Wassermühlen

Das Getreide im traditionellen Dorfleben auf Naxos

Noch bis in die 50er, 60er Jahre des letzten Jahrhunderts baute der größte Teil der Bevölkerung von Naxos sein eigenes Getreide an. Die Ernte musste für das ganze Jahr reichen, da nur wenig Familien genug Geld hatten, um Mehl dazu zu kaufen. Das Getreide wurde in großen Tonkrügen aufbewahrt. Jeden Samstag backten die Hausfrauen Brot für die ganze Woche. Das Getreide dafür brachte man ein oder zwei Tage vorher zu einer der Mühlen des Dorfes und ließ es dort mahlen; ein Zehntel des Mehls bekam der Müller als Lohn.

Auf Naxos gab es sowohl Wind- als auch Wassermühlen. Letztere konnten nur an den ganzjährig wasserführenden Flussläufen betrieben werden; so gab es bei den Dörfern Kinídaros und Komiakí je eine ganze Reihe von Wassermühlen, einige weitere lagen bei Potamiá, Míli („Mühlen“), Mélanes, Engarés und Kóronos. Die Bevölkerung zog die Wassermühlen den Windmühlen vor, weil sie beim Mahlen eine gleichmäßige Geschwindigkeit beibehielten, während bei den Windmühlen das Getreide bei zu starkem Wind zu sehr erhitzt wurde und manchmal „verbrannte“.

Ebenso wie die Ölmühlen gehörten auch die Getreidemühlen auf Naxos nicht einer einzelnen Person, sondern je einer ganzen Reihe von Teilhabern, die sich mit dem Betrieb abwechselten. Mehr zum Thema kann man in meinem Buch „Zwei Türen hat das Leben“ nachlesen, da mein naxiotischer Schwiegervater, dessen Erinnerungen dort niedergeschrieben sind, in seinem ereignisreichen Leben zeitweise auch als Müller tätig war.

Die Wassermühle bei Komiaki

Auf Naxos sind mehrere Wassermühlen restauriert worden, so wie die hier beschriebene Mühle in der Nähe von Komiakí; von innen kann man diese Mühle allerdings nur besichtigen, wenn man im Dorf den Schlüssel bekommt.

Hier findet man die Lage der Wassermühle bei Google Earth.

Entlang der Flüsse von Naxos trifft man heute noch an vielen Stellen auf Ruinen von Wassermühlen. Eine Wassermühle bestand aus dem eigentlichen Mühlengebäude und einem hohen Bauwerk darüber, über das das Wasser von der einige Meter höher gelegenen Zisterne zur Mühle geleitet wurde. Im Hauptraum des Mühlengebäudes befanden sich die Mahlsteine usw.; das vom Wasser angetriebene Flügelrad lag in einem niedrigen „Keller“ darunter. Das Wasser floss über einen offenen Kanal aus der nahebei gelegenen Zisterne zum „Mühlenturm“, in dem es mehrere Meter nach unten fiel; dann schoss es unter hohem Druck in den Keller des Mühlengebäudes hinein, wo es das Flügelrad antrieb. Bei vielen Wassermühlen steht das Gebäude zwar noch, aber der hölzerne Mechanismus ist meist verfallen.


Am Flusslauf von Komiakí nach Apóllonas lagen etwa 15 Wassermühlen; in der Bildmitte ist die restaurierte Mühle zu sehen, die wir besichtigt haben und von der die Fotos stammen.


Oberhalb der Mühle lag eine große Zisterne, die aus dem Fluss gefüllt wurde; wenn sie voll war, konnte der Müller die Mühle betreiben. Über den hinten sichtbaren Kanal wurde das Wasser auf den „Mühlenturm“ geleitet, in dem es in das weiter unten gelegene eigentliche Mühlengebäude hinabfiel.


Blick über den Mühlenkanal auf das Flusstal, im Hintergrund Komiakí


Im Mühlenkanal saß ein aus Rohr gefertigtes „Sieb“, das Blätter usw zurückhalten sollte.


