Mein Buch

Ich habe ein Buch geschrieben, das viel mit Naxos zu tun hat:

Es handelt sich um die Lebenserinnerungen meines Schwiegervaters Mitsos, Nikos‘ Vaters, bereichert um ein Kapitel über die Insel Naxos, um einige Abschnitte über die jüngere Geschichte Griechenlands und ausführliche Beschreibungen der traditionellen Lebensweise in den naxiotischen Bergdörfern, die Mitsos‘ Erzählungen in einen größeren Rahmen stellen und besser verständlich machen sollen.

Wir haben nicht so recht nach einem Verlag gesucht – das war wohl hoffnungslos. Nach einigem Überlegen haben wir das Buch über „Books on demand“, ohne Verlag, drucken lassen. Das hat für uns wenigstens kaum Kosten verursacht (das wäre leider nicht drin gewesen). Nun ist es jedenfalls fertig und kann über den Buchhandel (natürlich auch übers Internet) bestellt werden (Preis: etwa 19 Euro).

Astrid Scharlau
Zwei Türen hat das Leben
Erinnerungen des Dimitris Mandilaras

ISBN-Nummer: 978-3-8391-1930-3

Da wir keinen Verlag haben, wird nun natürlich auch so ohne weiteres keine Werbung für das Buch betrieben. Darum würde es mich besonders freuen, wenn Ihr das Buch an alle Bekannten, denen das Lesen Spaß machen könnte, weiterempfehlen würdet (auch wiederum mit der Bitte, es weiter zu empfehlen!). Ich weiß, dass das Buch sehr lang ist und einige Abschnitte hat, die vielleicht nicht alle so spannend finden, beispielsweise meine Ausführungen über die Geschichte der Insel oder die eher familiengeschichtlichen oder volkskundlichen Kapitel, aber ich hoffe doch, dass die Leser Vieles über Griechenland und Naxos erfahren, was man sonst nicht so leicht zu hören oder lesen bekommt – ein tieferer Einblick eben. Wie auch immer – ich wünsche viel Vergnügen beim Lesen! Und wem es gefallen hat, der schreibe mir doch kurz, denn nach den ganzen vielen schlaflosen Abenden, die ich damit gehabt habe, wäre eine (positive) Rückmeldung wirklich erfrischend!

Hier das Inhaltsverzeichnis und aus jedem Kapitel eine Leseprobe.

Inhaltsverzeichnis

Vorwort
Anmerkungen zur Schreibung der griechischen Wörter
Kapitel 1: Naxos

  • Die Landschaft von Naxos
  • Naxos im Altertum: Die Insel des Dionysos
  • Naxos im Mittelalter: Byzanz, Venezianer und Türken
  • Die Geschichte des Dorfes Koronos
  • Der Schmirgel
  • Die wundertätigen Ikonen von Koronos
  • Die Prophezeiungen der Koufitena
  • Die Wiederauffindung der Ikone

Kapitel 2: Die Familie Mandilaras

  • Mitsos’ Großvater Boublojannis
  • Boublomanolis
  • Stamata
  • Mitsos’ Kindheit

Kapitel 3: Das Leben im Dorf

  • Die Landwirtschaft
  • Das Getreide – Geschenk der Demeter
  • Das Öl – Geschenk der Athene
  • Der Wein – Geschenk des Dionysos
  • Die Freizeit
  • Lügengeschichten und Träume

Kapitel 4: Hirtenleben

  • Das Hirtenhandwerk
  • Mitsos’ Onkel Kaminaris
  • Als Hütejunge
  • Glocken- und Ziegendiebe

Kapitel 5: Zum Militär

  • Griechenland nach der Befreiung von den Türken
  • In Athen
  • Soldatenausbildung
  • Zur Grenze
  • In Kastoria

Kapitel 6: Die Bewachung der Grenze

  • In Ieropigi
  • Auf dem Wachtposten
  • In Agia Kyriaki
  • Wieder auf dem Wachtposten

Kapitel 7: Der Albanische Krieg

  • Der Angriff der Italiener
  • Der Vormarsch in Albanien
  • Im Schnee
  • Läuse
  • In Elbasan
  • Der Rückzug
  • Der Rückweg nach Athen

Kapitel 8: Die Besatzungszeit

  • Hungersnot
  • Mitsos’ Erlebnisse auf Naxos
  • Diebesgeschichten
  • Die Deutschen auf Naxos
  • In Athen unter deutscher Besatzung

Kapitel 9: Der Bürgerkrieg

  • Die englische Besatzung
  • Die Einberufung
  • Die Ankunft in Kefallonia
  • In Agia Efimia
  • In Vari
  • Am Berg Ainos
  • In Patras

Kapitel 10: Familienleben

  • Die Rückkehr nach Naxos
  • Beokostas
  • Die Wassermühle
  • In den Schmirgelminen
  • Politisch unerwünscht
  • Zur Arbeit in Athen
  • Die Kinder

Kapitel 11: In Athen

  • Der Umzug nach Athen
  • Streiks und Kämpfe
  • Nikiforos Mandilaras
  • Tankwagenfahrer
  • Agios Dimitris
  • Beerdigungen
  • Angeliki

Ausklang
Liste der mehrmals vorkommenden griechischen Wörter

Leseproben:

Kapitel 1:
Es ist Nachmittag. Die Sonne ist schon hinter den Bergen verschwunden. Draußen sind
Kinderstimmen zu hören: Die Mädchen spielen noch in der Weinlaube. Da kommt Mitsos, der Großvater, vorbei. Er ist auf dem Weg zur kleinen Kapelle des Heiligen Dimitris, seines Namenspatrons , die nahebei auf den Felsen über dem Meer steht. Im Vorübergehen singt er ein Liedchen und bleibt hier und da stehen, um bei den gerade austreibenden Weinstöcken nach dem Rechten zu sehen und zu schauen, wie viele Trauben sie dieses Jahr ansetzen. In der Kapelle wird er wie jeden Abend die Öllämpchen anzünden, bedächtig und ohne Eile, und ein wenig mit dem Heiligen plaudern. Danach wird er sich noch ein Weilchen hinsetzen und aufs Meer schauen, das heute so friedlich daliegt.

