Delos, die heilige Insel des Apollon

Die Insel Delos ist mit 5 Kilometern Länge eher klein. Sie ist größtenteils weich hügelig gestaltet; die höchste Erhebung ist der „Berg“ Kynthos mit 112 Metern. Die Insel besteht aus Granit und Gneis; teilweise tritt auch ein poröses Gestein aus Süßwasserkalken („Poros“) auf. Diese Gesteine führen dazu, dass die Insel vergleichsweise wasserreich ist: Der Granit ist wasserundurchlässig, so dass das Wasser nicht wie in Kalkgebieten tief im Untergrund versickern kann, während die zuoberst liegende Poros-Schicht das Wasser zurückhält und speichert; diese Schicht versorgte die zahlreichen Brunnen der Insel. In der küstennahen Ebene im nordwestlichen Teil der Insel befand sich sogar ein echter kleiner See, der Heilige See, der allerdings 1925 trockengelegt wurde. Direkt westlich von Delos liegt in geringem Abstand die heute ebenfalls kaum besiedelte, größere Insel Rheneia.

Ich stelle im Folgenden das Ausgrabungsgelände einschließlich des Aufstiegs auf den Kynthos entsprechend unseres viereinhalbstündigen Spaziergangs vor; dabei durchlaufen wir gleichzeitig sozusagen die verschiedenen Epochen und Stadien des Heiligtums.


Die Überfahrt von Mykonos nach Delos dauert eine halbe Stunde. Hier sieht man die Insel mit dem Museumsgebäude und dem Berg Kynthos im Hintergrund.

Das Heiligtum des Apollon

Delos war in der Antike die Heilige Insel des Apollon: Hier befand sich ein sehr bedeutsames Heiligtum des Gottes des Lichts. Eine Besiedlung der Insel ist schon seit der kykladischen Epoche (3. Jahrtausend v. Chr.) nachgewiesen. Die nächsten bedeutenderen Reste nach dem Ende der kykladischen Epoche stammen aus der mykenischen Zeit um 1500 v. Chr; zahlreiche Gebäudereste in der Ebene unter den antiken Ruinen bezeugen die Existenz einer großen, blühenden mykenischen Stadt.

Um 1100 v. Chr. wurde Delos von den Ioniern besiedelt, die vom griechischen Festland aus auf die Inseln vordrangen. Ab dem Beginn des 7. Jahrhunderts v. Chr. (archaische Epoche) wurde das Apollon-Heiligtum errichtet, durch das die Insel ihre herausragende Bedeutung erlangte. In der späteren Antike (vor allem hellenistische und römische Epoche, ab 4. Jhd. v. Chr.) entstand außerdem ein wichtiger Handelshafen auf der Insel, und viele Händler siedelten sich an, während die Bedeutung des Heiligtums nach und nach in den Hintergrund trat.

Von den zahlreichen Tempeln und Heiligtümern der Insel ist heute nur sehr wenig erhalten. Man hat den Eindruck, dass es sich im Wesentlichen um einen großen Trümmerhaufen handelt, und die kümmerlichen Reste reichen kaum aus, um eine Vorstellung von der einstmaligen Großartigkeit des Heiligtums zu entwickeln…


Blick vom Museum über das nördliche Ausgrabungsgelände mit der berühmten Löwenallee etwa in der Mitte.


Und hier der Blick zum Anleger und dem Tempelbereich. In dieser Gegend ist von den Gebäuden außer den Fundamenten und einigen Säulenbruchstücken nicht mehr viel erhalten.


Vom Schiffsanleger, der sich an derselben Stelle befindet wie der antike Heilige Hafen, führt die „Heilige Straße“ zum Tempelgelände.


Links der Heiligen Straße liegen die Ruinen der Stoa des Makedonenkönigs Phillip aus dem Jahr 210 v. Chr., einer großen säulengestützten Halle mit Geschäftsräumen.


Gegenüber liegt die ebenfalls im 3. Jhd. v. Chr. von den Königen von Pergamon errichtete Südhalle mit Geschäftsräumen und Versammlungsplatz; in der Mitte lag vermutlich ein Bad, dessen Fußboden gerade restauriert wird.


Auf Delos gibt es ebenso wie auf Naxos Hardune; sie besitzen hier einen fast schwarzen Körper und einen auffallend gelben Kopf.


Durch die im 2. Jhd. von den Athenern errichteten Propyläen, ein großes säulengestütztes Torgebäude, gelangte man in den eigentlichen Tempelbezirk.

