Auwälder

Naxos liegt in der mediterranen Klimazone mit milden, regenreichen Wintern und heißen, trockenen Sommern. Seine Vegetation besteht aus den für diese Klimazone typischen Zwergstrauchgesellschaften (Phryganas und Garrigues), Macchien und kleinen Wäldern aus Hartlaub-Bäumen. Alle Pflanzenarten sind (je auf ihre Weise) an die lange Sommertrockenheit angepasst.

Entlang der Wasserläufe steht den Pflanzen weit mehr Wasser zur Verfügung als anderswo. Dementsprechend wachsen entlang der Flüsse Pflanzengesellschaften, die von den für die Region typischen deutlich abweichen. Eine derartige Vegetation wird als azonal bezeichnet. Im Mittelmeergebiet ist der Unterschied zwischen der typischen zonalen Hartlaubvegetation und der azonalen Vegetation der Flussläufe besonders groß, und die entlang der Flüsse auftretenden Auwälder erinnern eher an die Wälder der gemäßigten Zone.

Die Vegetation der Torrente: Oleander-Gebüsche

Die meisten Flussläufe im Mittelmeergebiet führen nicht ganzjährig Wasser, sondern fließen nur kurzzeitig im Winter. Das liegt nicht nur an der generellen Trockenheit der Landschaft, sondern hängt auch mit dem Gesteinsuntergrund zusammen: In Kalklandschaften versickert das Regenwasser schnell, da kalkhaltiges Gestein vom Regenwasser aufgelöst wird, so dass sich Spalten und Klüfte bilden und das Wasser in unterirdischen Wasserläufen abfließt. Dementsprechend trifft man in den Gegenden von Naxos, in denen Marmor ansteht (vor allem im Süden und Osten), nur selten auf Quellen, und die Flüsse führen nur nach sehr starken Regenfällen für je ein paar Tage Wasser. Derartige Flüsse werden als Torrente bezeichnet.

In den Torrenten steht den Pflanzen, auch wenn die Flüsse je nur für wenige Tage fließen, doch unterirdisches Wasser über eine längere Zeit zur Verfügung. Entsprechend können hier die hygrisch etwas anspruchsvolleren Pflanzen, die eigentlich in den höheren Lagen vorkommen, bis in Meeresnähe hinabwandern, so der Kreta-Ahorn (Acer sempervirens).

Die charakteristischste Pflanze der Auwälder von Naxos ist die Morgenländische Platane (Platanus orientalis), die entlang aller Wasserläufe wächst sowie an allen Quellen steht. Sie verträgt allerdings kein längeres Trockenfallen und ist dementsprechend vor allem in den Bergen anzutreffen; in den Torrenten der niedrigsten Lagen ist sie seltener.

Die typischste Pflanzenart der Torrente ist der Oleander (Nerium oleander), der mit seinen dichten, im Juni intensiv rosa blühenden Büschen die Quellen und Flussläufe nachzeichnet. Der Oleander benötigt viel Wasser im Winter, kann aber weitgehendes Austrocknen im Sommer überstehen. Er besitzt immergrüne, ledrige, widerstandsfähige Blätter.

Auf Naxos findet man mit Oleander bestandene Torrente vor allem in den Marmorgebieten im Osten und Süden der Insel. In den niedrigeren Lagen kommt in den Torrenten hier und da auch der Mönchspfeffer (Vitex agnus-castus) vor; in direkter Meeresnähe tritt teilweise die Tamariske (Tamarix hampeana) dazu. Auf saurem Untergrund (Schiefer, Granit) ist der Oleander weniger häufig oder fehlt völlig.


Die Torrente in den Marmorgebieten von Naxos weisen an ihren steilen Rändern entsprechend der größeren Feuchtigkeit eine dichtere Vegetation auf als die Umgebung. Die Wasserläufe werden vom rosablühenden Oleander nachgezeichnet, der auf ein gutes unterirdisches Wasserangebot angewiesen ist. Er kommt vor allem in den niedrigen Lagen der Insel vor.

Platanen-Erlen-Auwälder

Im Nordwesten von Naxos besteht der Untergrund aus wasserundurchlässigem Granit bzw Schiefer. Hier versickert das Wasser nicht wie in den Marmorgebieten, sondern fließt oberirdisch ab. Zwischen Potamiá und Apóllonas gibt es sieben ganzjährig wasserführende Flussläufe, eine große Besonderheit für die Kykladen. Entlang dieser Flüsse wachsen Auwälder aus der Morgenländischen Platane und der in der Ägäis seltenen Schwarzerle (Alnus glutinosa) sowie an den zwei südlichsten der Flüsse sogar auch der Silberweide (Salix alba). Erle und Weide können im Gegensatz zur unempfindlicheren Platane nur gedeihen, wenn sie ständig praktisch im Wasser stehen. Eine weitere Baumart, die an den Flussläufen, aber auch an anderen feuchten Standorten der Berge von Nordnaxos vorkommt, ist die Manna-Esche (Fraxinus ornus).

