Die byzantinischen Kirchen von Naxos

Die Insel Naxos besitzt einen außergewöhnlichen Schatz von gut 140 byzantinischen Kirchen, von denen die ältesten aus dem 4. Jahrhundert stammen. In vielen der Kirchen sind bedeutende Reste von Wandmalereien erhalten; einige sind gut erhalten, die meisten aber stark beschädigt sowohl durch die langen Jahre der Fremdherrschaft als auch durch den Zahn der Zeit und Witterungseinflüsse. In wurden in den naxiotischen Kirchen 180 verschiedene Schichten an Wandmalereien verzeichnet, die aus allen Phasen der insgesamt fast tausendjährigen byzantinischen Epoche (6. bis 15. Jahrhundert, die letzten Jahrhunderte unter venezianischer Herrschaft) stammen mit einem Höhepunkt im 13. und 14. Jahrhundert. Auf Naxos sind alle Phasen der Entwicklung der Wandmalerei im Lauf der Jahrhunderte mit je einer ganzen Reihe von Beispielen repräsentiert.

Auf Naxos gibt es wesentlich mehr byzantinische Kirchen und Wandmalereien als auf allen übrigen Kykladen-Inseln zusammen; aber auch anderswo in Griechenland und auf dem gesamten Balkan kann man kaum irgendwo eine derartige Ansammlung interessanter und bedeutender mittelalterlicher Kirchen finden.

Es ist bemerkenswert und bedauerlich, dass dieser kulturelle Schatz bislang so wenig Aufmerksamkeit erregt hat. Immerhin haben in den letzten Jahrzehnten die zuständigen Byzantinologen sich bemüht, jede einzelne der weit über die Insel verstreuten Kirchen aufzusuchen und zu dokumentieren. Die wichtigsten byzantinischen Kirchen in der Tragaía sind restauriert worden, in anderen sind die Wandmalereien zumindest an manchen Stellen ausgebessert. Einige der Kirchen sind zu heute besichtigen; die meisten sind allerdings abgeschlossen und nicht zugänglich. Es wäre sehr zu wünschen, dass auch die übrigen Kirchen mit nennenswerten Wandmalereien, auch die in abgelegenen Regionen, restauriert bzw. wenigstens vor weiterem Verfall geschützt werden, und dass in Zukunft ein paar mehr der Kirchen den interessierten Touristen zugänglich gemacht werden.

Die byzantinische Kirchenarchitektur

Nach ihrer Christianisierung wandelten die Bewohner von Naxos ihre Heiligtümer, die antiken Tempel, in Kirchen um. Dabei wurde meist zunächst das Tempelgebäude selbst zur Kirche umgebaut, z.B. durch den Anbau einer Apsis (=halbrund vorspringender Anbau für den Altar). Später wurde der ehemalige Tempel meist durch ein in der Nähe errichtetes neues Krichengebäude ersetzt, bei dessen Bau oft Steine des Tempels verwendet wurden.


Der Demeter-Tempel wurde etwa im 4. Jahrhundert nach Christus in eine Kirche umgewandelt.


Im 6. Jhd. n. Chr. wurde das Gebäude tiefgreifend umgestaltet und im Osten eine Apsis (halbrund vorspringender Altarraum) angebaut.


Auch dieses antike Bauwerk wurde als Kirche genutzt (Panagía Chrysopigí bei Apíranthos); es handelte sich vermutlich um ein mykenisches Grabmal.

