Die Kykladenkultur

Im dritten Jahrtausend vor Christus entwickelte sich auf den Kykladen eine besonders bemerkenswerte Kultur, die sogenannte Kykladenkultur, die auf Naxos ein wichtiges Zentrum besaß. Es handelte sich um eine der frühesten Kulturen auf europäischem Boden, die den Schritt in die Bronzezeit vollzog: Die Kykladenkultur wird als Frühe Bronzezeit definiert; ihr folgte im Bereich der Kykladen die minoische (Mittlere Bronzezeit) und schließlich die mykenische Epoche (Späte Bronzezeit).


Aus der Zeit der Kykladenkultur (3. Jahrtausend v. Chr.) stammen besonders viele ungewöhnliche und einzigartige Steingefäße wie dieses doppelte Töpfchen mit Deckel.

Man kann die Kykladenkultur in drei Phasen unterteilen: eine erste von 3.200 bis 2.700 v. Chr. (Grotta-Pelos-Kultur), eine mittlere von 2.700 bis 2.300 v. Chr. (Keros-Syros-Kultur) und eine letzte von 2.300 bis 2.000 v. Chr. (Kastri- bzw. Phylakopi I-Kultur); die einzelnen Phasen sind am Stil der Töpferwaren und der Steinskulpturen zu unterscheiden.

Bei den Fundstellen der Kykladenkultur auf Naxos handelt es sich überwiegend um Friedhöfe; Siedlungsreste wurden seltener gefunden. Die meisten der Friedhöfe sind von Raubgräbern ausgenommen worden; dementsprechend sind zwar zahlreiche Einzelobjekte der Kykladenkultur bekannt, bei den meisten davon fehlen uns jedoch der genaue Fundort und der Fundzusammenhang. Leider ist unser Wissen über die Kykladenkultur dadurch ziemlich lückenhaft.

Die Menschen der Kykladenkultur haben uns bemerkenswerte, auch technisch eindrucksvolle Zeugnisse ihrer Kunst hinterlassen. Die Tonwaren und die Steingefäße und -idole berühren den Betrachter mit ihrer klaren, harmonischen Gestaltung; die Vielfalt der Formen bezeugt den Erfindungsreichtum und die Phantasie der Hersteller.


Kleines Tongefäß mit Schweinekopf

Die Entstehung der Kykladenkultur

Die frühbronzezeitliche Kykladenkultur entwickelte sich aus der lokalen steinzeitlichen Kultur, in der die meisten ihrer charakteristischen Merkmale schon angedeutet sind (so die Herstellung von Steinidolen). Der Übergang war kontinuierlich: Es handelt sich um eine allmähliche Fortentwicklung, die wohl durch Kontakte mit benachbarten Völkern, die schon auf einer höheren Kulturstufe standen, angeregt wurde. Es gibt keine Hinweise darauf, dass der Schritt zur Bronzezeit mit der Einwanderung einer anderen Bevölkerung einherging.

Es ist eine Definitionsfrage, wann der Übergang von der Steinzeit in die Bronzezeit anzusetzen ist. So wurden die wichtigen kulturellen Schritte des Beginns einer Landwirtschaft und der Metallverarbeitung schon in der Jungsteinzeit vollzogen; auf der anderen Seite benutzten die Menschen auch in der Bronzezeit noch die für die Steinzeit so kennzeichnenden Obsidianwerkzeuge. Der Beginn der Bronzezeit wird im Allgemeinen dann angesetzt, wenn eine Produktion von Bronze nachzuweisen ist, also einer künstlichen Legierung im Gegensatz zum gediegenen Kupfer, das vereinzelt auch in der spätesten Phase der Steinzeit schon verwendet wurde (die letzte Phase der Jungsteinzeit wird entsprechen als Kupferzeit bezeichnet; auf den Kykladen ist hier aber kaum eine klare Unterscheidung zu treffen: auch in der Jungsteinzeit tritt schon Bronze auf). Die Kenntnis der Bronzeherstellung verbreitete sich vom Nahen Osten aus über die Handelskontakte allmählich von Volk zu Volk. In Palästina und Mesopotamien beginnt die Bronzezeit um 3.300, in Ägypten um 2.700 v. Chr. In der Ägäis wird der Beginn der Bronzezeit um etwa 3.200 v. Chr. angesetzt, deutlich früher als im übrigen Europa (in Mitteleuropa erst um 2.200 v. Chr.). Nach neueren Erkenntnissen wurde die Herstellung von Bronze möglicherweise im östlichen Balkanraum (Rumänien, Bulgarien, Schwarzmeergebiet) noch früher als im Vorderen Orient entdeckt, nämlich schon im 4. Jahrtausend v. Chr. Hier siedelten die mit den frühen Kykladenbewohnern verwandten Thraker; Kontakte zwischen den Kykladen und dieser Region sind schon für die Steinzeit nachgewiesen.