Der Mythos

Die antiken Mythen berichteten, der Gott des Lichts und der Harmonie Apollon sei auf Delos geboren worden. Seine Mutter, die von Zeus geschwängerte Titanin Leto, war von Hera verflucht worden, dass sie auf keinem festen Land der Erde gebären können sollte, da Hera nicht wollte, dass ein Sohn ihres Gatten Zeus geboren würde, der mächtiger wäre als ihr Sohn Ares. So irrte Leto lange Zeit auf der Erde umher, bis sie schließlich eine im Meer schwimmende, also nicht „feste“ Insel fand, die ihr Zuflucht gewährte. Die Insel war aus dem Körper der fliehenden Titanin Asterias geformt und wurde als „Adelos“ (=unsichtbar) bezeichnet. In dem Moment als Leto, an den Stamm einer Palme gelehnt, ihre zwei Kinder Apollon und Artemis gebar, verwurzelte sich die Insel auf dem Meeresboden und wurde so sichtbar („Delos“), während sich gleichzeitig die anderen Inseln zum Schutz der neugeborenen Götter im Kreis (daher „Kykladen“) um sie scharten. Die Geburt fand am Rand eines runden Sees statt, des „Heiligen Sees“, der als Nabel der Erde betrachtet wurde. Apollon wurde auf Delos als Gott des Lichts, der Musik, der Harmonie und der Lebensfreude verehrt. Aufgrund dieser Heiligkeit und Reinheit durften auf der Insel in der Antike keine Geburten und Tode stattfinden; Schwangere und Sterbende wurden nach Rheneia gebracht.

Der Naxier-Oikos und die Apollon-Statue


An der Südseite des Tempelbezirks liegt der Oikos der Naxier, ein großes, tempelartiges Gebäude, das von den Naxiern im 7. Jhd. v. Chr. errichtet und dem Apollon geweiht wurde. Seine Wände waren aus lokalem Granit, während die hier links im Bild zu sehende Vorhalle und die Säulen aus Marmor bestanden.


Hier der westliche Teil des Naxier-Oikos mit den schlanken, kanellierten Säulen. Wie auch die naxiotischen Tempel war das Naxier-Oikos mit dünnen, lichtdurchlässigen Marmorziegeln gedeckt. Die Funktion des Gebäudes ist nicht ganz sicher, möglicherweise handelt es sich um den ältesten Apollon-Tempel.


Neben dem Naxier-Oikos stand die berühmte, ebenfalls von den Naxiern gestiftete, neun Meter hohe Statue des Apollon, von der vor Ort nur noch die gigantische Basis erhalten ist.


Zwei Bruchstücke der Apollon-Statue stehen heute ein Stück in Richtung Meer am Artemision, dem Tempel der Artemis, wohin sie in der Neuzeit geschleppt wurden beim Versuch, sie abzutransportieren. Die Statue war im Stil der naxiotischen Kouroi errichtet mit vorstehendem linkem Bein und besaß lange, aus weithin schimmernder Bronze hergestellte Haare; am linken Stück, dessen Rückseite sichtbar ist, sieht man Löcher, die vermutlich der Befestigung eines Bronzegürtels dienten.


Die Statue war schon im vierten Jahrhundert v. Chr. umgefallen, als sie von der in der Nähe stehenden Bronzepalme des Nikias zu Boden gerissen wurde; danach wurde sie aber wieder aufgerichtet. Noch im Mittelalter war sie, obwohl in zwei Stücke zerbrochen, sehr beeindruckend, wie ausländische Reisende berichteten. Der Kopf der Statue wurde im 17. Jahrhundert von einem englischen Kapitän oder dem venezianischen Herrscher von Tinos abgeschlagen und ist seitdem verloren.


Die heute erhaltenen Reste der Statue sind recht kümmerlich und vermitteln uns kaum einen Eindruck von ihrer ehemaligen Größe. Ein Bein der Statue befindet sich heute im Britischen Museum, eine Hand im Museum in Delos.


Die Überreste der Apollon-Statue stehen neben dem antiken Artemision, dem Tempel der Schwester des Apollon.

