Akrotiri auf Santorin

Akrotiri heißt eine kleine Ortschaft im Südwesten von Santorin. Sie ist in der letzten Zeit sehr bekannt geworden durch die Entdeckung einer bronzezeitlichen („minoischen“) Siedlung, die durch die letzte große Eruption des Vulkans von Santorin um 1645 v. Chr. zerstört und verschüttet wurde: ein griechisches Pompeji.

Das Dorf Akrotiri


Seit einigen Jahrzehnten hat sich die kleine Ortschaft Akrotiri aufgrund der berühmten nahegelegenen Ausgrabungsstätte touristisch entwickelt. Am Kraterrand sind eine Reihe von Hotels und Pensionen entstanden.


Vor der Entdeckung der verschütteten bronzezeitlichen Siedlung lebte die Bevölkerung von Akrotiri in traditioneller Weise als Selbstversorger von der Landwirtschaft. Das Dorf liegt an einem Hügel, der von einer kleinen venezianischen Festung gekrönt ist.


Reste des venezianischen Kastros


Blick vom Kastro-Hügel zur Ausgrabungsstätte, die in der Ebene nah an der Südküste der Insel liegt.


Die bedeutendsten landwirtschaftlichen Produkte von Santorin waren Wein, Tomaten und Fava-Bohnen. Da die Insel fast keine Quellen bietet, wurden (und werden) die Pflanzen ohne Bewässerung kultiviert. Der nährstoffreiche vulkanische Boden speichert das Regenwasser lange genug, dass eine Ernte möglich ist.


Die Weinstöcke werden auf Santorin auf eine besondere Weise kultiviert, bei der die Zweige korbartig geflochten werden, um die Trauben vor dem oft sehr starken Wind zu schützen.


Die jungen Trauben werden in das Innere des aus den Zweigen geflochtenen „Korbes“ gesteckt, wo sie dem austrocknenden Wind weniger stark ausgesetzt sind. Man sieht auch den humusarmen, „staubigen“ Boden, der sich aus der Vulkanasche bildet.

Die Ausgrabungsstätte

Bis zur Mitte des letzten Jahrhunderts war sehr wenig über die Vorgeschichte der Kykladen bekannt, im Gegensatz zum benachbarten Kreta, dessen minoische Paläste schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts entdeckt und ausgegraben wurden. Zwar waren beim Bimssteinabbau auf Santorin schon früher prähistorische Mauerreste unter dicken Ascheschichten gefunden worden; diesen Funden wurde jedoch noch keine Bedeutung beigemessen. Als Erster setzte der griechische Archäologe Spyridon Marinatos Bimsstein-Ablagerungen in einer minoischen Villa auf Kreta mit einer Eruption des Vulkans von Santorin in Verbindung und stellte die These von der Zerstörung der minoischen Kultur durch einen Vulkansausbruch auf. Im Jahr 1967 begann Marinatos mit der Suche nach minoischen Überresten auf Santorin selbst. Für die Ausgrabung wählte er eine Stelle in der Nähe des Dorfes Akrotiri, weil es mit seiner Lage am Rande der Küstenebene eine geeignete Stelle für eine Besiedlung darstellte, weil es Richtung Kreta schaute und schließlich weil an dieser Stelle die Ascheschicht vom letzten Ausbruch des Vulkans mit maximal 15 Metern relativ dünn war. Die Ergebnisse der Ausgrabung übertrafen selbst die kühnsten Erwartungen: Die Archäologen trafen auf die gut konservierten Überreste einer spätbronzezeitlichen Stadt, die überraschend groß und gut organisiert war und deren kulturelles Niveau sich durchaus mit dem der gleichzeitigen minoischen Paläste in Kreta messen konnte. Bis heute sind etwa 2 Hektar der Stadt freigelegt worden; dabei handelt es sich aber vermutlich erst um wenige Prozent des Stadtareals: Die Zahl der Einwohner des bronzezeitlichen Akrotiri wird auf mehrere Tausend geschätzt.