Aus der folgenden Epoche, der Bronzezeit (etwa 3000 bis 1100 v. Chr.), gibt es auf Naxos zahlreiche Fundstellen und Ausgrabungen, so dass wir uns ein recht genaues Bild von der Lebensweise der damaligen Menschen machen können. Eine bedeutende Rolle spielte die Insel insbesondere während der frühen Bronzezeit (etwa 3. Jahrtausend v. Chr.), in der sich die frühkykladische Kultur entwickelte. Die Kykladen waren in dieser Zeit noch von vorgriechischen Volksstämmen bewohnt, den Pelasgern und den Karern, die beide vermutlich aus dem Osten eingewandert waren und von dort ihre Kultur, ihre Sprache und ihre Lebensweise mitgebracht hatten. Sie besiedelten in verschiedenen Bewegungen und Wanderungen die kleinasiatische Küste, das griechische Festland und die Inseln der Ägäis und unterhielten Beziehungen zu den weiter östlich lebenden Volksstämmen, zu den Phöniziern und vermutlich zu den Ägyptern. Sie sprachen eine nicht indo-europäische Sprache, von der sich im heutigen Griechisch noch einige Wörter und vor allem viele Ortsbezeichnungen erhalten haben.

Der kykladischen Kultur entsprachen auf Kreta die minoische und auf dem Festland die helladische sowie ab etwa 1500 v. Chr. die mykenische Kultur. Naxos war eines der wichtigsten Zentren der frühkykladischen Kultur; in der mittleren und späten Bronzezeit traten die Kykladen jedoch gegenüber Kreta und dem Festland in ihrer Bedeutung zurück. Die bekanntesten Fundstücke aus dieser Zeit sind die berühmten Kykladen-Idole, kleine harmonisch geformte, stark abstrahierte und auf wesentliche Merkmale reduzierte Frauen-Statuetten aus Marmor, die als Beigaben in die Gräber gelegt wurden. Die Siedler hatten den Ölbaum und den Weinstock aus dem Osten mitgebracht und bauten sie auf Naxos an, wie Funde von Öllampen und Weinkrügen belegen. Sie hielten Schafe, Ziegen, Schweine und Rinder und ernährten sich außerdem von vielerlei Meeresfrüchten. Es entwickelte sich eine rege Seeschifffahrt und, zum ersten Mal in Europa, eine bedeutende Metallurgie; auch die Töpferei war hoch entwickelt. Die Kunst der Kykladenkultur zeichnet sich durch besondere Phantasie, Frische und Lebendigkeit aus. Sie vermittelt uns den Eindruck, dass es sich bei den Siedlern dieser Epoche um ein lebensfrohes, ausgeglichenes, geschicktes und erfinderisches Volk handelte.

Auf dem Rückweg zu ihrem Haus traf die Koufitena wieder auf den alten Mann, der sie fragte, wie die Sache liefe. Sie berichtete ihm, was der Ikonenmaler gesagt hatte. Der Heilige erwiderte: „Zwei Wochen – das ist zu lange. Kehre wieder um und fordere vom Ikonenmaler das Brett zurück; sag ihm, dass du keine zwei Wochen warten kannst. Und wenn er dir das Brett nicht geben will, dann sage ihm, er solle nur nachschauen, das Bild ist schon darauf erschienen und die Ikone fertig.“

Die Koufitena kehrte also um und verlangte das Brett vom Ikonenmaler zurück. Als dieser es holte, war darauf tatsächlich das Bild des Heiligen Spiridon schon erschienen. Der Ikonenmaler war zutiefst erstaunt und begriff, dass es sich um ein Wunder und eine besondere Ikone handeln müsse und wollte sie nicht herausgeben; er versprach der Koufitena, eine andere Ikone des Heiligen für sie zu malen. Sie beharrte jedoch darauf, genau diese Ikone zu bekommen; da warf der Ikonenmaler sie aus dem Haus und verschloss die Tür.

Am nächsten Tag ging die Koufitena mit ihren fünf Söhnen zum Ikonenmaler. Sie verschafften sich Einlass, und die Söhne, mit ihren Stöcken bewaffnet, drohten dem Maler, ihn sogleich zu Grabe zu tragen, wenn er ihnen die Ikone nicht gebe. Eingeschüchtert rückte er sie daraufhin heraus. Die Koufitena ließ sie verglasen und rahmen und stellte sie in ihren Hausaltar.