Die Gebäudetypen

Bei den meisten Kirchen von Naxos handelt es sich um kleine, einfach konstruierte Bauten. Im Gegensatz zu den meist aus einem oder mehreren Längsschiffen bestehenden katholischen Kirchen West- und Mitteleuropas sind die typischen orthodoxen Kirchen als Kreuzkuppelbauten angelegt; ihre Grundform ist also ein kreuzförmiger Bau mit einer großen Kuppel in der Mitte. Das trifft allerdings auf die Kirchen von Naxos nur eingeschränkt zu; es gibt zwar eine ganze Reihe von kreuzförmigen Kuppelbauten, aber die meisten Kirchen bestehen aus einem oder zwei Längsschiffen, teilweise mit, teilweise ohne Kuppel. Alle Kirchen besitzen Tonnendächer, das heißt sie sind durchgängig halbrund überdacht, eine alte, heute ungewöhnliche Form des Daches, wobei das Mauerwerk sich selbst ohne irgendwelche Stützbalken trägt. Das Dach ist mit Ziegeln oder mit Steinplatten gedeckt (heute oft durch Beton ersetzt). Ferner finden sich auf Naxos auch eine Reihe von Basiliken (Kirchen mit drei Längsschiffen, die durch Säulen getrennt sind, wobei das Mittelschiff höher ist als die seitlichen); interessanter Weise handelt es sich dabei (außer mehreren großen, nachbyzantinischen Dorfkirchen) um die wenigen frühbyzantinischen Kirchenbauten der Insel.

Fast alle Kirchen sind West-Ost-orientiert. Richtung Osten liegt das Allerheiligste, das heißt der Altarbereich, der nur vom Priester betreten werden darf. Hier besitzt der Bau stets eine größere oder kleinere halbrunde Ausbuchtung, die Apsis. Der Eingang befindet sich meist in der dem Altar gegenüber liegenden Westseite. Bei einigen Kirchen wurde später im Westteil ein querstehender Vorbau angefügt, der das als aus dem Westen kommend gedachte Böse abhalten sollte. Viele der Kirchen von Naxos, insbesondere die fern der Dörfer gelegenen, sind klein und unauffällig; manchmal deutet überhaupt nur die west-östliche Ausrichtung und die Rundung der Apsis darauf hin, dass es sich um eine Kirche handelt.


Panagía Rachidiótissa bei Monítsia: eine kleine kreuzförmige Kuppelkirche


Panagía Kerá bei Kóronos: ebenfalls eine kreuzförmige Kuppelkirche


Ágios Mámas bei Potamiá ist eine der größten und höchsten Kuppelkirchen von Naxos; Blick nach oben in die Kuppel


Hier von außen: An die Kreuzkuppelkirche wurden später im Westen zwei querstehende Vorbauten angefügt. Diese sollten das Böse abwehren, das als aus dem Westen kommend gedacht wurde.


Ágios Nikólaos bei Sangrí: einräumige Kirche aus einem Längsschiff mit Kuppel


Ágios Joánnis Theológos: ebenfalls eine einräumige Kirche mit hier sehr niedriger Kuppel


kleine einräumige Kirche ohne Kuppel beim Apáno Kástro


Turm von Chimárrou: zwei kleine einräumige Kirchlein ohne Kuppel


Ágios Mámas bei Apíranthos: zweischiffige Kirche ohne Kuppel


An dieser jüngeren Kirche (Ágios Artémios bei Kinídaros aus dem 17. Jahrhundert) kann man gut die tonnenförmige Gestaltung des Daches erkennen; die Kirche ist eine dreischiffige Basilika.


Ágios Isídoros bei Monítsia gehört zu den frühchristlichen Basiliken (aus dem 6./7. Jhd.)


Der wohl ungewöhnlichste Kirchenbau auf Naxos ist diese doppelstöckige Kirche (Ágii Apóstoli bei Metóchi in der Tragaía, 10. bis 11. Jahrhundert).

Tempel und Kirchen

Die byzantinischen Kirchen unterscheiden sich in der Architektur und in der Ausführung des Baus ganz entscheidend von den antiken griechischen Tempeln. Die antiken Bauwerke waren mit größter Perfektion bis in die kleinsten Details konzipiert; mit der harmonischen Gestaltung sollte die optimale Schönheit erreicht werden. Aber auch die Ausführung suchte stets die Perfektion: Säulen und Steine waren sorgfältig zurechtgehauen oder -geschliffen.

