Karneval in Apiranthos: die Koudounati

Ich bedanke mich herzlich bei den Apiranthiten, die mir beim Erstellen dieses Artikels geholfen haben, insbesondere Frantzeskos Margaritis, Jannis Eleftheriou und Jannis Bardanis.
Am letzten Sonntag der Karnevalszeit, bevor mit dem „Sauberen Montag“ (katharí deftéra) die Fastenzeit beginnt, wird im Dorf Apíranthos ein besonderer Karnevalsbrauch vollzogen: Die Männer ziehen sich ihre aus Ziegenhaar gefertigten Hirtenmäntel und die traditionellen roten fésia (Kopfbedeckung türkischen Ursprungs) an, binden sich die großen Ziegenglocken um den Leib und rüsten sich mit den dicken Stängeln des Riesenfenchels aus. In dieser Aufmachung jagen sie unter ohrenbetäubendem Glockenscheppern durch die Gassen.

Das Einkleiden der koudhounáti

Die Männer des Dorfes treffen sich mitags zum Einkleiden als koudhounáti. Es ist gar nicht so einfach, die schweren Glocken umzubinden: Da müssen die älteren Männer heran, die sich gut damit auskennen. Die ganze Prozedur dauert recht lange, und man stärkt sich schon mal mit etwas Wein, zu dem Käse, Brot und Fleisch serviert werden.


Die wichtigsten Ausrüstungsgegenstände der koudhounáti: die Ziegenglocken (koudhoúnia) und die sómba (der antike thyrsos-Stab) aus dem großen, hohlen Stängel des Riesenfenchels.


Hier werden die Glocken an die Schnüre geknüpft. Ein Mann trägt um die 15 Glocken; das bedeutet ein Gewicht von über 20 Kilo.


Diese sómbes und Hirtenmäntel werden vom Kulturverein den Männern zur Verfügung gestellt, die sich als koudounáti kleiden wollen, aber selbst nicht die erforderliche Ausrüstung dazu besitzen.


Die großen Ziegenglocken sind sehr wertvoll. Gut klingende Glocken hatten früher einen richtigen Namen und die Hirten zahlten beträchtliche Summen für sie (oder nahmen unvorstellbare Mühen auf sich um sie zu stehlen!).


Der knielange Hirtenmantel aus Ziegenhaar (ambadhéli) wird zum Schutz des Bauches hochgefaltet.


Über dem hochgefalteten Hirtenmantel werden auf der Hüfte die Glocken festgebunden.


Zwei Männer müssen von beiden Seiten kräftig ziehen, damit die Glocken fest genug sitzen.


Hau-ruck!


Das richtige Verschnüren nimmt seine Zeit in Anspruch.


Alle Glocken werden noch einmal einzeln kontrolliert.


Hinten werden die Schnüre sorgfältig verknüpft.


So sieht die fertige Schnürung aus.


Nun noch die sómba in die Hand: und los geht’s!


Zur Ausrüstung der koudhounáti gehören auch die traditionellen, im Dorf vom Schuster aus Leder und Autoreifen-Sohle gefertigten Hirtenschuhe, die xórafa.


In der Seitengasse wartet ein Esel, der auch eine Rolle bei der Feier spielen darf.

Die Karnevalsfeier auf dem Dorfplatz

Am Nachmittag trifft sich das ganze Dorf zur Karnevalsfeier auf dem Dorfplatz. Heute wird nur noch ein Teil der traditionellen Bräuche durchgeführt. So wie früher gehört zu den Feierlichkeiten dazu, dass eine rituelle Hochzeit vollzogen wird: Ein letztes Überbleibsel der antiken Frühlingsfeiern des Dionysos-Kultes, aus dem sich der heutige Karneval entwickelt hat, und deren Kernpunkt die Hochzeit von Dionysos und Ariadne war. Diese Hochzeit symbolisierte das Wiederaufleben der Natur nach dem Winter und den Beginn der neuen Vegetationsperiode. Außer Braut, Bräutigam, Trauzeuge und Priester nimmt an den Festlichkeiten auch eine alte Frau teil, die einen Korb trägt: eine letzte Erinnerung an die Opfergaben für den Gott. Wie seit Urzeiten wird zu Karneval mit Dudelsack (tsamboúna) und Trommel (toumbáki) aufgespielt. Die Tanzgruppe der Dorfjugend hat sich festlich in die traditionelle Tracht gekleidet und tanzt die typischen Reigentänze der Inselmusik.


Hier sieht man das Brautpaar: die verhüllte Braut und den Bräutigam, der von einem kleinen Jungen gespielt wird. Daneben steht der „Priester“, der die Trauung vollzieht.