Von da an sprach der Heilige regelmäßig zur Koufitena, die immer, wenn sie das Glas der Ikone klirren hörte, zum Hausaltar ging. Dort verfiel sie in eine Art Trance, so dass es so aussah, als schliefe sie. Danach berichtete sie den Dörflern, was der Heilige ihr mitgeteilt hatte. Manches, was sie prophezeite, betraf Dinge des Alltags. Sie sagte zum Beispiel voraus, dass demnächst nachts eine bestimmte Schmirgelmine einstürzen würde. Daraufhin wurden die damals üblichen nächtlichen Schichten in den Minen eingestellt. Und tatsächlich stürzten einige Zeit später gleich mehrere benachbarte Minen gleichzeitig ein – doch niemand kam zu Schaden.

Die meisten Prophezeiungen betrafen jedoch die fernere Zukunft und mussten den Menschen damals phantastisch klingen. Erst viele Jahre später, als die Koufitena schon längst gestorben war, konnte man den Inhalt dieser Wahrsagungen verstehen. Nach den Ereignissen mit den Ikonen, die am Argokili aufgrund derartiger „Träume“ gefunden worden waren, fanden die Prophezeiungen der Koufitena im Dorf große Beachtung. In den kafenía diskutierte man darüber, und die Kinder wurden mit diesen Geschichten großgezogen wie anderswo mit Ammenmärchen.

Kapitel 2:
…Der dritte im Bunde war der Wein, der für die traditionelle naxiotische Mahlzeit ebenso unentbehrlich ist wie Brot und Öl. Als Gott des Weines wurde im Altertum der Fruchtbarkeitsgott Dionysos verehrt. Dionysos war einer Verbindung des Göttervaters Zeus mit einer Sterblichen namens Semele entsprungen. Die eifersüchtige Hera flößte der schwangeren Semele den Wunsch ein, Zeus in seiner wahren Gestalt zu erblicken. Als Zeus aber ihren eindringlichen Bitten nachgab und ihr seine wirkliche Gestalt enthüllte, verbrannte sie von dem allzu strahlenden Anblick, den nur Götter zu ertragen vermochten. Zeus rettete den Fötus und nähte ihn in seinem Schenkel ein. Nach der „Geburt“ brachte er den Säugling nach Naxos und übergab ihn an die drei Nymphen von Naxos Philia, Kleis und Koronis. Deren Namen leben noch heute in Ortsnamen auf der Insel fort, nämlich Filóti (der Hauptort der Tragaia), Kleidhó (Landstrich im südöstlichen Naxos nicht weit von Pánormos) und Koronos beziehungsweise Koronídha (Komiaki). Die drei Nymphen zogen Dionysos in der Höhle Kakó Spílaio am Berg Koronos auf. Sie bekränzten den Gott mit Efeu: Die später in Griechenland so verbreiteten und beliebten Bekränzungen waren zuerst im Dionysos-Kult üblich (und wer einmal einen Kranz aus Efeu gefertigt hat, der weiß, wie überaus schmückend diese Pflanze ist!). Als Dank dafür, dass sie ihn in seiner Kindheit beheimatet hatte, schenkte Dionysos der Insel Naxos ihren hervorragenden Wein und ihre besondere Fruchtbarkeit.

Nahe der Höhle Kakó Spílaio befindet sich eine antike Inschrift: „DRIOS DIONYSOU“: Dieser antike Name des Berges Koronos wird in mehreren Mythen um den Gott Dionysos erwähnt (s. S. 10). Höchstwahrscheinlich befand sich hier ein heiliger dem Weingott geweihter Bezirk. Vom Berg Drios aus soll Dionysos auch zusammen mit Ariadne endgültig die Erde verlassen haben, um sich auf dem Olymp niederzulassen, als sich die Götter zu Beginn des historischen Zeitalters von ihren irdischen Abenteuern zurückzogen und sich außerhalb der direkten Reichweite der Sterblichen auf dem Göttersitz einrichteten.

In der Höhle wurden kleine tönerne Statuetten des zur Gefolgschaft von Dionysos gehörenden bocksfüßigen Waldgottes Pan sowie von Nymphen gefunden, die hier sicher seit alters her verehrt wurden. Heute ist der Berg Koronos nicht mehr bewaldet. Noch vor wenigen Jahrhunderten waren jedoch, wie alte Reiseberichte bezeugen, zumindest seine niedrigeren Hänge von Eichenwäldern bestanden – der ideale Wohnort für Dionysos und sein Gefolge. Und der Wanderer, der an seinem Hang unvermutet an einer in einem kleinen, geschützten Tälchen gelegenen Quelle vorbeikommt, wird die Ehrfurcht der Alten vor diesen Stätten nachempfinden können: Man könnte meinen, dass in diesen heimlichen, grün umsprossenen, von mächtigen Platanen beschatteten Tälern mit ihren murmelnden Bächen auch heute noch die Nymphen wohnen.

Kapitel 3:
…In einem anderen Winter hüteten Karavelis und Mitsos die Herde der Familie am Kalogeros bei Apollonas. Das war nicht gerade einer ihrer Lieblingsplätze, denn erstens war die Entfernung zum Dorf groß, und außerdem gab es keinen guten Unterschlupf: Das Dach des mitátos, in dem sie hausten, war undicht und bei Regen tropfte es an allen Ecken und Enden. Oben auf dem Kalogeros, wo der mitátos lag, gab es nicht einmal geeignete Erde, mit der sie das Dach hätten abdichten können.