Im Gegensatz dazu legten die Baumeister der Kirchen einen viel geringeren Wert sowohl auf die Anlage der Gebäude als auch auf die technische Ausführung. Die meisten Kirchen sind sehr einfache, geradezu simple Bauwerke; oftmals sind sie kaum als Kirchen zu erkennen. Zudem sind sie in den meisten Fällen sehr unsorgfältig gebaut: Die Wände sind schief und die Kuppeln nur annähernd rund. Das Mauerwerk ist aus kleinen, gänzlich unbearbeiteten, in der Umgebung aufgelesenen Feldsteinen gefügt, die unachtsam aufeinander geschichtet sind.


Die byzantinischen Kirchen von Naxos sind sämtlich sehr unsorgfältig aus in der Umgebung aufgesammelten Feldsteinen gemauert.


Hier sieht man das unordentliche Mauerwerk, das größtenteils aus kleinen, nicht bearbeiteten Lesesteinen zusammengefügt ist.


Dieses steht in großem Kontrast zum sorgfältigen Mauerwerk der antiken Tempel.


Hier sieht man, dass die Wände und Halbsäulen krumm und schief stehen, und die Kuppel nur annähernd rund geformt ist.

Details der Kirchenbauten: antike Steine und Altarwäne

Während das Mauerwerk der byzantinischen Kirchen generell sehr unsorgfältig ausgeführt ist, gibt es doch in den Wänden immer wieder Interessantes zu entdecken. So sind in vielen Kirchen der Insel Marmorsteine aus antiken Tempeln verbaut worden. Durch die Untersuchung der in den byzantinischen Kirchen verbauten Steine ist es nicht nur gelungen, den Demeter-Tempel vollständig zu rekonstruieren, sondern man hat auch einen Tempel der Insel auf diese Weise entdeckt (den Tempel des Dionysos bei der Chóra). Die antiken Steine wurden insbesondere als Türstürze und -schwellen verwendet oder an Stellen eingebaut, die eine größere Präzision erfordern wie Ecken und Türzagen.

Bei vielen Kirchenbauten trifft man darüber hinaus auf poröse, farbige, oft grünliche Steine, der vor allem für die Dachwölbungen verwendet wurden (möglicherweise wegen eines geringeren Gewichtes?). Es ist mir nicht bekannt, dass es derartige Steine irgendwo auf Naxos gibt; ich könnte mir aber vorstellen, dass sie vulkanischen Ursprungs sind und beispielsweise von Santorin stammen.


Bei vielen byzantinischen Kirchen wurden antike Marmorsteine von in der Nähe gelegenen Tempeln verwendet.


Diese wurden insbesondere an den Stellen eingebaut, die eine höhere Präzision verlangen, wie hier an den Türzargen.


An diesem antiken Stein kann man die Spuren der Bearbeitung mit einem Zahneisen erkennen.


Zwei weitere antike Steine mit charakteristischer Bearbeitung.


Hier sieht man an der Kirche Ágios Mámas bei Potamiá die merkwürdigen vulkanischen(?) Steine, die oft beim Bau der byzantinischen Kirchen verwendet wurden.


Diese porösen Steine können grünlich…


…oder rosa sein.

In den orthodoxen Kirchen darf der östlichste Teil (das Allerheiligste) nur vom Priester betreten werden; dieser Bereich ist durch eine hölzerne oder marmorne Wand abgetrennt. Nur wenige naxiotische Kirchen besitzen eine marmorne Trennwand, obwohl Marmor doch ein so häufiges Material auf der Insel darstellt; eine aufwändige Ausstattung der Kirchen in dieser Hinsicht war den damaligen Gläubigen offensichtlich nicht wichtig. Auch eine hölzerne Wand ist nur noch in wenigen Kirchen erhalten; die meisten byzantinischen Kirchen, insbesondere die abgelegenen, werden kaum noch genutzt.