Die bedeutendsten Tempel

In der archaischen Epoche (7. und 6. Jhd. v. Chr.) befand sich Delos unter der Kontrolle der Insel Naxos, der größten der Nachbarinseln. In dieser Zeit wurden die ersten bedeutenden Tempel auf Delos gegründet, und die Naxier errichteten bedeutende Bauwerke und Monumente wie das Naxier-Oikos, die Stoa der Naxier, die Löwenallee und die kolossale Apollon-Statue. Einmal im Jahr wurde ein großes religiöses Fest auf der Insel vollzogen, zu dem sich zahlreiche Besucher von den umliegenden Inseln einfanden. Im Laufe der Jahrhunderte erlangte Delos als Heilige Insel und Pilgerort eine außerordentliche Bedeutung. Auch andere Inseln und Städte versuchten durch das Errichten von Tempeln und anderen Gebäuden sowie durch wertvolle Stiftungen ihre Präsenz auf der Insel zu verstärken oder gar die Herrschaft über die Insel zu erringen; nennenswert sind dabei vor allem Paros und Samos, sowie ab der Mitte des 6. Jahrhunderts Athen. In dieser Zeit wurde Delos zum ersten Mal im Sichtbereich des Tempels von allen Gräbern gereinigt, da man glaubte, dass diese die Insel verunreinigten.

Gegen Ende des 6. Jhd. v. Chr. errichteten die Athener den sogenannten Poros-Tempel, der aus dem lokalen Poros-Gestein errichtet worden war und ein gigantisches, hölzernes, mit Gold oder vergoldeter Bronze verkleidetes Standbild des Gottes beherbergte. Neben dem Poros-Tempel bauten die Athener 420 v. Chr. einen weiteren, größeren Tempel aus pendelischem Marmor, in den die Apollon-Statue nach seiner Fertigstellung überführt wurde. Im 4. und 3. Jhd. errichteten die Delier den dritten, größten Tempel, das wichtigste Bauwerk des Heiligtums. Westlich der drei Haupttempel lagen, in einem Viertelkreis angeordnet, die sogenannten Schatzhäuser, von denen jedoch vor Ort ebenfalls fast nichts erhalten ist. Im ganzen Bezirk befanden sich zahlreiche weitere Altäre, Heiligtümer, Statuen und andere Weihegeschenke, die im Altertum sehr beeindruckend waren, jedoch nur wenige Spuren hinterlassen haben.


Von den drei großen Tempeln des Apollon sind fast nur noch die Fundamente erhalten, hier der archaische „Poros“-Tempel der Athener.


Der „Poros“ ist ein poröses, graues Kalkgestein; er bildet in manchen Gebieten von Delos die oberste Gesteinsschicht und ist für zahlreiche Bauwerke verwendet worden.


Im ganzen Gebiet lagen zahlreiche weitere, kleinere Tempel, Heiligtümer, Bauwerke und Monumente. So beeindruckend das alles auch im Altertum gewesen sein muss, ist doch heute kaum noch etwas übrig, das uns einen Eindruck der alten Größe und Schönheit vermitteln könnte.


Etwas nördlich des eigentlichen Tempelbezirks liegt das archaische Heiligtum der Leto von 540 v. Chr. mit einem umlaufenden Marmorsockel.

Delos in der klassischen und hellenistischen Epoche: Entwicklung zum Handelszentrum

Nach dem Sieg der Griechen über die Perser gründeten die Athener, denen der Sieg vornehmlich zu verdanken war, im Jahr 478 v. Chr. den Attischen Seebund, der fast alle Städte der Ägäis umfasste. Als Sitz des Bundes und Aufbewahrungsort seines Schatzes wählten sie Delos, das als Heilige Insel als besonders sicher betrachtet wurde, da es zu der Zeit kaum vorstellbar war, dass jemand diese Insel angreifen könnte. Etwa 20 Jahre später wurde die Bundeskasse jedoch auf die Athener Akropolis überführt.

Im Jahr 426 v. Chr. wurde Delos nach einem Orakelspruch ein zweites Mal von allen Gräbern gereinigt, die auf die Insel Rheneia überführt wurden. Nun begann eine neue Blütezeit für die Insel. Gegen Ende des 4. Jahrhunderts geriet die Insel unter die Kontrolle der Makedoner mit einer Unterbrechung von 314 bis 250 v. Chr., als es eine weitgehende Unabhängigkeit erlangte. Ab 250 v. Chr. wurde die Insel unter den Makedonen dann nach und nach in ein bedeutendes Handelszentrum verwandelt; es ließen sich immer mehr Händler aus allen Gegenden des östlichen Mittelmeergebietes nieder. Mehrere staatliche, aber auch private Banken wurden gegründet. Schon seit dem 6. Jhd. hatte Delos eigene Münzen geprägt, auf denen meist die Kithara (Gitarre) des Apollon abgebildet war. Während der Ausgrabungen wurden große Mengen an delischen und fremden Münzen gefunden, die die reiche Handelstätigkeit bezeugen.