Anfangs war das Wetter noch gut und sie verbrachten die Tage leidlich. Dann begann es zu regnen, und es regnete tagelang so heftig, dass man kaum vor die Tür treten konnte. Niemand kam aus Koronos, um ihnen Essen zu bringen, und so ging ihnen am dritten Tag alles Essbare aus. Einen Tag fasteten sie, dann wurde der Hunger zu groß.

Karavelis schlug Mitsos vor, er solle versuchen, einen Eimer Wasser vom Meer zu holen; sie hatten nämlich kein Salz mehr und kochten darum mit Meerwasser. Er selbst wollte in der Zwischenzeit eine Ziege heranschaffen. Er kannte eine überhängende Stelle an den Felsen, wo die Tiere sich bei Regen unterstellten, und er leicht eines erwischen konnte. Mitsos kletterte im strömenden Regen die Felsen hinab zum Meer. Es herrschte Nordoststurm, und an der Küste toste die Brandung. Mitsos hatte den Eimer an einem Seil festgebunden und suchte eine geeignete Stelle, wo er ihn ins Wasser werfen könnte. Nach vielen vergeblichen Versuchen, bei denen die schäumenden Wellen ihm den Eimer fast aus der Hand rissen, gelang es ihm schließlich, ihn wenigstens halb mit Wasser zu füllen.

Als Mitsos wieder am mitátos ankam, war auch Karavelis schon mit einer Ziege zurückgekehrt; natürlich hatte er keine von der eigenen Herde gebracht, sondern eine der benachbarten Hirten. Sie schlachteten die Ziege, machten ein Feuer mit ihren letzten trockenen Zweigen und kochten die Innereien. Dann setzten sie sich hin, aßen und wärmten sich auf, und danach sangen sie noch ein paar Liedchen.

Gegen Abend hatte es immer noch nicht aufgehört zu regnen. Nun hatten sie auch kein Feuerholz mehr, sie froren und die Feuchtigkeit war ihnen bis auf die Knochen gedrungen. Die Lust zu singen war ihnen vergangen, und sie fühlten sich nur noch elend. Hier musste etwas geschehen! So beschlossen sie, mit der Ziege zu den nächsten Nachbarn zu gehen, einem alten Ehepaar, das nicht weit entfernt auf der anderen Seite des Flusses wohnte.
Sie steckten die Ziege in einen Sack und machten sich durch den strömenden Regen auf den Weg. Bald erreichten sie den Fluss. Aber wie sollten sie über ihn hinüber kommen? Er war vom Regen ungeheuer angeschwollen, tosende Wassermassen schossen durch sein felsiges Bett. An ein Hindurchwaten war nicht zu denken – wer in den Fluss fiel, würde unweigerlich davon gerissen und ins Meer gespült.

Kapitel 4:
Als Mitsos 21 Jahre alt war, änderte sich sein Leben grundlegend: Seine Soldatenzeit begann, von der er heute noch häufig erzählt und an die er sich erinnert, als sei es erst gestern gewesen. Nach der Ausbildung diente er zunächst auf den Wachtposten an der albanischen Grenze, danach kämpfte er im Albanischen Krieg und schließlich im Bürgerkrieg; insgesamt war er über acht Jahre Soldat (mit einer Unterbrechung während der italienischen und deutschen Besatzung). Und wenn er auch manche Erlebnisse heute wie durchstandene Abenteuer erzählt, so hat er doch nicht vergessen, wie schrecklich der Krieg war, wie schlimm die Verluste an Menschenleben unter Freund und Feind und wie nah er selbst wieder und immer wieder dem Tod gewesen ist. Obwohl er ein fähiger Soldat war und seine Heimat mit allen seinen Kräften verteidigte, ja weit über seine normalen Kräfte hinaus, so versuchte er doch immer, das Töten zu vermeiden und sah auch im feindlichen Soldaten den Menschen.

Wenn heute das auf Naxos stationierte Militär zur Übung Schüsse auf das Kap unternimmt und die Gegend von den Explosionen widerhallt, dann meint er, der Krieg sei wieder ausgebrochen und will sich freiwillig melden um die Angreifer abzuwehren; ja, um eine Waffe zu halten, ist er sicher noch gut genug und Erfahrung hat er auch zur Genüge! Nein, diese Erlebnisse vergisst man nicht, so viele Jahre auch vergangen sind.

Die ganze leidvolle Zeit des Zweiten Weltkrieges machte Mitsos mit: Er hatte das Pech gehabt, zur falschen Zeit geboren zu sein, so dass er in seiner Jugend in diesen Strudel weltbewegender Ereignisse hineingezogen wurde und die Jahre seines Lebens, die die schönsten sein sollten, mit dem Gewehr in der Hand verbrachte…
Mitsos’ Soldatenzeit begann im Jahr 1938 mit der Einberufung zum Militär.

Kapitel 5:
…Mitsos’ Rückkehr nach Hause schien wieder in unerreichbare Ferne gerückt. Jedes Mal, wenn er nach Ieropigi kam, ließ er sich aus dem Kaffeesatz lesen, aber noch immer konnten die Kaffeeleserinnen ihm keine Entlassung prophezeien. Auch ein Feldwebel, mit dem Mitsos ins Gespräch geriet, meinte: „Auf deine Entlassung wartest du vergebens. Du wirst sehen, wir werden überhaupt nicht entlassen werden…!“ Mitsos deutete das so, dass gewiss bald der Krieg ausbrechen und er umkommen würde. Deprimiert haderte er mit seinem Schicksal und verfluchte innerlich den Leutnant Tambakopoulos, durch dessen Lügen er wieder auf dem Wachtposten gelandet war.