Dort, wo die Zisterne in den Kanal auf dem Mühlengebäude mündete, musste das Wasser durch dieses in eine dicke Steinplatte gearbeitete Loch fließen. Das Loch konnte durch einen großen Holzstöpsel verschlossen werden, damit die Zisterne sich füllte; der Stöpsel wurde herausgenommen, wenn der Müller die Mühle in Betrieb nahm.


Über den Kanal wurde das Wasser aus der Zisterne zum vorderen Ende des „Mühlenturmes“ geleitet; dann fiel es im „Turm“ viele Meter tief bis auf die Höhe des unteren Stockwerks des Mühlengebäudes, wo es durch ein kleines Loch in dieses hinein schoss und dort das hölzerne Flügelrad antrieb. Wer bis zur vorderen Kante des schmalen, hohen Bauwerks laufen will, sollte besser schwindelfrei sein!


Blick von der vorderen Kante des „Mühlenturmes“ auf das Dach der viele Meter niedriger gelegenen eigentlichen Mühle


Von der Zisterne und dem Mühlenkanal gehen wir über diesen Pfad zum eigentlichen Mühlengebäude hinab.


Blick vom Eingang des Mühlengebäudes hinauf zum „Mühlenturm“


Blick in den oberen Raum der Mühle


Das Mühlengebäude wird durch mehrere mit Steinplatten überdeckte Rundbögen gestützt.


Hier sieht man beim Blick nach oben die Steinplatten, die in typisch naxiotischer Bauweise den Zwischenraum zwischen den Bögen abdecken.


Im oberen Stockwerk befinden sich die Mahlsteine: der untere unbewegliche Stein und der obere bewegliche, der mit einer Metallspange an der Achse befestigt ist (mit Metallring oben und unten). Um die Steine läuft ein Metall- oder Holzschutz, der das zwischen den Steinen herausfliegende Mehl auffing (hier angehoben).


Das Getreide sammelte sich in dieser sorgfältig verputzen Vertiefung an; dann füllte der Müller es in Säcke.


Die Mühlsteine wurden von der Insel Milos importiert; sie bestanden aus einem porösen, vulkanischen Gestein, das sich besonders wenig abnutzte. Die Mühlsteine wurden aus vielen Tortenstück-ähnlichen Stücken zusammengesetzt und mit Metallringen festgehalten. Sie mussten regelmäßig aufgeraut werden


Oberhalb des oberen Mahlsteins befand sich ein großer Holztricher, in den der Müller die Getreidesäcke ausleerte. Unter ihm saß ein kleinerer Trichter mit einer Klappe, die sich stets ein wenig öffnete, wenn ein daran befestigtes Hölzchen in eine Rille des Holzaufsatz auf dem oberen Mahlstein geriet; so rutschte das Getreide gleichmäßig nach. Durch ein Loch in der Mitte des oberen Steins gelangte das Getreide zwischen die Steine.


Hier sieht man rechts von den Mahlsteinen den großen Holzstöpsel, mit dem die Zisterne zur Mühle hin verschlossen wurde, damit sie sich füllen konnte (siehe das weiter oben abgebildete Loch).


Mittels dieses Hebels konnte durch eine im unteren Stockwerk gelegene Vorrichtung die Achse und somit der obere Mahlstein angehoben oder gesenkt werden, je nachdem wie fein das Mehl werden sollte.


Vor der Mühle liegen noch die Reste des alten Getreidetrichters und des Holzrings, der die Steine umgab.


Blick in das untere Stockwerk mit dem Flügelrad und der Vorrichtung zum Abheben des Mühlsteins im Vordergrund


Durch das kleine Loch hinten links in der Ecke kam das Wasser aus dem „Mühlenturm“ unter hohem Druck herausgeschossen und trieb dadurch das an der Achse befestigte Flügelrad an.


Die Hölzer des Flügelrades besaßen Einbuchtungen, auf die der Wasserstrahl traf, wodurch das Rad angetrieben wurde.


Blick von unten auf die hinter der Platane versteckt liegende Mühle; rechts im Bild der Flusslauf

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