Zikaden

Griechischer Sommer: Hitze, Wind, Trockenheit, und der endlose Gesang der Heuschrecken und der Zikaden. Vor allem der Zikaden. Unermüdlich schallt von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang das Schrillen der Mannazikade aus den Bäumen. Ja, Heuschrecken zirpen, aber Zikaden schrillen. Es ist kaum zu glauben, was für ein intensives Geräusch dieses kleine Tier hervorzubringen vermag.

Und die Lautäußerungen sind nicht das einzige Erstaunliche an den Zikaden. Diese Tiere sind überhaupt ganz und gar faszinierend. Etwa 40.000 Zikaden-Arten sind uns bekannt. Sie leben überall, wo es Pflanzen gibt und spielen eine wichtige Rolle im Naturhaushalt und in der Nahrungskette. Viele Zikaden sind an spezielle Wirtspflanzen und Umweltbedingungen angepasst, so dass sie sehr empfindlich gegen Eingriffe in den Naturhaushalt sind. Etwa die Hälfte der in Deutschland vorkommenden Zikaden-Arten steht auf der Rote Liste der Gefährdeten Arten. Zikaden sind ganz und gar harmlose Insekten: Sie können weder beißen noch stechen. In vielen Teilen der Erde werden Zikaden sogar von den Menschen gegessen; weltweit gibt es über 70 essbare Zikaden-Arten.

Körperbau und Fortbewegung

Zikaden besitzen einen typischen Körperbau, an dem sie leicht erkennbar sind. Sie weisen eine gedrungene Gestalt auf; die Flügel werden dachziegelartig getragen. Der Kopf ist kurz und breit, von vorn umgekehrt dreieckig mit kurzen Fühlern und weit außen stehenden Facettenaugen, die ihnen beispielsweise eine Erkennung von Verfolgern und auch eine Farbwahrnehmung ermöglichen. Vorn auf der Stirn liegen wie bei den meisten Insekten drei kleine Punktaugen (Ocellen), die vermutlich vor allem der Horizonterkennung, der Licht-Kompassorientierung und der Lichtstärkenmessung dienen.


Der Kopf der Mannazikade von oben. Man sieht die kurzen, dünnen Fühler, die weit außen stehenden Komplexaugen und die oberen zwei der drei im Dreieck stehenden Stirnocellen (Punktaugen).

Zikaden können gut fliegen, wobei die Vorderflügel und die kleineren Hinterflügel im Flug durch kleine Häkchen aneinander gekoppelt werden. Viele Zikaden (aber nicht die Singzikaden, zu denen die Mannazikade gehört), können außerdem springen. Schaumzikaden sind sogar Weltmeister im Springen: Obwohl sie nur einen halben Zentimeter groß sind, können sie 70 cm hoch springen. Wie Heuschrecken springen sie mit den Hinterbeinen, die jedoch nicht besonders groß oder auffällig gestaltet sind. Dass sie trotzdem eine derartige, geradezu „explosionsartige“ Springleistung vollbringen können, liegt an ihrer besonderen Technik: Sie bauen eine Spannung in den Beinen auf, die sie dann plötzlich entladen, wodurch das Tier wie von einem Katapult davongeschleudert wird.


Die Flügel der Zikaden sind bis auf die Adern und mehrere charakteristische dunkle Flecken völlig durchsichtig. Es erscheint unglaublich, dass diese zarte Konstruktion derartige Belastung aushalten kann! Zikaden benutzen zum Fliegen ihre Vorder- und Hinterflügel; letztere sind deutlich kleiner und werden beim Fliegen mithilfe kleiner Häkchen an die Vorderflügel gekoppelt.

Entwicklung und Ernährung

Zikaden sind Insekten mit Unvollständiger Verwandlung, das heißt sie durchlaufen mehrere Larvenstadien (meist fünf) während derer sie der Adultform schrittweise ähnlicher werden, ohne dass ein Puppenstadium eingelegt wird. Während die erwachsenen Tiere weniger als ein Jahr lang leben, dauert die Larvenentwicklung mehrere, bei der Mannazikade beispielsweise fünf Jahre. In Nordamerika gibt es Zikaden-Arten, die gar 13 bzw 17 Jahre für ihre Entwicklung brauchen, wobei jeweils die gesamte Population gleichzeitig schlüpft (bis auf ein paar Tage genau!) und sich dann auch wieder gleichzeitig fortpflanzt. Entsprechend treten diese Arten nur jedes 13. bzw 17. Jahr auf und erscheinen dann für kurze Zeit gleich massenhaft.