Endlich kam der Oktober. Jetzt waren zwei Jahre herum, seit sie eingezogen worden waren. Unentwegt rätselten die Soldaten, warum ihre Entlassungsbescheide noch nicht eingetroffen seien. Von Tag zu Tag hofften sie auf eine Nachricht aus dem Hauptlager. Tatsächlich wurde Mitsos bald erneut nach Ieropigi gerufen, und als er auf den Wachtposten zurückkehrte, konnte er seinen Soldaten endlich die gute Nachricht verkünden: Ja, sie werden entlassen! Aber – so musste er gleich die Begeisterung dämpfen – sie müssen bis zum Eintreffen weiterer Anweisungen noch auf dem Posten bleiben. Welch eine Enttäuschung! Die gesamte Besatzung des Wachtpostens war deprimiert. Wann kämen sie endlich von hier weg?

Kapitel 6:
Am 27. Oktober war Mitsos abends mit zwei seiner Soldaten in einem viele Kilometer vom Wachtposten entfernt gelegenen Dorf gewesen. Es war der Tag nach seinem Namenstag, und sie nutzten die Gelegenheit, um ein bisschen zu feiern, aßen gut in einem kafeníon und tranken reichlich. Erst spät in der Nacht machten sie sich auf den Rückweg. Unterwegs versuchten die beiden Soldaten noch, von einem abgelegenen Hof eine Ziege zu stehlen, aber es gelang ihnen nicht. Mitsos war vorgegangen und wartete auf sie – er wollte als Feldwebel mit solchen Sachen nichts zu tun haben. Bald holten die beiden Soldaten ihn wieder ein und sie gingen schnell weiter. Der Weg zog sich dahin. Es war ein langer Tag gewesen, und Mitsos war erschöpft und außerdem vom Alkohol leicht benommen. Endlich erreichten sie den Wachtposten. Mitsos vergewisserte sich, dass alles in Ordnung war, dann fiel er wie betäubt ins Bett. Aber im ersten Morgengrauen wurden sie geweckt: Der Wachtposten wurde beschossen!

Es war schnell klar, dass es sich um einen ernst gemeinten Angriff handelte. Sie wurden von einer etwa drei Kilometer entfernten Stellung der Italiener mit schwerem Geschütz beschossen. Die Luft war erfüllt von pausenlosem Donnern und vom bedrohlichen Pfeifen der Granaten, die über ihnen explodierten. Granatensplitter flogen durch die Luft und schlugen in die Hütte ein. Die Soldaten flüchteten in die Schützengräben. Sie waren gut trainiert und wussten, wie sie sich zu verhalten hatten. Anderthalb Jahre hatten sie diesen Augenblick gefürchtet, sich auf ihn vorbereitet und ihn erwartet. Nun war der Ernstfall eingetreten! Griechenland war in Gefahr, und sie waren entschlossen, es zu verteidigen, komme was wolle. Noch war es so dunkel, dass sie kaum erkennen konnten, was eigentlich vor sich ging. Mehrere der Soldaten wurden durch die Granatensplitter verletzt; bald gab es auch den ersten Toten. Der tapfere Hund Bello war mit den ersten Einschlägen auf Nimmerwiedersehen verschwunden.

Die Soldaten hatten auf dem Wachtposten einen großen Baumstamm aufgestellt und mit Lumpen und Zweigen umwickelt. Dieser sollte im Falle eines Angriffs der Italiener angezündet werden, um das Hauptlager und die benachbarten Wachtposten zu alarmieren. Außerdem hatten sie rote Leuchtraketen, die abgeschossen werden sollten, wenn der Druck der Angreifer so stark würde, dass Verstärkung unbedingt notwendig wurde. Die Anweisungen lauteten, einen Angriff unter allen Umständen und mit allen Mitteln abzuwehren; nur im äußersten Notfall war ein geordneter, defensiver Rückzug erlaubt. Bei übermäßiger Bedrohung durch die Angreifer sollte für je drei Wachtposten zusammen ein weiteres größeres Maschinengewehr mit einem Leutnant und zwei Soldaten zur Verfügung gestellt werden. Nun zündeten die Soldaten des Wachtpostens den Baumstamm an. Hell loderten die Flammen auf und beleuchteten gespenstisch die Holzhütte. Auch auf den benachbarten Wachtposten wurden die Signalfeuer entzündet. Kaum kamen die Männer dazu, sich klarzumachen, was geschehen war: der Krieg hatte begonnen!

Kapitel 7:
….Doch obwohl sie diese erste Attacke bis auf das eine Opfer gut überstanden hatten, sah es sehr schlecht für sie aus. Um den Gipfel einnehmen zu können, musste eine Kompanie der Griechen trotz der fast aussichtslosen Lage versuchen, unter welchen Opfern auch immer den Hang hinaufzukommen und die Stellungen einzunehmen. Das Los fiel auf die kampferprobte Kompanie, in der Mitsos diente. Die anderen vier Kompanien verschanzten sich und bereiteten sich darauf vor, den Angriff durch Beschuss zu unterstützen, wobei die Griechen allerdings den gut ausgerüsteten Italienern wenig entgegenzusetzen hatten.