mehr über das frühbronzezeitliche ägäische Volk und seine Sprache

Siedlungen

Während der Steinzeit war die menschliche Besiedlung auf Naxos vermutlich noch spärlich. In der Frühen Bronzezeit sind dagegen große Gebiete der Insel bewohnt: Es gibt zahlreiche Fundstellen insbesondere an der Südküste der Insel von Moutsoúna über Pánormos und den Südwesten (z.B. bei Agiassós, Kastráki, Mikrí Vígla und Ágia Ánna) bis zur Chóra; aber auch im Norden und im Innern der Insel sind frühbronzezeitliche Überreste gefunden worden (z.B. bei Mélanes, Sangrí, Engarés, Liónas, Apóllonas). Dicht besiedelt waren auch die sich südlich und östlich anschließenden Kleinen Kykladen wie Koufonísi und Kéros.

In der ersten Phase der Frühen Bronzezeit lebten die Menschen auf den Kykladen in einzelnen Häusern oder in winzigen Siedlungen. Die kleinen Häuser waren aus unbehauenen Steinen mit Erdmörtel errichtet; das Dach bestand vermutlich aus Holz und Erde. Während der zweiten Phase der Kykladenkultur wurden die Siedlungen zahlreicher und größer, die Bevölkerung wuchs. Auch in den benachbarten Regionen, in Kleinasien, Kreta und auf dem griechischen Festland, entstanden nun hier und da Ansiedlungen von kykladischer Art, bei denen es sich vermutlich um Handelssiedlungen der Kykladenbewohner handelte. Während der letzten Phase der Kykladenkultur wurden viele Niederlassungen aufgegeben. Die meisten Siedlungen waren nun befestigt; manche waren so angelegt, dass sie vom Meer aus nicht direkt sichtbar waren, vermutlich wegen einer zunehmenden Bedrohung durch Piraten.

Panormos
die kleine Akropolis am Korphári ton Amygdalión

mehr zu den Siedlungen der Kykladenkultur

Landwirtschaft und Ernährung

In der frühen Bronzezeit ernährten sich die Menschen auf den Kykladen etwa ebenso wie in der Steinzeit. Sie betrieben eine einfache Landwirtschaft und bauten Gerste, Weizen, Linsen, Erbsen und anderes an. Man hat außer einer Bronzesichel keine landwirtschaftlichen Geräte gefunden; vermutlich wurden nur hölzerne Grabstöcke benutzt. Die Menschen sammelten Nüsse und Mandeln und sicher auch Wildgemüse und -obst. Getreide und andere Vorräte wurden in großen Tontöpfen aufbewahrt. Steinmörser weisen auf die Herstellung von Mehl her. Wie auch in der Steinzeit hielten die Siedler Ziegen und Schafe, seltener auch Schweine und Rinder, und jagten Hirsche und Rehe. Außerdem waren Meeresfrüchte wie Fisch, Schnecken, Muscheln und Seeigel sehr beliebt. Aus der Frühen Bronzezeit stammen die ersten Hinweise auf eine Nutzung des Ölbaums und des Weinstocks auf den Kykladen (Öllämpchen sowie Gefäße, die man für Weinkrüge hält).

Das Handwerk

Während der Frühen Bronzezeit wurde wie auch in der Steinzeit noch sehr viel Obsidian verwendet, aus dem man zahlreiche Werkzeuge verfertigte; insbesondere die langen schmalen Klingen mit parallelen Kanten sind charakteristisch für diese Zeit. Einen deutlichen Aufschwung nahmen Handwerkszweige wie die Töpferei, die Herstellung von Steingefäßen und die Metallverarbeitung.


lange Obsidianklingen und ein Kern, von dem die Klingen abgespalten wurden, im Archäologischen Museum in der Chora

Unser Wissen über die Handwerke der Frühen Bronzezeit ist unterschiedlich vollständig. Von der Weberei und dem Spinnen (es wurden Wolle und Flachs verwendet) sowie der Lederverarbeitung sind uns nur die dabei benutzten Werkzeuge wie Nadeln, Ahlen und Webgewichte erhalten. Auch über die Schreinerei wissen wir nicht viel; Möbel scheinen die Kykladenmenschen noch kaum hergestellt zu haben. Sie bauten jedoch schon sehr seetüchtige Schiffe, mit denen sie nicht nur das ganze Mittelmeer erkundeten, sondern sich vermutlich sogar auf den Atlantik hinaus wagten. Aus den späteren Phasen der Kykladenkultur sind zahlreiche Schreiner-Werkzeuge wie Äxte, Meißel und Sägen bekannt.