Nachbyzantinische Kirche in Apíranthos mit marmorner Altarwand


Detail der Altarwand


Diese Kirche besitzt eine typische hölzerne Altarwand (Ágios Pachómios in Apíranthos).


Ágios Joánnis in Sífones


Zoodóchos Pigí am Turm von Chimárrou

Die byzantinischen Wandmalereien

Die byzantinischen Kirchen von Naxos wurden von ihren Erbauern (in auffälligem Gegensatz zu ihrer einfachen Architektur und spärlichen Ausstattung) mit aufwändigen Wandmalereien geschmückt, von denen allerdings in vielen Fällen nur spärliche Reste erhalten sind. Die Wandmalereien der Insel weisen insgesamt zwar einen mehr oder weniger ländlichen Charakter, aber doch ein im Allgemeinen hohes Niveau in der Technik und künstlerischen Gestaltung auf. Die naxiotische Kirchenmalerei zeigt eine klare Zugehörigkeit zur Kirchenkunst von Byzanz, die sich wiederum aus der antiken Kunst entwickelt hat; Ausführung, Thematik und Technik entsprechen im Großen und Ganzen den zeitgleichen Malereien in anderen Teilen des Byzantinischen Reiches. Dennoch gibt es auf Naxos einige Beispiele von ungewöhnlicher oder einzigartiger Thematik und Darstellungsweise. Auf der Insel sind alle Perioden der insgesamt fast 1000 Jahre byzantinischer Wandmalerei mit beachtenswerter, ja fast einzigartiger Vielfalt repräsentiert.


Viele Kirchen sind mit mehreren Schichten an Wandmalereien ausgestattet; hier kann man drei Lagen erkennen, wobei die jüngste Lage eine deutlich höhere Qualität besitzt als die älteste (Ágios Panteleímonas in Lakkomérsina).

Verständlicherweise sind die meisten Kirchen von Naxos heute abgeschlossen; nur in abgelegenen, ländlichen Regionen findet man noch mit Wandmalereien ausgeschmückte Kirchen, die frei zugänglich sind. Entsprechend kann ich hier nur wenige Beispiele mit Fotos versehen; gerade die bedeutendsten Kirchen müssen leider ohne Innenfotos bleiben (in den zwei oder drei Kirchen, die offiziell zu besichtigen sind, ist das Fotografieren untersagt). Trotzdem hoffe ich, dass schon die wenigen Beispiele, die ich hier bringen kann, die Thematik ausreichend illustrieren und den Leser vielleicht animieren, sich einige Kirchen selbst anzuschauen.

Die Frühchristliche Epoche (7. und 8. Jahrhundert)

Es gibt mindestens neun Kirchen auf Naxos, deren Anfänge in die frühchristliche Epoche zu datieren sind; die vermutlich früheste ist die Höhlenkirche Kalorítsa zwischen Damariónas und Sangrí, die aus dem 4. Jahrhundert stammt. In den meisten dieser Kirchen haben sich nur geringe Reste von Wandmalereien erhalten. Bedeutende frühchristliche Wandmalereien aus der Zeit vor dem Bildersturm (7. und 8. Jahrhundert) gibt es außer in Kalorítsa in den Kirchen Panagía Drosianí bei Moní, Panagía Protóthroni in Chalkí. Unter diesen finden sich ungewöhnliche Darstellungen oder Anordnung der Figuren, die die damalige christliche Anschauungsweise verdeutlichen, insbesondere eine einzigartige doppelte Ausführung von Christus in der Kuppel der Panagía Drosianí (als junger und als älterer Mann). Manche Charakteristika der Ausführung der frühchristliche Wandmalereien von Naxos zeigen eine Verwandtschaft zu gleichzeitigen byzantinischen Kirchen Roms, was möglicherweise darauf zurückgeführt werden kann, dass der römische Papst Martin I. um das Jahr 653 auf Naxos in Verbannung war.


