Das byzantinische Naxos

Wenn es um die Geschichte Griechenlands geht, denken die meisten Leute nur an das antike Griechenland und das mit gutem Grund, da Griechenland im Altertum bekanntlich besonders früh eine überragende Kultur entwickelte, die nicht nur alle benachbarten Völker tiefgreifend beeinflusste, sondern der auch unsere gesamte westliche „Zivilisation“ entstammt. So entwickelte sich Griechenland schon in der späten prähistorischen Zeit zum Vorreiter innerhalb Europas, wobei die Kykladen mit ihrer bedeutenden frühbronzezeitlichen Kykladenkultur eine besondere Rolle spielten. Unumstritten ist die Bedeutung Griechenlands auch in der historischen Antike (sowohl auf den Gebieten der Kunst, der Literatur und der Architektur als auch der Philosophie und Wissenschaft). Die Kykladen und insbesondere Naxos trugen dabei wiederum in der frühen Zeit (archaische Epoche) am meisten zur kulturellen Entwicklung bei, während sie gegen Ende der Antike unter römischer Herrschaft kaum eine politische oder kulturelle Bedeutung mehr inne hatten.

Die Insel Naxos blühte in wirtschaftlicher und kultureller Hinsicht (ebenso wie Griechenland als Ganzes) erst im Lauf der byzantinischen Epoche wieder auf. Allerdings ist die kulturelle Entwicklung der Insel während der byzantinischen Epoche vergleichsweise unbekannt: Ungerechtfertigter Weise wird diese Epoche meist völlig vernachlässigt. Dasselbe trifft auch auf ganz Griechenland und das christliche Byzantinische Reich zu: Die politische, wirtschaftliche und kulturelle Blüte, die dieses erreichte, und die Rolle, die es auch während dieser Zeit für die Bewahrung und Überlieferung der antiken Kultur und für die Entwicklung Europas spielte, wird bis heute wenig beachtet und steht völlig im Schatten der Aufmerksamkeit, die der griechischen Antike gewidmet wird.

▸ Das Frühbyzantinische Reich

▸ Die Mittelbyzantinische Epoche

▸ Die Spätbyzantinische Epoche und das Ende von Byzanz

▸ Die Bedeutung des Byzantinischen Reiches für Europa

Naxos in der byzantinischen Epoche

Eine der Schwierigkeiten bei der Beschäftigung mit der byzantinischen Epoche in Griechenland besteht darin, dass kaum schriftliche Zeugnisse überliefert sind, obwohl das byzantinische Reich ein sehr gut organisiertes Staats- und Wirtschaftssystem besaß. Das trifft auch auf Naxos zu. Aus den wenigen erhaltenen Quellen können wir schließen, dass die meisten der heutigen naxiotischen Dörfer auch im Mittelalter schon bestanden; dazu existierten noch eine Reihe weiterer Siedlungen, die heute verschwunden sind. Es kann als sicher gelten, dass ebenso wie heute der größte Teil der Insel bewirtschaftet war, mit Ausnahme des durch die Piratenüberfälle gefährdeten Küstenstreifens und der höchsten Bergregion, die vermutlich noch größtenteils bewaldet war. Die wichtigsten Zeugnisse der byzantinischen Kultur auf Naxos sind die zahlreichen, mit Wandmalereien ausgestatteten Kirchen, die sich überall auf der Insel verteilt finden, und von denen einige noch erstaunlich gut erhalten sind. In der ganzen südlichen Ägäis, ja in ganz Griechenland gibt es kaum irgendwo einen derartigen Schatz an teilweise seltenen oder einzigartigen Wandmalereien; das beweist uns, dass die Insel auch während dieser Epoche eine herausragende Stellung sowohl in kultureller als auch in politischer, kirchlicher und wirtschaftlicher Hinsicht innehatte.