Die Töpferei nahm in der Frühen Bronzezeit einen bedeutenden Aufschwung. Zahllose in Gräbern oder Siedlungen gefundene Tongefäße und Scherben vermitteln uns ein Bild von der täglichen Lebensweise und vom Kunstsinn der Menschen. Im Laufe der Zeit wird die Qualität der Tonwaren besser, ihre Gestaltung und Verzierung wird aufwändiger und es tauchen neue, oft phantasievolle und raffinierte Formen auf. In der letzten Phase kommen eine ganze Reihe neuer Gefäßtypen auf die Kykladen, insbesondere aus dem trojanischen Raum, wohin offensichtlich besonders enge Beziehungen bestanden.


Bruchstück einer „Kykladenpfanne“ im Museum von Apiranthos

Besonders charakteristisch für die Kykladenkultur sind die Steingefäße, meist aus Marmor, seltener aus anderem Stein. Diese sind vielfach in Form und Verzierung den Tonwaren sehr ähnlich. Die Kykladenmenschen stellten nicht nur Schalen aus Stein her, sondern fertigten unter großem Arbeitsaufwand auch zylinderförmige Gefäße mit Deckel (Pyxiden), dünnwandige Becher, Kelche und Vasen. Für das Ausschleifen der innen hohlen Steingefäße wurde ebenso wie zum Bohren der Löcher in den Griffen Schmirgel benutzt, vermutlich auch als grobes Pulver, das mithilfe eines Holzstückes zum Schleifen verwendet wurde. Viele Steingefäße sind aufwändig mit Einritzungen verziert, die denen der Töpferwaren ähneln.


Steinvasen im Museum in der Chora

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Das Metallhandwerk

Die Kykladenkultur war eine der ersten europäischen Kulturen, in denen die Metallverarbeitung eine größere Bedeutung erlangte. Obwohl schon während der Steinzeit einzelne Metallobjekte in der Ägäis auftauchen (so Kupferstücke und Guss-Tiegel in der neolithischen Siedlung von Kephala, aber auch einzelne Bronzewerkzeuge z.B. in der Zeus-Höhle), spielt das Metall doch erst ab der Bronzezeit eine größere Rolle im Leben der Menschen.

In der ersten Phase der Kykladenkultur sind Metallgegenstände noch selten und bestehen überwiegend aus Kupfer, Silber und Blei. Aus Silber fertigten die Kykladenmenschen Schmuck an. Blei wurde zum Flicken von zerbrochenen Ton- oder Marmorgegenständen verwendet: Die Teilstücke wurden mit Bleidraht oder -nieten zusammengefasst. In der mittleren Phase der Bronzezeit treten dann wesentlich mehr Metallwaren auf und Bronze (eine Legierung aus Kupfer mit Zinn oder Arsen) wird das gebräuchlichste Material, vor allem für die Herstellung von Werkzeugen.

Die ersten Gebrauchsgegenstände aus Metall sind einfache Werkzeuge wie Ahlen und Nadeln, Äxte, Meißel und Keile. Waffen traten erst in der späten Phase der Kykladenkultur auf. Außer Messern (die natürlich auch für den häuslichen Gebrauch bestimmt gewesen sein können) hat man vor allem Speerspitzen gefunden; Schwerter kennt man erst vom Ende der Kykladenkultur. Auffällig ist das Fehlen von Ackerbaugeräten, wobei man natürlich bei der Auswertung der Fundstücke stets bedenken muss, dass wir nur die Metallgegenstände kennen, die erhalten geblieben sind. Es wäre möglich, dass keine Ackerbaugeräte gefunden wurden, weil ihr Metall stets wieder eingeschmolzen und weiter verwendet wurde, während kleinere Gegenstände wie Ahlen auch mal verloren gingen oder als Beigaben in die Gräber gegeben wurden.


Metallwerkzeuge der Kykladenkultur im Museum in der Chora


kleines Metallgefäß im Museum von Apiranthos

Die Entwicklung der Metallwerkzeuge gab auch vielen anderen Handwerkszweigen einen entscheidenden Anstoß. Besonders bedeutend war die Erfindung der Säge, die erst mit der Entwicklung guter Bronze-Legierungen möglich wurde, da aus reinem Kupfer keine ausreichend festen Metallblätter hergestellt werden können. Erst nach der Erfindung der Säge konnten Schiffe gefertigt werden, die aus dünnen Holzplanken bestanden, und entsprechend leichter und für Fernfahrten und Handel geeignet waren.