Neben dem Letoon nördlich des Tempelbezirkes liegt die große Agora (Markthalle) der Italiker, die im 2. Jhd. v. Chr. von reichen Händlern und Bankiers als Versammlungsplatz sowie möglicherweise für den Sklavenhandel angelegt wurde; vor den Ruinen sieht man einen Kanal des Abwassersystems.

Die naxische Löwenallee

Nördlich des Tempelareals stehen heute die berühmten naxischen Löwen. Sie stammen aus dem 7. Jhd. v. Chr. und befanden sich ursprünglich an der vom nördlichen Hafen auf die archaische Tempelanlage zuführenden Straße, wo sie, auf einer leicht erhöhten natürlichen Terrasse stehend, den Besucher ehrfurchtgebietend begrüßten. Sie waren vielleicht das eindrucksvollste Mal der naxischen Vorherrschaft über die Insel während der archaischen Epoche.

Ursprünglich gab es mindestens neun, vielleicht aber auch bis zu neunzehn Löwen. In hellenistischer Zeit wurden sie etwas verstellt, um Platz zu schaffen für die sich in dieser Zeit stärker etablierende Handelstätigkeit. Beim Bau des römischen Verteidigungswalles wurden Bruchstücke der Löwen eingebaut; die Löwenallee war damals also schon zerstört. Im Mittelalter transportierten die Venezianer den Körper eines Löwen nach Venedig, wo er seitdem mit neuem Kopf vor dem Arsenal steht. Bei den Ausgrabungen wurden weitere Bruchstücke gefunden und nördlich des Tempelgeländes aufgestellt; heute befinden sich die Originale im Museum von Delos.


Die berühmten naxiotischen Löwen wurden zur Zeit der naxiotischen Vorherrschaft über die Insel an der auf die Tempel zuführenden Allee aufgestellt.


Die bei den Ausgrabungen wieder aufgefundenen Löwen stehen heute an einem neuen Standort nördlich des Tempelbereichs.

Die nördlichen Wohn- und Handelsgebiete


Noch ein Stück nördlich schließt sich ein dicht bebautes Wohnviertel an, das Gebiet der Poseidoniasten aus Beirut, in dem viele Häuser noch bis zu beträchtlicher Höhe erhalten sind; im Hintergrund die Überreste eines Tempels.


Hier liegen zahlreiche große Wohnblocks mit vornehmen Häusern, Herbergen, Geldwechslerbüros, usw. Die Außenwände der oft mehrstöckigen Gebäude waren meist fensterlos, während sich in den dem Innenhof zugewandten Seiten Fenster befanden. Die Häuser verfügten über ein Abwassersystem, die Straßen waren ost-west- und nord-südlich ausgerichtet und teilweise gepflastert.


In einem der Häuser hat man einen regelrechten Schatz an Münzen und wertvollem Schmuck gefunden.


Zwischen den Ruinen wachsen zahlreiche Blumen, hier eine Wilde Möhre.


In einer Ecke mit herrlicher Blumenpracht grenzen niedrige Mauern einen dreieckigen Bereich ab: Solche Dreiecke wurden von den alten Griechen da errichtet, wo Zeus einen Blitz in die Erde geschleudert hatte. Im Hintergrund wieder der Kynthos sowie der Bereich des Heiligen Sees.

Der Heilige See

Nordöstlich des Tempelbezirks, in der Nähe der oben gezeigten Wohnbezirke, lag ursprünglich ein fast kreisrunder See, der um 1925 trockengelegt wurde. Hier soll Leto ihre zwei Kinder, Apollonas und Artemis, geboren haben, weswegen der Heilige See als Nabel der Welt betrachtet wurde Dem Mythos gemäß soll Leto sich während der Wehen an einem Palmbaum festgehalten haben. Auch heute noch wächst am Heiligen See eine beeindruckende Palme.


Heute liegt der Heilige See trocken, sein Bereich hat aber immer noch eine besondere Ausstrahlung, insbesondere wegen der in seiner Mitte wachsenden Palme.


Hier ein Foto des Heiligen Sees (aus dem Museum) als er noch Wasser führte.


Der überraschende Wasserreichtum der Insel war verständlicherweise von überragender Bedeutung für die Bevölkerung. Überall trifft man auf dem Ausgrabungsgelände Brunnen an.

