Die griechische Amputation

Ich zögere stets, mich in diesem Blog zu den politischen und wirtschaftlichen Vorgängen hier in Griechenland zu äußern, weil das ja nicht sein Zweck und Thema ist. Jede Regel besitzt allerdings bekanntlich Ausnahmen, und dieses ist eine. Ich will mich allerdings hier nicht in Zahlen und Fakten verlieren; vielleicht muss ich mich dazu ein andern Mal aufraffen. Aber weil Europa ohne ein Verständnis seiner Mitglieder füreinander im Chaos oder in schlimmeren Zuständen zu versinken droht, will ich für alle, die es hören wollen, die griechische Situation, so wie sie sich für den Bürger darstellt, in einer Anekdote verdeutlichen. Es kann ja für das Verständnis einer Situation durchaus nützlich sein, das Ganze mal von einer anderen Warte aus zu betrachten.

Es war also einmal ein Arbeiter, dessen Hände aus nicht eindeutig geklärten Gründen eine schlechte Arbeitsleistung zeigten (manche reden von Faulheit, andere davon, dass die eine Hand nicht wusste, was die andere tat, andere meinen, dass die eine Hand mit Absicht das Gegenteil der anderen machte usw.). Kurz und gut, er machte Schulden, die er bald nicht mehr bezahlen konnte. Daraufhin bildete sich unter den Kollegen eine Kommission, die über die erforderliche Therapie entscheiden wollte. Nach gründlicher Untersuchung einigte man sich darauf, die linke Hand zu amputieren. Der Patient hatte Bedenken, die jedoch schnell beseitigt wurden; die Beteiligten versicherten, dass es sich um eine effektive Methode handele. Weitere Darlehen für die Zeit der Arbeitsunfähigkeit wurden geleistet. Zur Überraschung aller (vom Patienten abgesehen) zeigte die Amputation nicht das gewünschte Ergebnis; die Arbeitsfähigkeit der Arbeiters ging weiter zurück, die Verschuldung stieg weiter an, und der Patient konnte sich, wie leicht einzusehen ist, kaum noch Geld leihen. Wieder trat die Kommission zusammen, um über die weitere Behandlung zu beraten. Die Kommission erklärt sich großzügig dazu bereit, einen großen Teil der neu entstandenen Schulden zu streichen und außerdem die weitere Therapie kostenlos zu übernehmen. Es wurde eine Wiederholung der vorigen Therapie beschlossen, d.h. nun sollte auch die rechte Hand amputiert werden. Alle Beobachter der Situation äußern die Ansicht, dass diese Therapie nicht nützen kann, und der Patient sträubt und wehrt sich; er wird jedoch mit dem schlagenden Argument zum Schweigen gebracht, dass es keine andere Lösung gibt, und ihm wird außerdem verdeutlicht, dass er, hoch verschuldet, wie er ist, kein Mitspracherecht in seinen Angelegenheiten hat. Zur Klärung der weiteren Entwicklung verlangt die Kommission vom Patienten eine schriftliche Versicherung, dass er nach der Amputation sein Arbeitssoll erfüllen wird; wenn er das nicht schafft, dann soll ihm jede Hilfe gestrichen und jede Unterstützung aufgekündigt werden.

Nun höre ich schon den Aufschrei von (Teilen) meiner Leserschaft: Astrid, wie kannst du die Dinge nur so vereinfacht bzw. verzerrt darstellen?? Aber glaubt mir, ganz genau so stellt sich die Angelegenheit von der Warte des griechischen Normalbürgers aus dar, der sich kein Geld in seine eigenen Taschen gewirtschaftet hat, und der jetzt für die Begleichung von Schulden, die er nicht (oder nur in geringem Maß) verursacht hat, nicht nur zahlen muss, sondern der dafür völlig ruiniert werden soll, ohne dass auch nur ansatzweise ein positives Ergebnis (für ihn und für seine (europäischen) Mitbürger) abzusehen ist. Ich schreibe dieses mit einer gewissen Bitterkeit, wie vielleicht herauszuhören ist. Die Griechen fühlen sich im Moment genau so, wie sich der oben erwähnte Patient fünf Minuten vor der Amputation fühlt. Ich kann es einfach nicht glauben, dass wir Europäer nicht zu einem besseren Umgang mit unseren Problemen imstande sein sollen. Wenn es Euch, meine geneigten Leser, interessiert, dann muss ich das Ganze ein anderes Mal mit Fakten und Daten zur heutigen Situation des griechischen Bürgers illustrieren. Ich warte auf Eure Rückmeldungen und Antworten.

▸ Ergänzung: Das Problem der Falschen Methode

▸ Ergänzung: Was den Griechen am neuen Sparpaket nicht gefällt

Und hier Hinweise auf sehr lesenswerte Texte zum Thema:

Zeit online: griechenland-merkel-euro/komplettansicht

Eurorettung

„Diese EU hat keine Berechtigung mehr“

„Mit der Bundesregierung nachhaltig in die Krise”

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