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Beziehungen zu benachbarten Kulturen

Die Menschen der Ägäis trieben schon seit der Steinzeit Handel mit ihren Nachbarn, vor allem mit Rohstoffen wie dem Obsidian von Milos oder dem naxiotischen Schmirgel. Die Metallverarbeitung führte zu einem weiteren Aufschwung des Handels, da die begrenzten lokalen Metallvorkommen bald erschöpft waren. Die Kykladenbewohner haben bei diesen Kontakten vor allem Impulse empfangen: So stammen die Kenntnis des Anbaus von Getreide, Wein und Ölbaum sowie der Techniken der Metallverarbeitung aus dem Levanteraum; auch Idole, die denen der Kykladen ähneln, gab es in der Levante. Mit der Nordägäis und dem anschließenden Balkanraum zeigen sich ebenfalls deutliche Ähnlichkeiten, so stammen beispielsweise viele Gefäßformen, die sich in der letzten Phase der Frühen Bronzezeit auf den Kykladen einbürgerten, aus der Gegend von Troja.

Auf das griechische Festland, nach Kreta, aber auch in den westlichen Mittelmeerraum gaben die Kykladenmenschen über den Handel oder kleine Handelsniederlassungen, die sie dort gründeten, ihrerseits ihre Kenntnisse an die lokalen Kulturen weiter und leisteten so einen bedeutenden Beitrag zu deren Weiterentwicklung.


Darstellung eines Schiffes auf einer Steinzeichnung

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Friedhöfe und Bestattungen

Die meisten unserer Informationen über die Frühe Bronzezeit stammen aus der Untersuchung von Friedhöfen, insbesondere der Grabbeigaben. Es sind wesentlich mehr Friedhöfe als Siedlungen bekannt. Die Toten wurden in Steinkistengräbern zusammengerollt auf der Seite liegend bestattet; in den späteren Phasen wurden die Gräber oft für mehrere Bestattungen genutzt. Häufig wurden Beigaben in die Gräber gegeben, die dem Toten vermutlich im Leben nach dem Tode nützlich sein sollten. So fand man vielfach Obsidianklingen sowie Ton- oder Steingefäße, seltener auch Schmuckstücke oder Waffen. Die seltenste, aber auch interessanteste und charakteristischste Grabbeigabe waren die berühmten Kykladenidole (s.u.).

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Die Kykladenidole

Die bekanntesten Artefakte der Kykladenkultur sind die Marmoridole. Diese einzigartigen Kunstwerke bezeugen besonders beeindruckend das handwerkliche Geschick und den Kunstsinn dieses kleinen Völkchens. Kykladenidole wurden fast nur in Gräbern gefunden; ihre genaue Funktion ist trotz vieler Spekulationen nicht klar. Möglicherweise handelt es sich um Abbilder einer weiblichen Gottheit, die als Herrscherin über Leben und Tod verehrt wurde, wie es auch im Orient üblich war. Die Kykladenidole weisen eine charakteristische flache Form und merkwürdige Körperhaltung auf mit etwas zurückgeneigtem Kopf, leicht angewinkelten Beinen und Füßen sowie über dem Bauch liegenden Armen. Form und Proportionen der Idole sind sorgfältig nach festen Prinzipien abgemessen worden. Die Idole sind von einer Einfachheit, Eleganz und Ausdrucksstärke, wie sie in dieser fernen Zeit nur selten erreicht worden ist.


Kykladenidole im Archäologischen Museum in Naxos-Stadt

mehr über die Kykladenidole und Religion

Das Ende der Kykladenkultur

Zum Ende des 3. Jahrtausends v. Chr. ging die Kykladenkultur zu Ende und wurde von der minoischen Periode der Mittleren Bronzezeit (etwa 2.000 bis 1.500 v. Chr.) abgelöst. Kriegerische Auseinandersetzungen und Wanderungen von Bevölkerungsanteilen begleiteten diese Phase. Die Bevölkerungsdichte und die Produktion gingen zurück; es wurden allerdings weiterhin technisch und künstlerisch anspruchsvolle Gegenstände hergestellt. Die Kykladen wurden nun aus ihrer Vorreiterrolle in der Ägäis verdrängt und das größere Kreta übernahm die Vormachtstellung.

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