Flechten auf dem Koronos-Berg

Flechten sind wunderbare Organismen. Sie sind sehr einfach gebaut und unterscheiden sich in wesentlichen Merkmalen von allen höheren Pflanzen. Flechten bestehen aus Pilzen und Algen, die symbiotisch zusammenleben – eine spannende und erfolgreiche Zusammenarbeit. Sie wachsen sehr langsam und sind deswegen an günstigen Standorten nicht konkurrenzfähig gegenüber den höheren Pflanzen; an ungünstigen, trockenen, kalten oder nährstoffarmen Standorten gedeihen sie jedoch gut entsprechend ihrer Genügsamkeit und ihrer Fähigkeit, in einen Ruhezustand mit minimalem Stoffwechsel zu fallen.

Die meisten Flechtenarten sind klein; gewöhnlich übersieht man ihre Existenz. Man muss schon genauer hinschauen, um ihre Vielfalt und ihre beeindruckenden Formen und Farben zu bemerken. Die Bestimmung der Flechten ist schwierig und oft „im Feld“ nicht möglich; viele Arten können nur unter Zuhilfenahme von Lupe, Mikroskop und speziellen Farbstoffen, die über ihre chemischen Inhaltsstoffe Auskunft geben, identifiziert werden. Aber auch unbestimmt sind die Flechten interessant und einfach wunderschön.

An jedem Ort wachsen solche Flechtenarten, die an die jeweiligen Standortbedingungen angepasst sind. Entsprechend spiegelt die Flechtenflora stets die speziellen Umweltbedingungen wider. Auf Naxos kommen naturgemäß vor allem Arten der trockenen Standorte vor; in den niedrigen Lagen ist der Flechtenbewuchs oft spärlich. In der feuchten Gipfelregion treten dagegen viele Arten auf, die ein höheres Wasserangebot brauchen. Hier sind Felsen, Bäume und Erde oft dicht mit Flechten überwachsen. Einer der besten Flechtenstandorte der Insel ist der Gipfel des Kóronos-Berges, der auch im Sommer häufig in Wolken gehüllt ist. Hier sollen ein paar Bilder von unserer letzen Wanderung einen Eindruck von der Flechtenflora dieses Gebietes vermitteln.


Die Granitblöcke am Gipfel des Kóronos-Berges sind dicht mit Flechten bewachsen; auf diesem Felsen sind sowohl Krusten- als auch Blatt- und Strauchflechten zu sehen.


Die Krustenflechten wachsen in einem Mosaik verschiedener Arten.


Diese dicke Krustenflechte besitzt schöne orangene Apothecien (Fruchtkörper).


Die Landkartenflechte Rhizocarpon geographicum ist zartgrün mit schwarzen, unregelmäßig geformten Apothecien.

Aspicilia caesiocinerea mit weißem, glattem, rissigem Lager und schwarzen Apothecien mit hellem Rand ist in den höheren Lagen von Naxos häufig.


Landkartenflechten und eine unbestimmte Krustenflechte in der Mitte


Haematomma nemetzii kommt an schattigen, feuchten Standorten auf saurem Gestein vor. An diesem Exemplar erkennt man gut den schön ausgebildeten Rand des Lagers; in der Mitte ist die Flechte sehr dick und wulstig ausgebildet.


Hier sieht man die beeindruckenden roten Apothecien dieser Art.


Parmelia saxatilis ist eine Blattflechte; hier wächst sie auf der Erde. Die typischen weißen „Risse“ im Lager werden Pseudocyphellen genannt.


Hier dieselbe Art auf Stein. Bei diesen Exemplaren ist das Lager in der Mitte dicht mit kleinen grünen Stäbchen (Isidien) bedeckt, die der vegetativen Fortpflanzung dienen.


Die Nabelflechten sind rundliche, nur in ihrer Mitte am Substrat haftende Blattflechten; sie sind meist braun gefärbt. Hier die auf Naxos häufigste Art, Umbilicaria spodochroa.


Die Rentierflechten gehören zu den Strauchflechten. Sie wachsen meist auf der Erde und sind für feuchte, kalte Regionen typisch. Auf Naxos sind sie weniger verbreitet; hier auf dem Gipfel des Kóronos kommen jedoch eine ganze Reihe von Arten vor. Cladonia pyxidata bildet ein schuppiges Lager mit kleinen becherförmigen „Podetien“.


Cladonia portentosa wächst als reich verzweigtes Geflecht; diese Art gehört zu den Rentierflechten.


Die meisten Strauchflechten benötigen viel Luftfeuchtigkeit und kommen deswegen nur in den höheren Lagen von Naxos vor; hier Evernia prunastri.


Typische Strauchflechten sind auch die Ramalina-Arten, die meist epiphytisch wachsen; hier Ramalina subfarinacea mit feinen, reichverzweigten, von einer Haftstelle ausgehenden „Zweiglein“.


Pseudevernia furfuracea ist die charakteristischste Art der Flechtengesellschaft, die in den nebelreichen Gipfellagen der Insel wächst. Diese Art ist grau gefärbt mit abgeflachten, verzweigten „Ästchen“. Auf dem Thallus sitzen feine Isidien (stabförmige vegetative Fortpflanzungsorgane).


Die Bartflechten (Usnea) wachsen an Bäumen in feuchten Bergregionen. Auf Naxos kommen sie nur in der Heide auf dem Kóronos-Berg vor; ihr Auftreten hier ist einigermaßen überraschend.

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