Es lag Schnee. Die griechischen Soldaten übernachteten in provisorischen Gruben, die jeder für sich ausgehoben hatte. Sie erhielten rote Leuchtraketen zum Anfordern von Verstärkung und grüne für den Fall, dass sie die Stellung einnähmen; außerdem wurden sie mit Drahtscheren ausgerüstet, die sie für das Überwinden der Stacheldrahtrollen und -zäune, die das Lager der Italiener umgaben, benötigten. Auf der Hügelkuppe stellten sich die Wachen in ihren kápes, den Ziegenmantel-Zelten, auf.

Am nächsten Morgen, dem 12. April, dem Feiertag des heiligen Lazarus, sollte der Angriff erfolgen. Wie immer sollten sie das Gepäck zurücklassen und nur mit ihren Waffen und ihrer Ausrüstung vordringen. Die Stellung musste um jeden Preis erobert werden. Mitsos wusste, was das bedeutete: Er schätzte, dass von den zweihundert Mann seiner Kompanie höchstens zehn lebend oben ankommen würden. Wie sollten sie in offener Schusslinie der Italiener den steilen, verschneiten Hang hinauf kommen und oben die dicken Stacheldrahtrollen überwinden, während die Feinde sie von oben in aller Ruhe abschießen konnten? Er machte sich jedoch wenig Gedanken darüber: Dieses Lebens war er ohnehin überdrüssig…

Kapitel 8:
…Im Winter 1941/42 wurden von den Deutschen auf Naxos Schmirgelarbeiter angeworben, die in Lárimna in der Nähe von Athen in unterirdischen Stollen Kohle abbauen sollten. Die lokalen Arbeiter hatten die Stollen wegen wiederholter Unglücksfälle verlassen, und die Deutschen waren auf der Suche nach Ersatz nach Naxos gekommen, wo es seit langem betriebene Minen geben sollte. Nun taten sie dort kund, dass Arbeiter für die Ausbeutung der Kohleminen in Larimna gesucht würden. Etwa vierzig Mann meldeten sich freiwillig, darunter Mitsos – er hatte genug vom Hunger und den Entbehrungen auf Naxos. Seine Familie wollte ihn nicht gehen lassen: Alle machten sich Sorgen und hielten den Arbeitsdienst für die Deutschen für zu gefährlich. Boublojannis kam zum Hafen und versuchte unter Tränen, Mitsos davon abzuhalten, sich einzuschiffen; er war überzeugt, dass die Deutschen das Schiff versenken würden. Mitsos ließ sich jedoch nicht von seinem Entschluss abbringen.

So fuhr er gegen Ende des Winters im Jahre 1942 zusammen mit etwa vierzig anderen Schmirgelarbeitern auf einem alten, klapprigen Schiff, das die Deutschen konfisziert hatten, nach Athen. Die Fahrt mit dem schwer beladenen Schiff dauerte gut vierundzwanzig Stunden. Sie brachen bei schon stark bewegter See auf, dann wurde der Wind immer stärker, und sie gerieten in einen heftigen Sturm. Es blitzte, donnerte, regnete und hagelte; gewaltige Brecher beutelten das kleine Schiff. Die angeworbenen Arbeiter befanden sich ungeschützt auf dem Oberdeck: Es gab keinerlei Unterstand. Oft rauschten große Wellen über das Deck. Die Männer klammerten sich, so gut es ging, an der Reling oder an den Tauen fest. Einmal wurde ein kleiner, schmächtiger Koronidiate namens Petros von einer großen Welle mitgerissen, aber gerade als der Brecher ihn über die Reling tragen wollte, erwischte ihn Mitsos am Gürtel. Mit Mühe gelang es ihm, ihn festzuhalten und wieder in Sicherheit zu ziehen.

Kapitel 9:
…Anfang 1945 wurde Mitsos’ Jahrgang erneut eingezogen: Das wieder aufgestellte griechische Heer sollte unter Leitung der Engländer, die auch selbst wieder Truppen ins Land riefen, zum Kampf gegen die Partisanen eingesetzt werden. Die einberufenen Männer wurden beordert, sich beim Musterungsbüro am Sýntagma-Platz zu melden. Mitsos wollte nicht wieder Soldat werden, und schon gar nicht für die verräterische Fremdregierung und gegen die Partisanen, die für ein freies Griechenland kämpften. Einige seiner Verwandten, wie zum Beispiel sein Bruder Nikiforos, hatten sich den Partisanen angeschlossen; und Mitsos selbst war ja oft genug für sie tätig gewesen. Aber wer sich nicht rekrutieren lassen wollte, wer sich weigerte, gegen seine eigenen Landsleute zu kämpfen, mit dem wurde kurzer Prozess gemacht: Täglich wurden junge Männer erschossen.

Als Mitsos am besagten Morgen zum Sýntagma-Platz kam, wartete schon eine lange Schlange von Rekruten vor dem Tor des Lagers. Mitsos reihte sich ein. Da fiel ihm in letzter Sekunde siedend heiß ein, dass er einen Rizospástis in der Hosentasche hatte, die Zeitung der Kommunistischen Partei, die er am frühen Morgen in Kypseli gekauft hatte. Er hatte sie gedankenlos so wie sonst in die Tasche gesteckt, um sie später in Ruhe zu lesen. Nun war er in eine gefährliche Lage geraten, denn der Rizospástis war damals zwar nicht verboten (die Kommunistische Partei wurde schließlich von der Mehrheit der Griechen unterstützt), aber in dieser Situation bedeutete er für Mitsos so gut wie ein Todesurteil: Er hatte ihn ausgerechnet vor dem Musterungsbüro der Armee bei sich, als er dazu einberufen wurde, die kommunistischen Partisanen zu bekämpfen! Was tun? Hier war schnelles Handeln geboten. Schon wurden die Tore geöffnet, und die Schlange der wartenden Männer setzte sich in Bewegung! „Komm nah hinter mich!“ flüsterte Mitsos dem hinter ihm gehenden Mann zu, und als der nahe an ihn herantrat, warf er die Zeitung mit einer schnellen Bewegung aus der Hosentasche seitlich in einen Strauch.

