Die klassische Epoche

Die klassische Epoche umfasst das 5. und 4. vorchristliche Jahrhundert (etwa 500 v. Chr. bis 340 v. Chr.), die Glanzzeit der griechischen Antike. Ich beschränke mich hier auf das Schicksal der Insel Naxos während dieser Epoche, über das wir einiges aus der antiken Geschichtsschreibung erfahren.

Die archaische Epoche auf Naxos

Während der vorangegangenen archaischen Epoche (7. und 6. Jhd.) hatte die Insel Naxos eine besondere kulturelle Blüte erreicht. Drei bedeutende Tempel wurden errichtet (bzw. wiederaufgebaut), und auch auf der benachbarten Insel Delos, die unter naxiotischer Hegemonie stand, errichteten die Naxioten im Apollon-Heiligtum bedeutende Tempel und Statuen. In der zweiten Hälfte des 6. Jahrhunderts gelang es dem Tyrannen von Naxos, Lygdamis, auch eine Reihe weiterer Nachbarinseln zu unterwerfen: Naxos errang die Vorherrschaft über die Kykladen. Die Herrschaft von Lygdamis über Naxos endete im Jahr 524 v. Chr., als die Insel von Spartiaten eingenommen wurde, die sich auf einem Feldzug gegen den mit Lygdamis befreundeten Tyrannen von Samos, Polykrates, befanden. Die Spartiaten verhalfen den dreizehn Jahre zuvor von Lygdamis vertriebenen naxiotischen Aristokraten wieder zur Macht.

Naxos in der klassischen Epoche

Während der klassischen Epoche wurden auf Naxos keine neuen Tempel errichtet. Ausgrabungen in der Chora bezeugen die Existenz von drei Heiligtümern während der klassischen Epoche, die nicht identifizierten weiblichen Gottheiten geweiht waren (mindestens zwei dieser Heiligtümer gab es schon vorher), außerdem Überreste von Gebäuden sowie einige Gräber. Da sich aus den archäologischen Funden wenig Neues gegenüber der vorangegangenen archaischen Epoche ergibt, beschränke ich mich hier auf eine Beleuchtung der politischen Vorgänge, über die uns vor allem der kleinasiatische Geschichtsschreiber Herodot, der „Berichterstatter“ der Persischen Kriege (5. Jhd. v. Chr.), berichtet.

Der persische Feldzug gegen Naxos

Etwa im Jahre 500 v. Chr., zu Beginn der klassischen Periode, wurde die Aristokratie von Naxos vom Volk vertrieben, und es wurde eine Demokratie eingerichtet. Die naxiotischen Adeligen flüchteten nach Milet an der kleinasiatischen Küste und überredeten den unter persischer Oberherrschaft stehenden miletischen Statthalter Histiaios zu einem Feldzug gegen Naxos. Histiaios und sein Schwiegersohn Aristagoras wandten sich an den persischen Satrapen von Sardes Artaphernes um Unterstützung. Im Frühjahr 499 v. Chr. brach eine Flotte von über 200 Schiffen – bemannt mit Milesiern unter Aristagoras und Persern unter dem Befehl des Feldherrn Megabates (Vetter des Artaphernes) – nach Naxos auf. Dass die Perser einen so aufwändigen Feldzug gegen Naxos unternahmen, lässt sich sicher nur dadurch erklären, dass die Insel einen bedeutenden Reichtum zu bieten hatte.

Der Feldzug gegen Naxos verlief allerdings anders, als die naxiotischen Aristokraten und die Milesier sich vorgestellt hatten: Wegen Streitigkeiten mit Aristagoras ließ der persische Feldherr Megabates die Naxioten heimlich in letzter Minute vor der drohenden Gefahr warnen. Diese verschanzten sich in der Chóra, und nach viermonatiger Belagerung mussten die Angreifer unverrichteter Dinge abziehen. Die Naxioten behaupten, dass der persische Feldherr damals bewundernd über die Verteidiger gesagt habe: „na oi áxioi“, das heißt: „siehe, das sind die Tüchtigen“, und leiten davon ihren Namen ab. Bis heute bezeichnen sie sich oft als Axiótes (und dabei handelt es sich wohl um den richtigeren Namen: das „N“ von Naxos stammt vermutlich vom letzten Buchstaben des Akkusativ-Artikels: „tin Áxo“ wurde zu „ti Náxo“). Es ist auf jeden Fall bemerkenswert, dass das kleine Naxos den Persern ihre erste Niederlage in einem Feldzug gegen Griechen beibringen konnte, und zeugt von der Organisation, der militärischen Stärke und der Entschlossenheit seiner Bewohner.

Der Ionische Aufstand

Die Niederlage der Perser gegen Naxos hatte weitreichende Folgen. Der nach Milet zurückgekehrte Aristagoras befürchtete eine Bestrafung durch die Perser – und so versuchte er, die seit 50 Jahren bestehende persische Oberherrschaft über die ionischen Städte Kleinasiens gänzlich abzuschütteln. Die vom Handel abhängigen ionischen Städte waren leicht zu einem Aufstand zu überreden, da sie in den letzten Jahren schon sehr unter der schlechten wirtschaftlichen Lage gelitten hatten, weil nach einem Krieg zwischen Persien und Ägypten der Handel darniederlag. So breitete sich die Rebellion schnell über ein Gebiet aus, das vom Hellespont bis nach Zypern reichte, und es gelang den Griechen die Hauptstadt der Satrape, Sardes, einzunehmen. Aristagoras suchte Hilfe auch unter den übrigen Griechen, aber nur Athen und Eritrea schickten 20 bzw. 5 Schiffe, die kaum zur Wirkung kamen. Bald zeigte sich, dass die Organisation und militärische Ausrüstung der Ionier für einen so großen Krieg nicht ausreichte; bald wurden Zypern und Sardes von den Persern zurückerobert. Nur neun Städte leisteten länger Widerstand, konnten sich aber der Übermacht der Perser doch nicht dauerhaft erwehren. Im Jahr 494 v. Chr. wurde die ionische Flotte vernichtet, und Milet wurde von den Persern eingenommen und zerstört.