Die Auwälder sind die vom Menschen am wenigsten beeinflussten Waldbestände von Naxos. Sie sind wegen der Feuchtigkeit und ihrer Lage in den Talsohlen kaum brandgefährdet, und ihre Baumarten werden und wurden kaum genutzt.


Im Nordwesten von Naxos gibt es besonders viele Quellen. Die in der Nähe von Dörfern oder landwirtschaftlich genutzten Gebieten gelegenen Quellen sind oft eingefasst. Ihr Wasser wird über ein offenes Wasserleitungssystem den Feldern zugeleitet.


Platanen brauchen im Vergleich zum Oleander ein etwas besseres Wasserangebot und fehlen darum meist in den niedrigsten Lagen. Ansonsten begleiten sie alle Wasserläufe und stehen an allen Quellen. Hoch oben an den Bergen sind schon Platanen in kleinen feuchten Taleinschnitten zu finden, in denen die Flüsse entspringen.


Weiter unten beginnen dichte Auwälder aus Platanen und Schwarzerlen um den ganzjährig wasserführenden Bach.


Der Fluss auf dem Weg zu Tal… hier am Wasserfall bei Keramotí.


Der Kontrast zwischen der zonalen Vegetation auf den Berghängen (hier eine karge Macchie aus Hartlaubbäumen bzw eine niedrige Phrygana auf dem Hang im Hintergrund) und der azonalen Vegetation des Auwalds mit seinen dichten Bäumen und dem frischen Grün ist im Mittelmeergebiet besonders groß.


Alle sieben ganzjährig wasserführenden Flüsse von Naxos befinden sich im Schiefer- und Granitgebiet im Nordwesten der Insel.


Der größte dieser Flüsse ist wohl der nördlich von Kinídaros.


Über ihn führt diese alte Brücke.


Der Fluss von Skepóni speist einen großen Stausee, dessen Wasser die Stadt Naxos und die Landwirtschaft der umgebenden Region versorgt.

Die Flüsse sind interessante und einzigartige Ökosysteme, die nicht nur zahlreiche Pflanzenarten beherbergen, sondern auch viele seltene Tiere wie Schildkröten, Flusskrabben und Libellen. Kein Besucher der Insel sollte einen Ausflug zu einem der Flussläufe versäumen.


Hier bei Skeponi hausen vielleicht immer noch die Naiaden…

der Fluss bei Kinidaros


Die Flüsse sind ein toller Spielplatz und immer einen Ausflug wert.


An den Flüssen leben eine ganze Reihe von Tierarten, die an das fließende Wasser gebunden sind, so zum Beispiel zahlreiche Libellenarten.


Hier ist auch die Kaspische Wasserschildkröte anzutreffen.


Gelegentlich kann man sogar eine Süßwasserkrabbe entdecken.

Die Baumarten, die an den Flüssen von Naxos vorkommen, unterscheiden sich deutlich von den für die mediterrane Klimazone typischen Hartlaubbäumen. Zwei der Arten, die Schwarzerle und die Silberweide, sind nördliche Florenelemente, das heißt, es handelt sich um Arten, die ihr Hauptverbreitungsgebiet im gemäßigten Eurasien besitzen, und die nur an ganzjährig wasserführenden Flüssen ins Mittelmeergebiet vordringen. Die anderen zwei Arten, die Morgenländische Platane und die Blumen-Esche, kommen im Mittelmeergebiet bzw den östlich anschließenden Gebieten, sind aber auf Flussläufe und andere feuchte Standorte beschränkt. Im Gegensatz zu den Hartlaubgewächsen mit ihren immergrünen, harten, widerstandsfähigen, an große Trockenheit angepassten, dunkelgrün gefärbten Blättern tragen alle erwähnten Arten der Auwälder „normale“ Laubblätter und sind dementsprechend laubabwerfend.


Die Baumarten der Auwälder sind im Gegensatz zur typischen Hartlaubvegetation der Mittelmeer-Klimazone laubabwerfend. So färben sich im Herbst die Flussläufe goldgelb.


Die häufigsten Baumarten der naxiotischen Auwälder sind die Morgenländische Platane und die Schwarzerle.


Nur an zwei der Flüsse kommt auch die Silberweide vor.


Die Blumen-Esche tritt auf Naxos nur an feuchten Standorten wie in Auwäldern und in den Wäldern der nördlichen Bergregion auf.


Am Flusslauf bei Apóllonas gedeiht unter den Platanen und Erlen der schöne Riesen-Schachtelhalm (Equisetum telmateia).


Eine weitere Art, die gern entlang der Flüsse wächst, ist die Myrte (Myrtus communis).


Ein besonders artenreicher, urtümlicher Auwald wächst weit oben an einem feuchten Hang auf Granit an der Westseite des Kóronos-Berges oberhalb der verlassenen Siedlung Skepóni.


Die unterschiedlichen Färbungen des Laubes lassen die Artenvielfalt erahnen: Morgenländische Platane, Schwarzerle, Blumen-Esche, Kreta-Ahorn, Weißdorn, Terebinthe; am trockeneren Hang rundherum wächst eine bemerkenswerte Macchie aus Erdbeerbaum und Baumheide.


Alte Platanen und Erlen im selben Waldstück.

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