Die Rekruten wurden in einen Raum geführt, wo sie registriert und eingemustert wurden. Es ging langsam voran. Endlich war Mitsos an der Reihe. „Dimitris Emmanouil Mandilaras!“ – „Wo wohnhaft?“ fragte ihn der registrierende Offizier. „In Kypseli“, antwortete Mitsos und nannte die Straße. „Soso“, brummte der Offizier und musterte Mitsos misstrauisch: Kypseli war die Kommunisten-Hochburg von Athen. Dann begann er in den Heften, die er vor sich liegen hatte, zu blättern. Er wies einen dabeistehenden Soldaten an, Mitsos’ Taschen zu durchsuchen. Der fand ein zerknittertes Papier in Mitsos’ Hemdtasche: die Ágia Epistolí, die er noch immer treu bei sich trug. Der Soldat reichte das Papier dem Offizier, der es auseinanderfaltete. Als er sah, worum es sich handelte, mokierte er sich mit verächtlichem Grinsen: „Ach, und so was hast du in der Tasche…!“ Dann fuhr er Mitsos unwirsch an: „Stell dich da vorn hin und warte!“ Wie ihm geheißen stellte sich Mitsos an die Wand und wartete.

Kapitel 10:
…Beokostas’ zweiter Schwiegervater Axaovassílis war ein knurriger, unfreundlicher Mann, vor dem die Enkelkinder sich fürchteten, weil er sie ungnädig mit Stockschlägen verjagte, wenn sie zum Beispiel ein paar Maulbeeren von seinem riesigen Baum am Sidheríti pflücken wollten. Er hatte die Angewohnheit, kein Mittagessen auf die Felder mitzunehmen, sondern reichlich zu frühstücken. Wenn die Bauern auf den umliegenden Feldern zu Mittag aßen, riefen sie ihn und luden ihn ein, sich dazu zu setzen, aber er antwortete dann unwirsch: „Ich habe mein Essen schon im Bauch!“ Wenn jemand ihn fragte, warum er nichts zu Essen mitnahm, deutete er erst auf seinen Bauch, dann auf seinen Rücken: „Besser hier als hier!“

Sein Bruder Petros hatte andere Gewohnheiten; er aß sein Mittagessen auf den Feldern wie andere Menschen auch. Er wurde sogar besonders schnell hungrig, hatte dann keine Lust mehr zu arbeiten und sagte: „Ádhio tsouváli dhen stéketai! Ein leerer Sack kann nicht stehen!“ Nach dem Essen wurde er schläfrig und legte sich meist zu einem kleinen Nickerchen hin mit den Worten: „Gemáto tsouváli dhen tsakízi! Ein voller Sack lässt sich nicht knicken!“

Auch Axaovassilis hatte nichts gegen ein kleines Mittagsschläfchen einzuwenden. Eines Mittags hatte er sich für ein Weilchen in seinem Weinberg bei der Kapelle des Heiligen Jannis in den Feldern nördlich des Dorfes unter einem Olivenbaum hingelegt und war in der warmen Sonne eingeschlafen. Da hatte er einen merkwürdigen Traum: Ihm erschien die Panagía und bedeutete ihm, er solle mit der Hacke unter seinem Kopfkissen einen Schlag tun. Kaum war er wieder aufgewacht, stand er auf, ergriff seine Hacke und begann dort zu graben, wo sein Kopf gelegen hatte. Und er fand eine kindskopfgroße, runde, schwere Kugel aus einem ihm unbekannten, dunklen Gestein. Er nahm die merkwürdige Kugel mit nach Hause. Im Dorf befand sich zu der Zeit ein wandernder Goldschmied, der in einem Kellerloch eine Werkstatt eingerichtet hatte und für die Dörfler die Ikonen versilberte. Axaovassilis ging abends zum Goldschmied und zeigte ihm die Kugel. „Ach, das ist nichts!“ sagte der und ließ sie unter sein Bett kullern. Aber ein Jahr später stiftete derselbe Goldschmied der Ikone der Maria in der Dorfkirche die silberne Ikonenverschalung, und Axaovassilis war überzeugt, dass die Kugel aus Silber gewesen war und der Goldschmied die Ikone damit veredelt hatte.