Das bronzezeitliche Akrotiri war durch einen Ausbruch des Vulkans von Santorin zerstört worden, der später auf das Jahr 1645 v. Chr. datiert werden konnte. Die dicke Ascheschicht, durch die die Stadt bei der Eruption bedeckt wurde, hatte sie gleichzeitig konserviert, so dass sie bei der Ausgrabung in vergleichsweise gutem Zustand aufgefunden wurde. Die bislang ausgegrabenen Teile der Stadt bestanden aus engen Straßenzügen mit zwei- und dreistöckigen Häusern, die teilweise aus unbehauenen, teilweise aber auch aus ordentlich zurechtgeschnittenen, mit Mörtel zusammengefügten Steinen bestanden. Es gab gepflasterte Straßen, die sich zu kleinen Plätzen erweiterten, und eine sorgfältig angelegte Kanalisation. Die Häuser besaßen keine Höfe, Ställe oder Gärten. Teilweise handelte es sich um Werkstätten oder Geschäfte mit großen Fenstern zu Straße; einigen Häusern wird eine religiöse Funktion zugeschrieben, andere dienten vermutlich Verwaltungszwecken.


Teil der Ausgrabungsstätte in Akrotiri; man sieht einfachere und sorgfältiger errichtete Mauern; im Hintergrund sieht man drei aneinanderstehende Türrahmen (die verbrannten Türpfosten sind bei der Ausgrabung mit Beton ausgegossen worden).

In Akrotiri sind (bislang) keine Überreste von Menschen gefunden worden: Die Bevölkerung war schon vor dem Ausbruch geflohen. Einige Zeit vor der eigentlichen Eruption hat offenbar ein starkes Erdbeben die Stadt erschüttert, so dass Häuser zerstört, Straßen verschüttet sowie Treppenstufen zerbrochen wurden. Nach dem Erdbeben räumten die Bewohner ihre Stadt wieder auf, stützten Wände ab und schafften Schutt weg usw. Aber nicht viel später flohen sie erneut, und diesmal wurde es ernst. Die flüchteten Menschen nahmen ihre Wertsachen mit – Schmuck oder andere Wertgegenstände sind in Akrotiri nicht gefunden worden. Auch Vorratsgefäße und Möbel sind teilweise aus den Häusern geholt worden; man hat Sammelstellen mit zahlreichen zum Transport bereitstehenden Gefäßen gefunden, die jedoch nicht mehr mitgenommen wurden – der Vulkan bereitete den Rettungsarbeiten ein jähes Ende. Auch wenn man in Akrotiri noch keine Überreste von Menschen gefunden hat, so hat die Bevölkerung der Stadt wohl doch keine andere Insel erreicht, jedenfalls kann man nirgendwo in der Nähe eine entsprechende Einwanderung einer größeren Bevölkerung erkennen – die Menschen sind vermutlich auf der Flucht noch umgekommen.


Diese Treppe ist bei dem Erdbeben, das den Vulkanausbruch ankündigte, zerstört worden.


An manchen Stellen sind größere Mengen an tönernen Vorratsgefäßen gefunden worden.

Die in Akrotiri gefundenen Lebensmittel und Werkzeuge vermitteln uns einen Eindruck vom täglichen Leben der Einwohner. In jedem Haus gab es beispielsweise Webstühle, wie man an den zahlreichen Webgewichten erkennt, außerdem fand man Metallwerkstätten, ein Lagerhaus oder Geschäft mit zahlreichen Tongefäßen, eine Weinpresse und mehrere kleine Handmühlen für Getreide. Gegessen wurden Weizen und Gerste, Bohnen, Linsen und Erbsen, Zwiebeln, Meeresfrüchte und Fische, Fleisch von Schafen, Ziegen, seltener auch von Schweinen und Rindern; ferner Mandeln, Feigen, Weintrauben und Pistazien. Honig wurde gesammelt, Wein wurde produziert, Öl wurde aus Oliven und Sesam hergestellt. Die Wasserversorgung der großen Stadt wurde vermutlich durch vom Profitis Elias, dem höchsten Berg der Insel, hergeleitetes Quellwasser gewährleistet; man hat neuerdings Teile einer tönernen Rohrleitung entdeckt.