Um die Zeitenwende: Unter römischer Herrschaft

Das etwa zentral in der Ägäis gelegene Delos entwickelte sich in den letzten Jahrhunderten vor der Zeitenwende zum bedeutendsten Handelszentrum zwischen Nordafrika und der Krim, Italien und Syrien. Weitere Wohngebiete mit großen, reich ausgestatteten Häusern wurden errichtet. Auf Delos wurde mit Getreide und anderen Gütern gehandelt, sowie auch in großem Maßstab mit Sklaven.

In dieser Zeit der Kommerzialisierung der Insel ging die Bedeutung des Apollon-Kultes nach und nach zurück; gleichzeitig etablierten sich entsprechend der bedeutenden ausländischen Bewohnerschaft aber auch eine große Anzahl fremder Kulte wie beispielsweise der ägyptische Isis-Kult.

Im 167 v. Chr. erlangte Athen unter der Aufsicht von Rom die Kontrolle über Delos, als die Makedoner von den Römern besiegt wurden. Die Athener vertrieben die Delier, die sich teilweise in Achaia auf dem Peloponnes niederließen. Zahlreiche Athener kamen nun auf die Insel, und bald wuchs die Bevölkerung wieder auf etwa 25.000 Menschen an, darunter Griechen aus diversen Städten, Italiker, Ägypter, Syrier, Phönizier, Palästinenser und Juden. Die Oberherrschaft über Delos blieb aber weiterhin bei den Römern. Im Jahr 88 v. Chr. begann Mithridates von Pontos gemeinsam mit den Athenern einen Krieg gegen Rom und überfiel die Heilige Insel, die sich nun aus Widerstand gegen Athen auf die Seite Roms stellte. Delos wurde besiegt und weitgehend zerstört; antike Schriftsteller berichten von 20.000 Toten. Nach einer weiteren Zerstörung durch Piraten im Jahr 69 v. Chr. verlor die Insel endgültig ihre Bedeutung.

In den Jahren danach bauten die Römer die Insel wieder auf, diesmal mit einem Befestigungswall, der die Siedlungen umgab. Erneut überließen sie die direkte Herrschaft den Athenern, aber die Insel konnte ihre alte Bedeutung nicht wiedererlangen; vornehme Häuser und Paläste wurden durch Werkstätten ersetzt. Der römische Kaiser Hadrian versuchte im 2. Jhd. n. Chr. den Apollon-Kult durch große Opferfeierlichkeiten wieder zu beleben, aber die Heiligkeit und Bedeutung konnte nicht wieder hergestellt werden.

In den ersten christlichen Jahrhunderten wurde die Insel zum Bischofssitz erklärt, und einige Kirchen wurden in den antiken Ruinen errichtet. Ab dem 6. Jahrhundert scheint die Insel unbesiedelt gewesen zu sein. Im Mittelalter gerät sie unter venezianische Kontrolle wie alle umliegenden Inseln auch; sie dient aber fast nur als Piratenunterschlupf und als Quelle für den als Baumaterial gesuchten Marmor – ein weiterer Akt in der Zerstörung der antiken Monumente.


Am Fuß des Kynthos liegt dieses vornehme, mehrstöckige Wohnhaus aus dem 2. Jhd. mit säulenumstandenen Innenhof, je mehreren Empfangs- und Wohnräumen, Bad usw.


Beim Aufstieg auf den Berg kommt man an einem weiteren Wohnhauskomplex vorbei.

Der ägyptische Kult auf Delos

So wie Delos in den letzten Jahrhunderten vor der Zeitenwende eine immer größere Bedeutung als Handelsplatz erlangte und sich zahlreiche ausländische Händler auf der Insel ansiedelten, etablierten sich auch deren Kulte in immer größerem Maß. Insbesondere die ägyptische Religion verbreitete sich im Lauf der Zeit, und mehrere Heiligtümer ägyptischer Götter wurden errichtet. An den ägyptischen Kulten nahmen auch viele Griechen teil.


Am Hang des Kynthos wurde um 180 v. Chr. ein Serapeion mit einem kleinen Isis-Tempel gegründet.


Der Isis-Tempel ist noch vergleichsweise gut erhalten; vor ihm steht ein kleiner Altar, an dem Weihrauchopfer vollzogen wurden. Isis war die Göttin der Fruchtbarkeit und der Natur, aber auch der Wiederbelebung der Toten; außerdem wurde sie als Schutzgottheit verehrt. Sie entsprach in etwa der griechischen Artemis. Ihr Kult wurde auch von vielen Griechen übernommen, und der Tempel wurde im Jahr 135 v. Chr. von den Athenern erneuert.


Hier die Statue der Gottheit.