Naxos wurde der Überlieferung gemäß im 3. Jhd. n. Chr. von Schülern des Heiligen Johannes zum Christentum bekehrt. Dieser soll in Ephesus an der kleinasiatischen Küste gewirkt haben und zeitweise auf die nicht weit von Naxos entfernt gelegene Insel Patmos verbannt worden sein. Bald organisierte sich das naxiotische Christentum unter einem Bischof, der 395 n. Chr. dem Metropoliten von Rhodos unterstellt wurde. Schon in diesen ersten frühchristlichen Jahrhunderten wurden einige Kirchengebäude auf der Insel errichtet, so die aus dem 4. Jahrhundert stammende Höhlenkirche Kalorítsa zwischen Damariónas und Sangrí sowie einige weitere Kirchen, die ins 6. und 7. Jahrhundert datiert werden. Aus dieser sehr frühen Zeit sind heute nur mehr wenige Wandmalereien erhalten, die aber teilweise sehr bedeutsam sind.

Die Zeit des Bilderstreits in der frühen mittelbyzantinischen Epoche (9. und 10. Jhd. n. Chr.) ist auf Naxos in vierzehn Kirchen mit seltenen nicht-figürlichen Wandmalereien repräsentiert. Damit besitzt die Insel die mit Abstand größte Ansammlung ikonoklastischer Wandmalereien im gesamten griechischen Raum; diese zeigen interessanter Weise Ähnlichkeiten mit zeitgleichen Wandmalereien in Kleinasien und der Levante.

Während dieser ersten byzantinischen Jahrhunderte hatte Naxos ganz besonders unter den häufigen Piratenüberfällen zu leiden; insbesondere sind hier die Einfälle der Araber von 653 n. Chr. bis 672 sowie 824 bis 961 zu nennen, aber auch Piraten anderer Nationalitäten suchten in diesen und den folgenden Jahrhunderten immer wieder die Inseln heim. Die küstennahen Gebiete der Insel, so auch die antike Hauptstadt Kallipolis an der Stelle der heutigen Chora, wurden aus diesem Grund verlassen, und die Bevölkerung zog sich in die Berge und in die fruchtbare Region der Tragaía zurück. Möglicherweise ist der deutliche östliche Einfluss in der Wandmalerei auf Kontakte zu den aus diesen Regionen stammenden Piraten zurückzuführen.

Mit der Befreiung Kretas von den arabischen Piraten im Jahr 960/1 n. Chr. begann für doe gesamte Region und damit auch für Naxos eine vergleichsweise ruhige und produktive Periode bis zur Eroberung der Insel durch die Venezianer im Jahr 1207 n. Chr. Auch in dieser Zeit blieb der östliche Einfluss bestehen. Die Anzahl der Kirchen mit Malereien aus dem 11. und 12. Jahrhundert ist nicht wesentlich größer als die der vorigen Periode.

Der venezianische Adelige Marco Sanudo, der Naxos einige Jahre nach dem Fall Konstantinopels eingenahm (1207 n. Chr.) und sich im Laufe der Zeit auch die meisten übrigen Kykladen sowie die Sporaden unterwarf, gründete das „Herzogtum der Ägäis“, für dessen Sitz er, sicher nicht ohne Grund, als wichtigste und reichste Insel Naxos wählte. Im ersten Jahrhundert nach der Eroberung wurde die orthodoxe Religion von den Griechen der Insel unverändert ausgeübt, und die byzantinische Kultur erlebte trotz der katholischen Herrschaft eine weitere Blüte: Die meisten naxiotischen byzantinischen Kirchen wurden im 13. und frühen 14. Jahrhundert errichtet und mit Wandmalereien verziert (spätbyzantinische Epoche), insbesondere in den abgelegeneren ländlichen Gebieten der Insel. Bemerkenswert ist, dass trotz der katholischen Oberherrschaft in der Wandmalerei kaum ein westlicher Einfluss nachzuweisen ist.

