichts aus der Geschichte gelernt haben?

Hier noch als Ergänzung ein Hinweis eines Lesers: Text zur aktuellen Situation in Griechenland von Mikis Theodorakis

zum Weiterlesen:

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