Mit der Landwirtschaft, dem Schmirgelabbau und dem Betrieb der Mühle war Mitsos die meiste Zeit des Jahres schon mehr als ausgelastet, aber trotzdem wurden ihm oft auch noch andere Arbeiten zugewiesen. Gerade in dieser Aufbauphase nach dem Krieg fielen nämlich in der Gemeinde viele Arbeiten an, die die Dörfler durchzuführen hatten. Nur selten wurden die Arbeiter dafür entlohnt; bei solcher bezahlten Arbeit jedoch wurde Mitsos nie eingesetzt: In den Genuss kamen nur die Verwandten der Einflussreichen im Dorf. Häufiger handelte es sich um unbezahlte Zwangsarbeit, und in solchen Fällen war Mitsos’ Tür die erste, an die der Gemeindeangestellte klopfte. Oft beschwerte sich Mitsos darüber, dass er stets nur zu den Zwangsarbeiten gerufen wurde, aber es half ihm nichts: Wer sich weigerte, wurde eingesperrt.
Etwa im Jahre 1950 wurde eine neue Stützmauer zwischen der Dorfkirche Agia Marina und dem Schulgelände errichtet. Natürlich war Mitsos unter den Arbeitern, die dazu herangerufen wurden. Er arbeitete zusammen mit dem Vater der Taufpatin seines Sohnes Kostas, einem älteren, lustigen Koronidiaten namens Andríkos. Zunächst mussten sie die alte Stützmauer abreißen. Gleich dahinter lag der Gemeindefriedhof. An einer Stelle fanden sie direkt hinter der Mauer ein Grab: Nachdem sie mehrere Steine entfernt hatten, sahen sie von der Seite genau in die Grabkammer hinein. Ein älterer Mann, der ihnen zuschaute, erinnerte sich daran, wer hier begraben lag: ein vrakás, der während der Besatzungszeit verhungert war. In der Nähe wühlte eine Sau mit ihren Ferkeln in der Erde. Da hatte Andrikos eine seiner urigen Ideen.

Kapitel 11:
…Im Jahr 1969 kauften Vassilis und Mitsos’ Sohn Nikos gemeinsam ein Grundstück in Agios Dimitris, keinen halben Kilometer vom Firolimnari entfernt. Aus der Zeit als Hirtenjunge, als er mehrere Sommer auf den darübergelegenen Hügeln verbracht hatte, erinnerte sich Mitsos noch an die kleine, direkt am Meer gelegene Kapelle. Damals hatte noch ein Teil ihrer östlichen Wand gestanden; sie war aber schon lange nicht mehr genutzt worden und ihr Name war vergessen. Nun war die Kapelle gänzlich eingestürzt, und es waren kaum noch Spuren von ihr vorhanden.
Noch bis zum Krieg hatten in dieser Gegend etliche Familien gelebt. Die Menschen bewirtschafteten die wenigen steinigen Felder auf den unteren Hängen und den ebenen Flächen nahe am Meer, die ihnen mit je einigen Ölbäumen und Weinstöcken und einer kleinen Ziegenherde ein karges Leben ermöglichten. Nun waren fast alle Bewohner abgewandert, nur einige Hirten lebten noch hier und weideten ihre Herden auf den Hügeln.

Einer dieser Hirten namens Lefterovassílis lebte im mazomós Spiliá, der etwa einen Kilometer vom Meer entfernt oberhalb eines kleinen, steil eingeschnittenen, schluchtartigen Flusstales lag. Der mazomós hatte seinen Namen von mehreren Höhlungen erhalten, die sich unter überhängenden Felsen an der oberen Kante des Tales befanden (spiliá = Höhle). Eine dieser Höhlungen hatten die Hirten vorne zugemauert, so dass ein Raum entstand, den sie als mitátos benutzten und in dem sie ihren Käse herstellten und lagerten. Daneben lag ein kleines Haus, in dem die Hirtenfamilie wohnte. Dicht dabei, oberhalb der Schlucht, gab es eine ganzjährig wasserführende Quelle. (An der engsten Stelle der Schlucht sprangen die Hirtenjungen über den gut fünf Meter tiefen Abgrund.) Mit dem Wasser der Quelle bewässerten die Hirten einige Felder für den Gemüseanbau, außerdem gab es Feigen-, Zitronen- und Maulbeerbäume.

Hier in Spilia hatte auch schon Lefterovassilis’ Vater Lefterogiórgis gewohnt. Während der Besatzungszeit, als Lefterovassilis etwa sechs Jahre alt war, träumte Lefterogiorgis eines Nachts, ein älterer Mann mit dem Namen Dimitris sei zu ihm gekommen und habe ihm seine alten, zerschlissenen Schuhe gebracht mit dem Auftrag, sie zu reparieren. Morgens erzählte er seiner Familie den Traum, und sie rätselten, was er bedeuten könne. Schließlich meinte ein Bruder seiner Frau, dass ihm wohl der Heilige Dimitris erschienen sei und der Traum bedeuten solle, dass sie eine Liturgie in einer diesem Heiligen geweihten Kirche abhalten sollten. Eine solche Kirche gab es in Apiranthos und da der Bruder gerade dorthin aufbrechen wollte, wurde er beauftragt, mit dem Priester dort einen Gottesdienst zu zelebrieren.

Aber am nächsten Tag erschien Vrestas, der Prophet aus Koronos, am mazomós des Lefterogiorgis und sagte zu ihm: „Du hast vorige Nacht geträumt, ein alter Mann namens Dimitris bringe dir seine alten Schuhe zum Reparieren.“ Er erwähnte noch weitere Einzelheiten des Traumes und fuhr dann fort: „Dieser Traum bedeutet, dass du eine Liturgie in einer Kirche des Heiligen abhalten sollst; aber die Kirche, die gemeint ist, ist nicht die Kirche in Apiranthos, sondern die kleine, verfallene Kapelle, die hier am Meer liegt und die ebenfalls diesem Heiligen geweiht ist. Wenn ihr dort eine Liturgie haltet, wird der Heilige Dimitris euch dafür mit Brot und Fisch belohnen!“

Schreibe einen Kommentar