Die Kirche der Panagía Drosianí bei Moní ist eine der ältesten Kirchen von Naxos mit bedeutenden Wandmalereien, von denen die frühesten aus dem 7. Jahrhundert stammen.

Die Zeit des Bildersturms (9. und 10. Jahrhundert)

Mit insgesamt 14 Kirchen findet sich auf Naxos die im ganzen griechischen Raum mit Abstand größte Ansammlung von Kirchen, die (teilweise) mit Wandmalereien aus der Zeit des Bildersturmes ausgestattet sind. Die Thematik der Malereien ist sehr vielfältig und umfasst sowohl geometrische ornamentale Muster als auch Tierdarstellungen. Teilweise entstammt sie den frühbyzantinischen Darstellungen, teilweise sind die Motive aber offensichtlich von gleichzeitigen islamischen Ausführungen beeinflusst. Nur einige kleinere Abbildungen ähneln den wenigen ikonoklastischen Beispielen aus benachbarten Regionen Griechenlands (Kreta, Peloponnes, Evritania).

Es ist schon etwas erstaunlich, dass die von der byzantinischen Reichshauptstadt Konstantinopel ausgehende ikonoklastische Bewegung sich tatsächlich schnell bis auf so weit entfernt gelegene, ländliche Inseln wie Naxos auswirkte; vor allem aber ist es ungewöhnlich, dass in einigen Kirchen (vor allem Ágia Kyriakí bei Apíranthos, Ágios Artémios bei Sangrí und Ágios Joánnis Theológos in der Nähe des Kástro Apalírou) die nicht-figürlichen Malereien des Bildersturms auch nach dem Ende desselben um 843 v. Chr. nicht oder nur in Teilen übermalt wurden, so dass sie bis heute offen erhalten blieben.


Ágia Kyriakí ist eine der bedeutenden Kirchen von Naxos, die Wandmalereien aus der Zeit des Bildersturms aufweisen. Die kleine, zweischiffige Kirche mit querstehendem Westanbau stammt aus dem 9. Jahrhundert.


Hier sieht man ein Beispiel der ornamentalen, nicht-figürlichen Wandmalereien dieser Kirche.


Besonders bemerkenswert sind diese Darstellungen von Hähnen, die merkwürdige Halstücher tragen.


Eine weitere (abgeschlossene) Kirche mit Wandmalereien aus der Zeit des Bildersturms ist Ágios Joánnis Theológos Adisárou südlich von Sangrí.


Reste von nicht-figürlichen Wandmalereien aus dem 10. Jahrhundert sind auch in der Kirche des Ágios Geórgios bei Apíranthos erhalten.

Die Mittelbyzantinischen Wandmalereien des 11. und 12. Jahrhunderts

Aus dem 11. und 12. Jahrhundert sind nicht sehr viele Beispiele von Wandmalereien erhalten, einige darunter gehören jedoch zu den bedeutendsten und am besten erhaltenen der Insel, so Teile der Ausschmückung der Panagía Protóchroni in Chalkí und die Kirche Ágios Geórgios Diasorítis zwischen Chalkí und Monítsia. Die Malereien dieser Zeit weisen eine hohe Qualität und ein weitgefächertes, teilweise ungewöhnliches Repertoire auf. Als Stifter werden bedeutende kirchliche und weltliche Oberhäupter der Insel angegeben, wodurch sich die hohe Qualität erklären lässt.

In der Kirche der Panagía Protóchroni ist die Kuppel in der Mittelbyzantinischen Phase zweimal übermalt worden mit nur vier Jahren Abstand, das zweite Mal offensichtlich von einem anderen Auftraggeber, wobei einige Figuren durch andere ersetzt wurden. Dabei fällt auf, dass die neuere Schicht nicht nur eine etwas einfachere, gröbere Ausführung, sondern auch eine traditionellere Auswahl der Figuren aufweist, was eine recht konservative theologische Anschauung beweist. Auch andere Wandmalereien dieser Zeit sind thematisch eher „rückorientiert“ und offenbar bewusst traditionsgebunden ausgeführt.