Das kleine Tälchen am Fuß des Kynthos ist von dichtem, hohen Gras bestanden und wirkt, passend zum Heiligtum der Isis, besonders fruchtbar.

Auf dem Kynthos

Obwohl der Kynthos nur ein niedriger Berg ist, kann man einen Aufstieg auf seine Spitze nur mit Mühe in den üblichen drei Stunden unterbringen, die sich die Ausflugsboote auf Delos aufhalten. Zu schade, denn die Aussicht und die Atmosphäre auf dem Berg sind den Aufstieg allemal wert. Wir haben großes Glück mit dem Wetter: Es ist ein warmer, freundlicher, windstiller Tag, aber klar, so dass wir die Aussicht in ihrer vollen Schönheit genießen können. Mitte Mai zeigt die Landschaft ein schönes helles Braun von den vertrockneten Gräsern, das aber überall noch von blühenden Blumen aufgelockert ist.


Beim Aufstieg auf den Kynthos kommt man durch eine überaus schöne Granitlandschaft.


Auch hier trifft man immer wieder auf alte Fundamente, hier aus dicht mit Flechten bewachsenen Granitsteinen; auch am Nord- und Osthang des Berges lagen mehrere kleinere Heiligtümer, die vor allem fremden Göttern geweiht waren.


Die Felsen zeigen bizarre, beeindruckende Formen.


Marmorsäulen liegen am Wegrand.


Nach kurzem steilem Aufstieg erreichen wir die Spitze. Der Gipfel ist übersät mit kleinen, von den Besuchern aufgestellten Steintürmchen.


Und nun der Ausblick: nach Norden über die weich hügelige Insel; links im Hintergrund ist Tinos, rechts Mykonos sichtbar.


Auch nach Süden dehnen sich weiche Granithügel aus. Rechts im Bild sieht man einen kleinen See; ganz in der Ferne im Hintergrund liegt Paros, links erkennt man Naxos.


Nach Westen sieht man die kleine Insel Ekati im Vordergrund, dahinter die Insel Rheneia, deren zwei Teile nur durch eine sehr schmale Landbrücke verbunden sind, und schließlich in der Ferne die Insel Syros.


Auf der Spitze des Hügels liegen die Überreste eines Heiligtums des Zeus und der Athene aus hellenistischer Zeit; ihr Kult kann hier bis in die archaische Epoche nachgewiesen werden.


Auch von diesem Heiligtum ist nicht viel mehr erhalten als die Fundamente und zahlreiche herumliegende Marmorsteine. Im Hintergrund sieht man die kleinen Prasonisia (die Grünen Inseln).


Die höchste Spitze wurde von einem großen Bauwerk des Heiligtums eingenommen. Was für ein passender Platz um den Göttervater zu verehren!


Am Osthang lagen weitere Heiligtümer, so eines der Gottheiten der palästinischen Stadt Askalon sowie eines der Göttin Artemis in ihrer Funktion als Beschützerin der Familien und der Wöchnerinnen. Im Hintergrund sieht man Mykonos.


Ein Stück Richtung Südosten erhebt sich eine zweite Kuppe, auf der ebenfalls ein paar Gebäudereste stehen. Die Marmorsteine im Vordergrund stammen von den Bauten des Zeus-Heiligtums. In der Ferne liegt Naxos unter den Wolken.


An der südöstlichen Kuppe sind weitere kleine Gebäude zu erkennen. Auf der Spitze des Kynthos sollen kykladische Rundhütten aus dem 3. Jahrtausend v. Chr. liegen. Handelt es sich hier vielleicht um deren Reste? Im Hintergrund sieht man den Gipfel mit dem Zeus-Heiligtum.


ein weiterer Gebäuderest


Außerdem lag auf dieser Kuppe ein nicht-griechisches Heiligtum des Gottes Baal, der syrischen oder levantinischen Entsprechung des Zeus, zu dem vermutlich diese Fundamente gehören.


In den Felsen entdecken wir auffällige, nach Osten schauende Einmuldungen, die zumindest teilweise definitiv künstlich aussehen. Ob es sich um alte Kultstellen handelt?


Wir begegnen einem wunderschönen, frisch geschlüpften Schwalbenschwanz.


Die Granitlandschaft im Süden ist wunderschön anzuschauen. Es ist wundervoll friedlich hier oben; man fühlt sich weit von unserer Gegenwart entfernt, als wäre man in eine andere Zeit eingetreten, wo man noch eine Verbindung gleichzeitig sowohl zu den Wurzeln als auch zum Himmel knüpfen kann – es ist schwer zu beschreiben. Die Landschaft hat eine intensive Atmosphäre, und vor allem fühlt es sich einfach „richtig“ an. Ob das auch die früheren Bewohner der Insel so fühlten, als sie ihre Heiligtümer hier errichteten?