In diesem Raum standen zahlreiche große Gefäße (píthoi), vermutlich handelt es sich um ein Lagerhaus.


Die großen, oben offenen Gefäße mit Schilf-ähnlichen Verzierungen dienten vermutlich als Trinkwasserbehälter in den Häusern.


Mit derartigen kleinen Hand-Mahlsteinen wurde das Getreide gemahlen.

Die weitaus bedeutendsten Funde von Akrotiri sind jedoch die Wandmalereien, die in allen Häusern gefunden wurden (meist nicht mehr an der Wand, sondern zu Boden gefallen). Diese Bilder geben uns einen ungewöhnlichen Einblick in die Lebensweise und den Geschmack der Bewohner von Akrotiri, beispielsweise in ihre Bekleidung, Frisuren und Schmuck; auch verhelfen uns die Malereien zu einem Eindruck von den für sie wichtigen Themen. Die Malereien sind sorgfältig und aufwändig in einem eigenen, charakteristischen Stil ausgeführt. Die Motive weisen teilweise auf eine Verbindung zum Nahen Osten oder nach Ägypten hin: So tauchen eine Reihe von Tierarten wie wilde Katzen, Gazellen und Affen auf, die in Griechenland nicht heimisch waren. Ein interessanter Hinweis ist auch die Tatsache, dass in Palästina und in Syrien Malereien mit ähnlichen Motiven bzw Verzierungen gefunden worden sind. Die Malereien von Akrotiri entwerfen das Bild einer reichen, luxuriösen Gesellschaft. Die Menschen trugen aufwändigen Schmuck und sorgfältig verzierte Kleidung und liebten Luxusprodukte wie Safran und Purpur (in der Ausgrabungsstätte wurden unzählige Gehäuse von Purpurschnecken gefunden). Sie hatten eine enge Beziehung zum Meer, wie die Darstellungen von Schiffen und Fischern zeigen.

Auch über die Religion der Bewohner von Akrotiri stehen uns eine Reihe von Informationen zur Verfügung. In manchen Wandmalereien scheinen Zeremonien abgebildet zu sein, die beispielsweise mit dem Safran oder auch mit Tieren zusammenhängen. Bislang wurden in Akrotiri keine Tempel oder ähnlichen Gebäude gefunden (solche können natürlich beispielsweise an einem bislang unentdeckten zentralen Platz der Stadt, oder an deren Rand gelegen haben). Eine religiöse Funktion vermutet man für eine große Sammlung von Ziegenhörnern gemeinsam mit einigen Rinderhörnern und einem Hirschgeweih in einer Grube, bei denen in einem kostbaren Holzkasten ein kleines goldenes Idol einer Ziege lag. Unter dem größten Platz, der bislang ausgegraben wurde, fand man frühkykladische Kammergräber, die in die älteren Ascheschichten eingearbeitet waren. Hier lagen weitere Ziegenhörner sowie kleine tönerne Rinderidole, die auf eine besondere Bedeutung auch dieser Tiere in den religiösen Vorstellungen der Bewohner von Akrotiri hinweisen (man denke an die Bedeutung des Stiers in Kreta). Unter einem kleinen Steinhügel fanden sich zahlreiche Kykladenidole (vom Ende des 3. Jahrtausend v. Chr., also gut 500 Jahre älter als die Siedlung) sowie eine Steinschale mit kleinen, vom Meer rundgeschliffenen Kieselsteinen (derartige Kiesel tauchen auch anderswo oft bei Friedhöfen auf – ihnen wurde offenbar eine reinigende rituelle Funktion zugeschrieben); diese Funde lassen auf eine Verehrung der Vorfahren schließen.