Zikaden-Larven leben unterirdisch. Sie ernähren sich, in dem sie aus Pflanzenwurzeln Saft saugen. Ihre Vorderbeine sind als Grabschaufeln gestaltet, mit denen sie sich 15 cm bis 3 m tief in den Boden eingraben. Zum Schlüpfen verlassen sie den Boden und klammern sich an einen Pflanzenstengel; dort findet man später dann die leeren Häute.


Leere Hülle einer geschlüpften Zikade, man sieht die Grabschaufeln, die Flügelansätze, die Augen usw. Die Hülle ist zum Schlüpfen des fertigen Tieres am Rücken aufgeplatzt.

Die erwachsenen Zikaden ernähren sich von Pflanzensäften, die sie mithilfe eines Rüssels saugen. Der Rüssel wird „zwischen den Mahlzeiten“ unter den Bauch gelegt. Viele Arten sind auf einige wenige Wirtspflanzen spezialisiert. Während viele Zikaden den zuckerhaltigen Phloem-Saft saugen, bohren die Mannazikaden den wasserreichen Saft des Xylems an, der von den Wurzeln nach oben steigt. Entsprechend müssen sie wesentlich mehr Flüssigkeit aufnehmen, um ihren Nährstoffbedarf zu decken. Normalerweise rufen Zikaden im Gegensatz zu vielen anderen Insekten auch bei massenhaftem Auftreten keine bemerkbaren Schäden an den Pflanzen hervor.


Hier sieht man den langen, dünnen, an den Bauch gelegten Rüssel, mit dem die Mannazikaden die Leitbahnen der Bäume anbohrt und den Saft heraussaugt. Dieser Rüssel scheint mir ein weiteres Wunderwerk der Natur zu sein: Wie schafft es so ein dünner, biegsamer Rüssel wohl, sich durch Baumrinde durch zu bohren?

Lautäußerung und deren Wahrnehmung

Und nun zum Gesang. Bei den Singzikaden singen nur die Männchen; der Gesang dient dem Abgrenzen eines Revieres und dem Anlocken von Weibchen. Anders als Heuschrecken erzeugen Zikaden ihre Lautäußerungen nicht durch Aneinanderreiben beispielsweise der Flügel, sondern nach dem Trommel-Prinzip. Seitlich am Vorderende des Abdomens (Hinterleib) liegt das Trommelorgan (Tymbal), eine Konstruktion aus oft durch kleine Rippen verstärkten Schallplatten, die durch besondere Muskeln gespannt werden und dann, wie der durchgedrückte Boden einer Metalldose, unter Knacken zurückspringen. Als Resonanzkörper dient ein darunter liegender Luftsack im Hinterleib. Durch fortwährendes Anziehen und Zurückspringenlassen wird das Trommelorgan in Schwingungen versetzt und das Schrillen der Zikaden erzeugt.


Hier sieht man direkt hinter dem Flügelansatz das Tymbal-Organ der männlichen Mannazikade.

Es ist einigermaßen verblüffend, was für laute Geräusche dieses kleine Insekt mit seinem Tymbal-Organ erzeugen kann: Manche Arten erreichen bis zu 120 dB, das entspricht einer Kettensäge oder einem Presslufthammer! Faszinierend ist auch mit welcher Ausdauer die Zikaden stundenlang fast ununterbrochen singen. Übrigens erzeugen auch die kleineren Zikaden-Arten entsprechende Gesänge, nur dass diese für unsere menschlichen Ohren unhörbar sind.

Ihre Gehörorgane besitzen die Zikaden an der Abdomenunterseite; es handelt sich um paarige, feine Membranen, die die Schwingungen wahrnehmen. Auch an anderen Stellen ihres Körpers tragen sie (einfachere) Schwingungsrezeptoren; und es ist möglich, dass sie Informationen über den Untergrund, auf dem sie sitzen, auch durch die Wahrnehmung der vom Trommelorgan produzierten, auf diesen übertragenen Schwingungen erhalten.