Die Granitfelsen sind mit duftenden Flechten bewachsen.


Hier sieht man die großen Kristalle im bräunlichen, sehr warm wirkenden Granit.

Die hellenistischen Wohnviertel im Südwesten

Nach dem Abstieg vom Kynthos wenden wir uns nach Westen zum Theaterviertel. Hier liegen zahlreiche reiche, gut erhaltene Wohnhäuser aus hellenistischer und römischer Zeit.


Das „Haus der Masken“ aus dem 2. Jhd. v. Chr. ist eines der am besten erhaltenen Häuser von Delos. Seine Räume sind mit bemerkenswerten Mosaikfußböden ausgestattet. In einem Raum sind Schauspielermasken dargestellt, daher der Name.


Daneben liegt das besonders reich ausgestattete „Haus der Delphine“.


Im Peristylhof des Hauses ist ein großes Mosaik erhalten, in dessen vier Ecken Delphinpaare dargestellt sind, auf denen je ein Gott reitet (Dionysos, Hermes, Poseidon und vermutlich Herakles).


Das Delphinpaar des an seinem Thyrosstab zu erkennenden Dionysos trägt einen Siegerkranz; so ist die Darstellung wohl als Ehrung des Gottes Dionysos zu deuten, der auch auf vielen anderen delischen Mosaiken auftaucht.


An der Ostseite des benachbarten Gebäudekomplexes mit dem „Haus der Masken“ befinden sich mehrere kleine Ladenräume in einer Zeile; bemerkenswert sind die großen Steinblöcke, die in den Wänden eingebaut sind.


Beim Blick zurück wird am Hang des Kynthos das Herakles-Heiligtum sichtbar, das in einer natürlichen Felsspalte liegt, die mit zwei schräg gestellten Granitplatten überdeckt ist. Man hat hier außer einer Statue des Herakles einen Altar, Opfertisch und -grube sowie Tische für rituelle Mahlzeiten nachgewiesen. Das Heiligtum stammt aus hellenistischer Zeit.


Das „Haus der Masken“ ist ebenfalls von Ladenräumen umgeben; gegenüber liegt eine Zisterne.


Hier eins der Mosaike im „Haus der Masken“ mit einer Darstellung des auf einem Leoparden reitenden Dionysos.


Die Gebäude sind aus wunderschönem gestreiftem Gneis oder Schiefer errichtet, der sich hervorragend in flache Steine spalten lässt.


Weiter westlich liegt ein weiterer Gebäudekomplex aus vielen Räumen, bei dem es sich möglicherweise um eine Herberge gehandelt hat.

Das Theater

Anschließend kommen wir am Theater vorbei. Das im 3. Jhd. V. Chr. errichtete Theater bot etwa 6500 Zuschauern Platz und war mit Bühnengebäuden und allem erforderlichen ausgestattet; vor dem Theater lag ein Platz mit einem Heiligtum und zahlreichen Ehrenstatuen.


Blick über die Bühne und die Reste der Bühnengebäude auf den Zuschauerraum.


Die bequem rund geformten Sitzbänke stehen heute teilweise auf der Bühne.


Das Regenwasser aus der Orchestra des Theaters wurde in einer großen überdachten Zisterne gesammelt.


Obwohl das Theater am Hang lag, musste das Gelände doch stark aufgeschüttet werden, um die Steigung des Zuschauerraumes zu erreichen; von außen ist das Theater entsprechend von einer hohen Mauer umgeben.

Das Theaterviertel

Nordwestlich des Theaters liegt das reichste Stadtviertel von Delos, das aus dem 3. Jhd. v. Chr. stammende Theaterviertel. Es handelt sich um das am besten erhaltene Beispiel hellenistischer Wohnarchitektur in Griechenland. Die großen, vornehmen, ein- oder zweistöckigen Häuser bestanden je aus einem säulenumstandenen Innenhof mit darum liegenden Wohn- und Empfangsräumen; sie besaßen Toiletten und Bäder. Entlang der Straßen lagen Läden und Werkstätten; auch eine Ölmühle hat man gefunden.


Das Theaterviertel stammt aus hellenistischer Zeit; es ist gut erhalten und hat zahlreiche informative Funde geliefert.


