Die byzantinische Festung auf dem Kalogeros

Bei Apóllonas an der Nordspitze von Naxos liegen auf dem 350 Meter hohen Berg Kalógeros die Überreste einer kleinen byzantinischen Festung.


Blick vom Hafen von Apollonas aus auf den Kalogeros; die Festung liegt ganz an der rechten Spitze.

Das Tal von Apóllonas Richtung Komiakí, das der Kalógeros überragt, ist tief V-förmig eingeschnitten. Die Hänge haben hier größtenteils eine Neigung von etwa 45%, was man beim Wandern schon als gefährlich empfindet (durchschnittlich steigt die Insel nur mit etwa 3% Neigung an: 1 km Höhenanstieg auf etwa 15 bis 20 km Entfernung). Die Hänge des Tals bestehen aus Schiefer, der relativ leicht erodiert, wodurch die gleichmäßige V-Form entsteht.


Das Tal von Apollonas ist tief V-förmig eingeschnitten.

Auf dem Gipfel des Kalógeros steht dagegen Marmor an (die gleichen Schichten wie auch auf der anderen Talseite auf dem Hügel nahe beim Dorf, wo der antike Marmorsteinbruch mit dem Kouros liegt). Der Marmor ist resistenter gegen Erosion als der Schiefer, so dass steile, fast senkrechte Klippen entstanden sind, die die höchste Spitze des Berges schützen – der ideale Ort für die Anlage einer Festung!

Hier findet man die Lage der Festung bei Google Earth.


Die südliche Spitze des Kalogeros ragt steil auf.


Auf dieser Klippe liegen die Überreste der Festung.

Am einfachsten kann man den Kalógeros über den alten Pfad besteigen, der vom Strand von Apóllonas aus Richtung Nordosten den Hang hinaufklettert und dann relativ bequem den sanft ansteigenden Rücken des Kalógeros entlangführt (eine Richtung gut 2 km). Wesentlich kürzer, allerdings auch viel steiler, ist der Anstieg von der Straßenkehre hinter Mési aus. Diesen Weg wählen wir für unsere Wanderung. Ich habe den Verdacht, dass wir nicht den besten Aufstieg gefunden haben – unsere Wanderung verwandelt sich schnell in eine Klettertour! Wer nicht schwindelfrei ist, wem herunterfallende Steine und Stachelgestrüpp was ausmachen, muss wieder umkehren. Nachdem wir die erste Bergnase überwunden haben, stellen wir fest, dass es etwas weiter nördlich wohl einfacher gewesen wäre; dort ist der Hang nicht ganz so steil.


Der Aufstieg zum Gipfel erweist sich als ziemliche Klettertour.


Blick hinab ins Tal mit dem von Platanen und Erlen bestandenen Flusslauf


Blick nach Apollonas

Die ehemalige Festung liegt am südlichen Ende des Bergrückens, dort, wo er am steilsten abfällt. Es ist nur recht wenig erhalten, hauptsächlich eine dicke, aus unbehauenen Marmorsteinen aufgeschichtete Mauer, die den Festungsbereich abgrenzt. Sie besitzt einen niedrigen, kleinen Eingang. Dahinter gibt es eine zweite, quer verlaufende Gebäudemauer. Abgesehen davon sind kaum Gebäudereste zu erkennen. Ich habe wenig über die ehemalige Burg in Erfahrung bringen können. Es soll eine kleine Kapelle auf dem Festungsgelände gegeben haben und einen Wasserspeicher aus einer sehr harten Art Zement, der mit vulkanischem Material von Santorin angefertigt war; ich kann aber nichts derartiges entdecken. Jedenfalls ist die ganze Anlage nur sehr klein gewesen.


die Wehrmauer der Festung mit dem kleinen Eingang


Vor der eigentlichen Festung kann man ein paar kleine Gebäudereste ausmachen.


Der niedrige Eingang ist sorgfältig gemauert (Blick von innen nach außen).


Die Mauern der Festung sind sehr dick.

Die Spitze des Kalógeros besteht aus großen Marmorfelsblöcken, an denen teilweise möglicherweise antike Bearbeitungsspuren zu erkennen sind, die denen am Kouros von Apóllonas ähneln. Man kann wohl davon ausgehen, dass dieser Platz seit der Antike genutzt worden ist. Auf der weniger steilen Westseite können wir ein Stück weiter unterhalb ein Teil der alten Umfassungsmauer ausmachen.