Die Zikaden in Mythos und Kunst

Entsprechend ihres auffälligen Gesanges und ihrer beeindruckenden Fähigkeiten tauchen die Singzikaden bei vielen Völkern (Südeuropa, Asien und Amerika) in Kunst und Mythos auf. Schon in mykenischen Darstellungen findet man Insekten, die als Zikaden angesehen werden. In der altgriechischen Literatur tauchen die Zikaden ebenfalls auf, so in der Ilias. Anakreon schrieb eine Hymne an die „gottgleichen“ Zikaden, die unter anderem von Goethe übersetzt wurde. Vom Dichter Xenarchos ist der Ausspruch „Glücklich leben die Zikaden, denn sie haben stumme Weiber“ überliefert. Das bekannteste Werk, das sich mit Zikaden beschäftigt, ist aber sicherlich die berühmte Fabel des Äsop von der Zikade (nicht etwa Grille oder Heuschrecke) und der Ameise.

Bei den verschiedenen Völkern wurden Zikaden als Symbole der Sangeslust und Musen (Griechenland), der Wiedergeburt (China), der Unsterblichkeit (Nordamerikanische Indianer), der Macht (Römer und Goten) und der Troubadoure (mittelalterliches Europa, insbesondere Südfrankreich) angesehen. Im antiken Athen galten sie außerdem als Symbol für dessen Autonomie. Besonders beeindruckend für die Menschen und Anlass für diese Vorstellungen waren außer dem lauten Gesang, die Tatsache, dass die Tiere aus der Erde hervorkriechen (Autonomie) sowie auch die Umwandlung der Larve durch Schlüpfen in die adulte Zikade, wobei das Schlüpfen aus der Haut als Abstreifen der körperlichen Bedürfnisse und „Befreiung“ der Seele verstanden wurde (Wiedergeburt und Unsterblichkeit).

Mannazikade, Cicada orni

Bei uns auf Naxos kommen zahlreiche Zikadenarten vor, aber die mit Abstand auffälligste ist die sehr häufige Mannazikade (Cicada orni). Die Mannazikade ist bräunlich gefärbt; ihre Flügel sind durchsichtig mit dunklen Flecken an mehreren Verzweigungspunkten der Adern. Das Hinterleibsende besitzt einen weißen Ring. Mannazikaden erreichen eine Größe von fast 3 cm Körperlänge. Sie sitzen meist in großen Bäumen (vor allem Oliven und Platanen), gewöhnlich an der Unterseite der dicken Äste; aufgrund ihrer Tarnfärbung sind sie nur mit Mühe zu entdecken.


Mannazikade am Olivenbaum. Man beachte die dachziegelige Stellung der fast durchsichtigen Flügel und die kurzen Fühler.


Hier sieht man die weit außen am Kopf stehenden Augen und die weiße Hinterleibs-Spitze.


Das Sonagramm zeigt den gleichmäßigen, lang anhaltenden „sägenden“ Gesang der Mannazikade.

Bergzikade, Cicadetta montana

Im Mai, bevor die Mannazikaden erscheinen, hört man bei uns im Garten häufig ein Heuschrecken-ähnliches Zirpen, das ebenfalls von einer Zikadenart stammt. Es handelt sich vermutlich um die Bergzikade. Mit ein bisschen Geduld sind die singenden Männchen leicht zu finden und beobachten.


Mit bis zu 2 cm ist die Bergzikade ein Stück kleiner als die Mannazikade. Zu erkennen ist sie an der orange-schwarzen Färbung des Hinterleibs. Es gibt eine Reihe ähnlicher Arten, die im Feld schwer zu unterscheiden sind.


Wie an diesem Sonagramm zu erkennen, ist der Gesang der Bergzikade kein durchgehendes Sägen wie der der Mannazikade, sondern eine kürzere, sirrende Strophe mit zwei kurzen Schnarrlauten am Anfang; es klingt eher nach einer Heuschrecke.

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