Die Perserkriege: ihre Auswirkungen auf Naxos

Aber auch damit war die Angelegenheit noch nicht erledigt. Der persische Großkönig Dareios verhielt sich den kleinasiatischen Ioniern gegenüber zwar nachsichtig, suchte Frieden und Ordnung und gestattete weiterhin eine weitgehende Eigenregierung der ionischen Städte, ließ sogar die Einrichtung von Demokratien zu und bemühte sich, das Steuersystem gerechter zu gestalten und Missstände, die zur Unzufriedenheit des Volkes geführt hatten, zu beseitigen. Gegenüber den „auswärtigen“ Griechen, die zum Aufstand beigetragen hatten, Athen und Eritrea, ließ er jedoch derartige Milde nicht walten – diese Einmischung der bislang für das persische Großreich unbedeutenden Nachbarn konnte nicht toleriert werden.

So unternahmen die Perser unter Datis und Artaphernes im Jahre 490 v. Chr. einen Feldzug nach Griechenland, den ersten der zwei Persischen Kriege. Auf dem Weg nach Athen kam die persische Flotte wieder an Naxos vorbei. Um sich für die vorige Niederlage zu rächen, griffen die Perser die Insel erneut an, jetzt mit 600 Schiffen. Diesmal hatten die Naxioten keine Chance – wer konnte, flüchtete sich in die Berge, die Chora wurde zerstört und große Teile der Bevölkerung wurden in die Sklaverei entführt.

Diese Niederlage war ein schwerer Schlag für die Insel – Naxos konnte während des Restes der Antike nur mehr kurzfristig eine Unabhängigkeit erreichen, und auch die kulturellen Leistungen blieben weit hinter denen der archaischen Epoche, als die Insel eine Vorreiterstellung in der Region innehatte, zurück. Naxos wurde für elf Jahre von den Persern besetzt, die vermutlich wieder einen Tyrannen einsetzten. Im zweiten persischen Feldzug gegen Griechenland im Jahr 480 v. Chr. musste Naxos in der Schlacht von Salamis vier Schiffe auf Seiten der Perser stellen; diese liefen jedoch (als einzige der Kykladen) schon vor der Schlacht zur griechischen Seite über.

Die Rolle der Insel im Attischen Seebund

Nach dem triumphalen Sieg der Griechen über die Perser schloss sich Naxos dem Attischen Seebund unter Führung der Athener an. Während der ersten etwa fünfzig Jahre befand sich der Versammlungsort in Delos, wo auch die von den Mitgliedern gezahlten Gelder des Bundes aufbewahrt wurden. Außer Athen und den großen nord- und mittelägäischen Inseln Thasos, Lesbos, Chios und Samos stellte nur Naxos (als einziger Vertreter der Kykladen) eigene Schiffe – nach wie vor spielte die Insel also eine bedeutende Rolle.

Im Laufe der Jahre wurde immer deutlicher, dass Athen im Seebund die Alleinherrschaft ausüben wollte; und so brachen die Naxioten im Jahr 470 v. Chr. vom Bündnis ab. Sie mussten jedoch teuer für ihre Freiheitsliebe zahlen – sie wurden von den Athenern angegriffen, belagert und unterworfen, und mussten für die nächsten Jahre die Kontrolle und Oberherrschaft der Athener mit einer schweren Steuerbelastung ertragen.

In den Peloponnesischen Kriegen in den letzten Jahrzehnten des 4. Jdhs. verlor Athen seine Vormachtstellung an Sparta und der Attische Seebund wurde aufgelöst. Im Jahr 404 v. Chr. nach dem Sieg Spartas über Athen wurde Naxos kurzfristig unabhängig und begann zum ersten Mal seit der Eroberung durch die Perser wieder eigene Münzen zu schlagen. Schon bald jedoch geriet es unter die Kontrolle Spartas, das nun seinerseits Steuern von der Insel einforderte.

Der Zweite Attische Seebund und das Ende der klassischen Epoche

Nach vielen weiteren Auseinandersetzungen begründeten schließlich die Athener einen Zweiten Attischen Seebund und besiegten 376 v. Chr. die Spartiaten in einer Seeschlacht zwischen Paros und Naxos. Naxos musste sich dem Seebund anschließen, der dieses Mal den Mitgliedern eine größere Freiheit einräumte, um Konflikte zu vermeiden. Ein Jahrzehnt später versuchte Naxos erneut, sich vom Seebund zu lösen, wurde aber wieder von den Athenern besiegt.

Gegen Ende der klassischen Epoche nahm die Auseinandersetzung der Verbündeten des Attischen Seebundes mit den nordgriechischen Makedoniern eine immer größere Bedeutung an. Nach und nach verlor Athen immer mehr Verbündete an die Makedonier, bis es schließlich im Jahr 338 vom Makedonierkönig Phillip II. besiegt wurde, der die Griechen zu einem Feldzug gegen die Persier vereinen wollte. Der Persienfeldzug wurde dann erst etwas später von Phillips Sohn, Alexander dem Großen, in die Tat umgesetzt – aber mit der Ermordung Phillips II. im Jahr 336 v. Chr. nahm die klassische Epoche der griechischen Antike ein Ende.

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