Die Häuser von Akrotiri waren oft mit schönen Darstellungen von Landschaften, Tieren oder Blumen ausgeschmückt, hier vermutlich Dünen-Trichternarzissen.


Die Darstellungen von Tieren, die in Griechenland nicht vorkommen, sondern in Nordafrika oder dem nahen Orient, bezeugen die engen Beziehungen zu diesen Gebieten.


die Safran-Pflückerinnen


Abbildung eines Fischerjungen; bei den Fischen handelt es sich wohl um Gemeine Goldmakrelen, ein sehr beliebter Speisefisch aus tropischen und subtropischen Meeren.


In mehreren Häusern wurden kleine Friese mit Landschaftsdarstellungen gefunden, hier eine Flusslandschaft mit Greif (die Farben sind leider ziemlich verfälscht).


naturnahe Darstellung einer Stockente


Frau mit aufwändigem Schmuck (vermutlich Priesterin; nimmt evt. als Personifizierung einer Göttin an einem Ritual teil). Man beachte die Halskette aus aneinandergereihten Enten und darunter die Kette oder Borte aus Libellen-artigen Tieren.

Da die kleine und trockene Insel Santorin auch in der damaligen Zeit keine sehr reiche Landwirtschaft besessen haben kann, muss die Bedeutung der Siedlung von Akrotiri vor allem im Handel gelegen haben, der ihren Reichtum bedingte. Sicher war Santorin eine entscheidende Station im Handel zwischen Kreta und den Kykladen bzw dem griechischen Festland, da sie die einzige größere Insel ist, die von Kreta aus in einer Tagesreise zu erreichen war. Außerdem spielte sie sicher eine wichtige Rolle im Handel zwischen Griechenland und Zypern, auf dem während der Bronzezeit bedeutende Kupfervorkommen entdeckt und ausgebeutet wurden. In der Ausgrabung von Akrotiri liegen unter der spätbronzezeitlichen Stadt Überreste einer jungsteinzeitlichen und frühbronzezeitlichen Besiedlung, deren Keramikstil eng mit dem von Naxos und anderen Kykladen verwandt ist. Ab etwa 2.000 v. Chr. entwickelt sich die Siedlung von Akrotiri zur Stadt: die Häuser werden mehrstöckig, die Kanalisation wurde angelegt usw. In dieser Zeit entsteht in Akrotiri ein eigener Keramikstil, der sich nach und nach vom kykladischen Stil abwendet und einen größeren minoischen Einfluss zeigt, aber trotzdem seinen eigenen Charakter beibehält. Die weit überwiegende Anzahl der Gefäße stammen von Santorin selbst; trotz des klaren minoischen Einflusses im Stil hat man nur wenige direkt von dort importierte Stücke gefunden. Von Interesse ist außerdem, dass man auf Santorin im Gegensatz zu vielen anderen kykladischen Siedlungen derselben Zeit bislang keine Befestigungsanlagen gefunden hat – es scheint, dass die Stadt in Frieden mit ihren Nachbarn, insbesondere dem mächtigen Kreta gelebt hat. Es sieht so aus, als wäre Akrotiri vor allem ein überregional bedeutender Handelsplatz gewesen. Darauf lassen auch die Abbildungen von seetüchtigen Booten in den Wandmalereien schließen.


hier eine Rekonstruktion eines Bootes nach den Wandmalereien (Santozeum, Fira)


Am Tag unseres Besuches in Akrotiri wäre das Wetter für eine Fahrt in einem minoischen Boot allerdings nicht geeignet, ja es ist so stürmisch, dass auch die modernen Fährschiffe nicht fahren können!

Wer die Insel Santorin besucht, sollte sich eine Besichtigung der Ausgrabungsstätte von Akrotiri nicht entgehen lassen. Zahlreiche Fundstücke und einige der Wandmalereien aus Akrotiri kann man im Prähistorischen Museum in Fira besichtigen; Repliken der Wandmalereien sind im Santozeum (in der Nähe der Station der Seilbahn) ausgestellt.

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