In den folgenden Jahrhunderten wurde der Druck der venezianischen Feudalherrscher auf die griechische Bevölkerung immer stärker, und diese wurde von den Adeligen bald gnadenlos unterdrückt und ausgebeutet. Nun wurden kaum mehr Kirchen auf der Insel errichtet, und auch die Wandmalereien wurden nicht erneuert. Erst nach der Unterwerfung der venezianischen Herrscher durch die Türken im Jahr 1537 konnten die Griechen wieder eine gewisse politische und wirtschaftliche Selbständigkeit erringen. Aus dem 17. Jahrhundert stammen die größten neueren nachbyzantinischen Dorfkirchen von Naxos, deren Errichtung mit einem wieder auflebenden Nationalbewusstsein einhergeht. Der bedeutendste Aspekt der spätbyzantinischen Phase für die Kirchenkunst auf Naxos besteht darin, dass die Starre, in die die Insel gefallen war, dazu führte, dass die früheren byzantinischen Wandmalereien in vielen Kirchen der Insel unverändert erhalten blieben; nur selten wurden sie von jüngeren Malereien überdeckt.

Eine besondere Bedeutung erlangte Naxos während der Byzantinischen Epoche dadurch, dass es am wichtigen Seeweg von Konstantinopel nach Kreta lag, auf dem viele Schiffe unterwegs waren. Die Bucht von Agiassós im Südwesten der Insel wurde als bedeutender Versorgungs- und Zufluchtshafen genutzt. Nahe dieses Hafens wurde auf dem Berg von Apalírou vermutlich schon im 7. Jhd. eine starke Festung errichtet, zu deren Füßen am steilen Hang eine große Siedlung lag; diese war damals die größte Stadt der Insel. Vor dem Berg breitet sich eine der größten Ebenen von Naxos aus, die damals sicher durchgängig bewirtschaftet war und so eine wichtige Rolle für die Versorgung der Bevölkerung sowie der byzantinischen Schiffe spielte. Dass diese Gegend schon im Altertum besiedelt war und landwirtschaftlich genutzt wurde, zeigt der kleine, aber bedeutende Demeter-Tempel, der im Übrigen schon im 3. oder 4. Jhd. nach Chr. in eine Kirche umgewandelt wurde. Im Norden der Insel errichteten die Byzantiner auf dem Kalógeros-Berg bei Apóllonas eine weitere, allerdings viel kleinere Festung. Diese schützte und überwachte den nahegelegenen antiken Hafen von Apóllonas, den ersten Anlaufpunkt der von Norden kommenden Schiffe; außerdem diente die Festung als Wachtposten zur Überwachung des Meeres.


Die bedeutsame byzantinische Festung von Apalírou konnte von den Venezianern erst nach langer Belagerung eingenommen werden.


Der steile Hang unterhalb der Burg ist übersät von Schutt.


Im Mittelalter lag hier die größte Stadt der Insel, von der jedoch nichts erhalten ist außer einer ganzen Schutthalde mit unglaublich vielen Tonscherben darin und hier und da ein paar Mäuerchen.


Das Kirchengebäude auf der Festung liegt größtenteils in Trümmern.

die byzantinische Kirche Ágios Geórgios Diasorítis
Ágios Geórgios Diasorítis ist eine der zahlreichen bedeutenden Kirchen der Tragaía, die mit eindrucksvollen Wandmalereien ausgeschmückt sind.


Die Kirche der Panagía Drosianí bei Moní ist eine der ältesten Kirchen von Naxos mit bedeutenden Wandmalereien in mehreren Schichten, von denen die frühesten aus dem 7. Jahrhundert stammen.


Aber auch einige Kirchen in abgelegenen, ländlichen Regionen der Insel sind mit aufwändigen Wandmalereien ausgestattet, so die kleine, eigentümliche Kirche des Ágios Panteleímonas in Lakkomérsina bei Apíranthos.


Die Wandmalereien dieser Kirche stammen aus dem 13. Jahrhundert. Man beachte die mit vielen sorgfältig ausgeführten Details geschmückten Gewänder.

siehe auch:

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