Die Häuser sind teilweise zweistöckig und meist aus dem schon vorher erwähnten Gneis errichtet.


Die Innenhöfe waren meist von Marmorsäulen umgeben.


In einem der Räume steht ein schön gearbeitetes Marmorgefäß.

Im Museum

Archäologische Ausgrabungen wurden im Jahr 1872 auf Delos begonnen, zunächst vor allem von französischen Archäologen. Bis heute wird weiter ausgegraben; in den letzten Jahrzehnten bemühen sich die Archäologen auch darum, die antiken Bauteile wieder zusammen zu tragen und teilweise wieder aufzurichten.


Im Museum sind die Originale einiger Fußbodenmosaike aus diversen vornehmen Häusern ausgestellt. Hier eine Darstellung aus dem Dionysos-Mythos: Der thrakische König Lykurgus, Verfolger des dionsischen Glaubens, versucht Dionysos‘ Amme Ambrosia zu töten; diese wird jedoch in eine Weinrebe verwandelt.


dionysische Masken auf einem Mosaik aus einem Wohnhaus aus dem 2./1. Jhd. v. Chr.


Und zum Abschluss noch eine schöne Statue der Artemis, Schwester des Apollon und der Göttin der Jagd, des Waldes, der Fruchtbarkeit und später auch des Mondes, strenge und unerbittliche Rächerin aber auch Beschützerin der Kinder und Frauen (entspricht der ägyptischen Isis).

Fazit

Als Gesamteindruck unseres Besuches auf Delos bleibt, dass die Insel gleichsam unsere Zivilisation und ihre Entwicklung verkörpert und zusammenfasst. Am Beginn der delischen Geschichte stand die Harmonie, die man auf dem Gipfel des Kynthos noch erfühlen kann, die Harmonie der Natur, die in der Frühen Bronzezeit, in der kykladischen Epoche, wie es scheint, auch in der menschlichen Gesellschaft noch existierte, einer kleinen Gesellschaft gleichgestellter Menschen, die mit ihren beschränkten Mitteln doch eine erstaunliche und reiche Kunst hervorbrachte, eine Kunst, die nicht einfach Schmuck, sondern Ausdruck der Essenz, des Wesens des Menschseins war. Der Kult des Apollon, des Gottes des Lichts, der diese Harmonie in der antiken griechischen Welt verkörperte, war in der archaischen Periode noch von tiefer Bedeutung für die Menschen, und sein Heiligtum der Mittelpunkt der ägäischen Welt. Im Lauf der Jahrhunderte trat jedoch mit der kulturellen und wirtschaftlichen Entwicklung die spirituelle Bedeutung des Heiligtums und der Insel nach und nach in den Hintergrund, und hier auf Delos entwickelte sich besonders früh eine auf Handel und Profit sowie auch Ausbeutung (siehe den Sklavenhandel) gegründete, völkerübergreifende Gesellschaft; die Herrschaft des Geldes wurde etabliert. Und dann kam, schnell und endgültig, der Absturz.

Die Insel Delos kann so für den heutigen Besucher als Anlass dienen, sich Gedanken zu machen, und bis zu unseren Wurzeln zurück zu forschen. Die Frage ist aktueller denn je, und es wird immer dringender, dass wir eine Lösung finden: Was wollen wir eigentlich? Wollen wir, in einem Satz zusammengefasst, eine Gesellschaft, in der der Mensch der Wirtschaft dient, oder wollen wir eine Gesellschaft, in der die Wirtschaft dazu da ist, den Menschen ein dauerhaft gutes Leben zu sichern? Im Moment durchlaufen wir eine Phase mit einer extremen Herrschaft der Wirtschaft und des Geldes, die sich außerdem noch immer weiter veschärft. Wollen wir das wirklich? Es muss nicht so sein, tatsächlich nicht. Es ist unsere Wahl, und wir wissen eigentlich, dass die Wahl falsch ist. Nun ist uns das Los zugefallen, die Richtung zu ändern und die Welt zurückzuführen aus dem wirtschaftlichen Dschungel auf einen Weg, der aufwärts führt. Wie können wir das schaffen? Ich denke, dass wir die verloren gegangene Harmonie wieder herstellen müssen, angefangen mit der Harmonie in uns, in der Familie, mit der Natur, der Gesellschaft, zwischen den Staaten.

Die Insel des Gottes des Lichts und der Harmonie sollte wieder zum Wallfahrtsort werden, so wie zum Beginn unserer Zivilisation, als die Menschen zwar vielleicht noch unwissend waren, aber doch so viel weiser!

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