Ein einzigartiges Beispiel der Wandmalerei dieser Zeit ist die Kirche Ágios Geórgios Diasorítis (der Beiname leitet sich wohl vom „óros Días“, dem Zeus-Berg ab) in der Nähe von Chalkí. Es handelt sich um eine Kreuzkuppelkirche mit etwas jüngerem, querstehendem Vorbau und einfachem Glockengiebel im Westen. Die fast vollständig erhaltenen Malereien aus dem 11. Jahrhundert sind nicht nur von ausgezeichneter Qualität und Schönheit, sondern auch in der Auswahl der Darstellungen und der Anordnung der Figuren sehr bemerkenswert. Um ähnliche Darstellungen zu finden, muss man in vielen Fällen in weit weg gelegenen Kirchen suchen, so auf Kreta, in Thessaloniki, in Korfu, aber auch in Kappadokien und in Kiew. Besonders bemerkenswert an den Wandmalereien des Ágios Geórgios Diasorítis ist nicht nur die ausgewogene, theologisch durchdachte, als Ganzes und in den Einzelheiten harmonische Komposition der dargestellten Heiligen und biblischen Szenen, sondern auch die Ausführung der Figuren mit angenehmen, kräftigen Farben und entschlossener Linienführung. Sehr beeindruckend sind die abgebildeten Heiligen mit ihrem ernsten und besonnenen, aber auch kraftvollen Ausdruck, der gleichzeitig eine tiefe heilige Ruhe und Menschenfreundlichkeit widerspiegelt. Dabei besitzt jeder Heilige trotz der insgesamt ähnlichen Haltung eigene Charakteristika. Wie ergreifend muss die Kirche erst gewesen sein, als alle Malereien noch frisch und unbeschädigt waren!

die byzantinische Kirche Ágios Geórgios Diasorítis
Die bedeutende byzantinische Kirche Ágios Geórgios Diasorítis bei Chalkí besitzt in ihrer Vollständigkeit im gesamten Ägäisraum einzigartige Wandmalereien.


Das Innere der Kirche ist mit fast vollständig erhaltenen Wandmalereien ausgeschmückt. Im Allerheiligsten sind in der Kuppel der Apside die Panagía mit dem Christuskind dargestellt und darunter vier stehende Heilige, hier die Heiligen Grigórios Theológos und Basílios.


die Heiligen Aníkitos und Fótios


Die Heiligenfiguren, hier Joánnis Eleimon, sind besonders ausdrucksvoll.


Der Heilige Geórgios ist in der Mitte der Apside dargestellt mit seinen Eltern zu seiner rechten und linken Seite.

Das 13. und 14. Jahrhundert

Aus dem 13. und den ersten Jahrzehnten des 14. Jahrhunderts stammen die weitaus meisten byzantinischen Kirchen von Naxos, wobei es sich hier größtenteils um kleine Kirchen handelt, die sich meist nicht in der Tragaía oder sonst im Zentrum der Insel befinden, sondern in ihren abgelegeneren, ländlichen Gebieten. Als Stifter der Malereien werden, wo Inschriften erhalten sind, lokale Priester, und einfache Dörfler angegeben; manchmal sind die Malereien von den Stiftern selbst angefertigt worden. Entsprechend ist die Ausführung oft von etwas einfacherer Qualität als die Malereien der vorigen Phase, aber in Anbetracht dieser Umstände doch größtenteils sehr bemerkenswert; nur wenige Malereien haben einen „dörflichen“ Stil. Die Thematik ist wiederum meist eher konservativ und recht frei, was die Auswahl der dargestellten Figuren betrifft: Diese richtete sich offensichtlich nach dem persönlichen Geschmack des Stifters.