Die Wehrmauer der Festung grenzt die südlichste Spitze des Berges ab. Auf dem kleinen Gipfelplateau mit großen Marmor-Felsblöcken wachsen einige Wacholderbüsche und Mastixsträucher.


Ein Stück unterhalb ist am Westhang die alte Umfassungsmauer zu erkennen.


An diesem Felsblock kann man Bearbeitungsspuren erkennen, die denen am Kouros von Apollonas ähneln.


antike Bearbeitungsspuren am Kouros

Naxos hatte während der byzantinischen Periode zwar keine besondere politische Bedeutung, wurde aber von den von Konstantinopel nach Kreta fahrenden Schiffen als Versorgungshafen und Zufluchtsort benutzt. Die byzantinische Flotte fuhr von Konstantinopel kommend die nordostägäische Küste entlang, dann über Chios und Fourni (kleine Insel zwischen Ikaria und Samos), wonach eine relativ lange „Wasserstrecke“ bis Naxos zu überwinden war. Das Tal von Apóllonas als nördlichster Punkt von Naxos mit seinem ganzjährig wasserführenden Fluss und den fruchtbaren Gärten war sicher ein wichtiger Anlaufspunkt für die Schiffe.

Zwischen den vielen Inseln der Kykladen konnten sich leicht Piraten versteckt halten, so dass die Byzantiner an geeigneten Stellen Wachtposten einrichteten, von denen aus sie bequem größere Meeresstrecken überblicken konnten. Die Wachtposten konnten die benachbarten Posten und Burgen mit Rauch- oder Feuersignalen alarmieren. Auch unter diesem Aspekt war Apóllonas als nördlichster Punkt der Kykladen sicher von entscheidender Bedeutung. Weiter südlich schloss sich ein Wachtposten auf Ios an; die große byzantinische Burg von Apalírou landeinwärts vom geschützten Hafen von Agiassós im Süden von Naxos hatte dagegen schlechteren Ausblick. Es ist anzunehmen, dass es auf den Bergen einen Posten mit Sichtverbindung sowohl nach Apalírou als auch nach Apóllonas gab. Auf dem Mávro Boúni bei Kóronos liegt in der Nähe des höchsten Gipfels eine Art Mini-Kastro, das diese Rolle gespielt haben könnte (siehe: Eine Wanderung auf den Koronos-Berg).


Blick nach Süden das Tal nach Komiaki hinan; rechts im Hintergrund liegt der Mavro Bouni, auf dem ein Signalposten gelegen haben könnte.


Diese kleine Anlage nahe der Spitze des Mavro Vouni könnte in der byzantinischen Zeit als leicht befestigter Wachtposten mit Sichtverbindung sowohl zur Festung bei Apollonas als auch zum großen Kastro in Apalirou gedient haben.

Oben auf dem Festungsgelände wachsen vor allem Dornginster, Mastixstrauch und hier und da ein Phönizischer Wacholder. Es ist Ende August; die Meerzwiebeln treiben ihre hübschen, hohen Blütentriebe.


Blütentrieb der Meerzwiebel (Urginea maritima)


Die ersten Meerzwiebeln sind schon aufgeblüht.


Auf den exponierten Marmorfelsen wachsen diese leuchtend orangenen Flechten der Gattung Caloplaca.

Wir steigen Richtung Norden wieder vom Berg herunter. Kurz hinter der Außenmauer der Festung kommen wir an der äußeren Umfassungsmauer vorbei, die durch vorspringende Bastionen verstärkt ist.


die äußere Umfassungsmauer mit ihren Bastionen


Auch diese Mauer ist sehr dick gebaut.


Blick von unten auf die Festung mit der äußeren Umfassungsmauer.

Ein halb zugewachsener Pfad führt den Rücken des Berges entlang, der hier eine kleine sanfte Hochfläche bildet, die vor allem von Phlomis fruticosa und Dornginster bestanden ist. Es sind alte Terrassen mit niedrigen Terrassenmäuerchen zu erkennen. Zu Beginn des letzten Jahrhunderts wurde hier noch Getreide angebaut. Heute weiden nur noch Ziegen auf der öden Hochfläche.


Nördlich der Festung schließt sich eine kleine Hochebene an, die ehemals mit Getreide bebaut wurde.


Heute weiden Ziegen auf den überwucherten Terrassen.

Wir können uns nicht länger aufhalten – es wird schon bald dämmrig. Also steigen wir quer durch Gestrüpp und über Steine und Felsen den Hang hinab und sind in einer Viertelstunde im Dorf Apóllonas.

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