Im 13. und 14. Jahrhundert stand Naxos unter venezianischer, also katholischer Oberherrschaft. Es ist erstaunlich, dass der byzantinische Kirchenbau und die Wandmalerei auf Naxos in dieser Zeit noch einmal eine derartige Blüte erlebte (was beweist, dass die griechischen Bürger der Insel in diesem ersten Jahrhundert der venezianischen Feudalherrschaft noch eine vergleichsweise große religiöse Freiheit und wirtschaftliche Selbständigkeit genossen); ebenso erstaunlich ist aber auch, dass in den Wandmalereien fast nirgendwo ein lateinischer Einfluss nachzuweisen ist – auch später hielten sich die Venezianer streng von den Griechen getrennt und es kam zu kaum einer gegenseitigen kulturellen Beeinflussung.


Ein gutes Beispiel für Kirchen mit Wandmalereien aus dem 13. Jahrhundert sind die Kirchen Ágios Geórgios und Ágios Pachómios bei Apíranthos.


Die Apsis des Südschiffs des Ágios Geórgios ist mit Wandmalereien geschmückt, die teilweise noch recht gut erhalten sind.


Heiligenfigur im unteren Teil der Apsis


Hier wohl die Jungfrau Maria links vom in der Kuppel der Apsis dargestellten Gottvater.


Manche besonders empfindlichen Stellen der Wandmalereien sind mit speziellem Tuch abgedeckt worden, um sie zu schützen.


eine weitere recht gut erhaltene Heiligenfigur


In der benachbarten, etwas jüngeren Kirche des Ágios Pachómios sind die die Wandmalereien in den Säulenecken unterhalb der kleinen Kirchenkuppel am besten erhalten.


An der Seitenwand dieser Kirche ist dieser Engel abgebildet.


Ebenfalls aus dem 13. Jahrhundert stammen die Wandmalereien in der eigentümlichen Kirche des Ágios Panteleímonas in Lakkomérsina bei Apíranthos.


Das südliche Schiff ist mit ziemlich ausgedehnten Wandmalereien aus dem 13. Jahrhundert ausgeschmückt.


Heiligenfigur


Zwischen den Heiligenfiguren erkennt man Ornamente.


Diese Figuren sind recht gut erhalten. Man beachte die mit vielen sorgfältig ausgeführten Details geschmückten Gewänder.


Eine der typischen Kirchen mit Wandmalereien des 14. Jahrhunderts ist die des Ágios Geórgios in Sífones.


Die farbenprächtige Wandmalerei ist in Teilen gut erhalten.


Hier ist wohl der Heilige Georgios dargestellt.


Die Heiligenfiguren sind sorgfältig gemalt.


Fische zu Füßen eines der Heiligen


Eine weitere Heiligenfigur steht an der Seitenwand.


Wie schade, dass die schönen, so viele Jahrhunderte alten Malereien an manchen Stellen beschädigt sind!


Auch die kleine byzantinische Kirche Ágios Nikólaos bei Komiakí (am Troúllo) ist mit Malereien aus dem 14. Jahrhundert ausgestattet.


der Innenraum der Kirche mit den Wandmalereien unter dem Gewölbe, dem durch eine Säule abgetrennten Altarraum und der einfachen, niedrigen Apsis


Die Apsis schmücken die Köpfe von Christus in der Mitte mit Maria und Johannes Prodromus an den Seiten.


Im vorderen Bereich der Kirche ist auf der linken Seite Mariä Lichtmess dargestellt, die „Präsentierung“ von Christus vierzig Tage nach seiner Geburt im Tempel von Jerusalem vor den beiden Alten Simeon und Hanna.


Darstellung des Johannes Prodromus; man beachte die ungewöhnliche Gestaltung der Augen mit geradem Unterrand: eines der wenigen Beispiele auf Naxos, das auf einen lateinischen Einfluss hinweist.

Es ist wirklich zu wünschen, dass dieser naxiotische Schatz in Zukunft eine ähnliche Beachtung findet wie seine antiken Altertümer!

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