Auf dem Esel sitzt die alte Frau mit Korb (der Opfergabe).


Zu Karneval spielt das traditionelle Instrument der Inseldörfer auf: der Dudelsack, begleitet von einer Trommel.


Die Tanzgruppe des Dorfes tanzt in traditioneller Tracht zum Klang des Dudelsackes.


In der Mitte der „Trauzeuge“ mit den Kürbisringen, die als Brautkränze dienten.


Von Zeit zu Zeit stürmen die koudhounáti unter ohrenbetäubenden Glockenscheppern auf den Dorfplatz.


Jeder versucht den lautesten Krach zu machen und die Zuschauer durch wilde Sprünge zu beeindrucken.


Die sómbes werden benutzt, um sich gelegentlich eins überzuziehen. Das sieht lebensgefährlich aus, ist aber einigermaßen harmlos, weil die Stöcke ja hohl und leicht sind.


Hier ist eine Ruhepause angesagt!


Das Brautpaar zieht nach der „Trauung“ durchs ganze Dorf (diesmal war es nur das halbe: Der Esel, auf dem jetzt der Bräutigam reitet, wollte partout nicht in die andere Richtung gehen!).


Danach kommt die Tanzgruppe wieder zum Zuge. Die Mädchen tragen aus handgewebten Stoffen gefertigte Kleider mit weißen, mit Stickereien verzierten Schürzen und Schultertüchern, die Jungen (hier ebenfalls Mädchen) die traditionelle Pluderhose (vráka) mit breitem Stoffgürtel, Halstuch (mandhíli) und rotem fési.

Die Ziegenglocken

Ich weiss nicht, seit wann auf Naxos oder allgemein in Griechenland Glocken hergestellt und benutzt werden. Die Ziegenglocken waren jedenfalls schon seit langem von großer Bedeutung für die Hirten. Ihr unmittelbarer Zweck war, dass die Hirten anhand des Glockengeläuts ihre mehr oder weniger frei auf den Bergen umherstreifenden Herden leichter auffinden konnten sowie dass Bauern vor Herden, die ihre Felder gefährdenden, gewarnt wurden. Abgesehen davon stellten die Ziegenglocken (anders als die weniger wertvollen Schafsglocken) für die Hirten aber auch ein Statussymbol dar. Der Hirte kannte alle seine Glocken ebenso wie seine Tiere. Er erkannte auch die wertvolleren Glocken der benachbarten oder auch weiter weg lebenden anderen Hirten am Klang. Große und gut klingende Glocken waren äußerst wertvoll und wurden von Generation zu Generation vererbt, und manche Hirten nahmen unglaubliche Strapazen auf sich, um eine Glocke zu stehlen (genaueres dazu kann man in meinem Buch „Zwei Türen hat das Leben“ nachlesen). Die Glocken wurden (und werden) von den naxiotischen Schmieden aus dem Blech alter Kanister hergestellt, das in einem aufwändigen Verfahren mit Bronze überzogen wird. Eine normale Glocke kostet um die 50 Euro.

Die Apiranthiten erklären den Ursprung des Brauchs der koudhounáti auf zwei Weisen: Erstens wurden vor Ostern den Tieren alle Glocken abgenommen (im Winter trugen wegen der größeren Diebstahlgefahr sowieso nur wenige Tiere Glocken) und nach Hause gebracht, wo man sie zum Osterfest sorgfältig reinigte. Die zweite Erklärung führt den Brauch darauf zurück, dass die weit ab vom Dorf auf den Bergen lebenden Hirten früher laut mit den Glocken schepperten, wenn sie ein verdächtiges Schiff sahen, dass sich der Insel näherte, um die Menschen im Dorf zu warnen: Über viele Jahrhunderte war das Piratenwesen die größte Gefahr für die Einwohner von Naxos. Abgesehen davon hat wie überall beim Karneval das wilde Lärmen sicher ursprünglich in der Vorstellung der Menschen die Funktion gehabt, den Winter auszutreiben und die bösen Geister abzuschrecken.

Der Thyrsos-Stab

Die koudhounáti tragen zu Karneval traditionellerweise anstelle des Hirtenstockes aus einem Ast der Wilden Olive einen großen Stängels des Riesenfenchels (Ferula communis). Dieser Doldenblütler treibt einen riesigen, übermannshohen Blütenstand, dessen Stängel zwar stabil ist wie ein Holzstock, aber vergleichsweise leicht, da er innen hohl ist. Schon die Teilnehmer an den weinseligen Umzügen des Dionysos-Kultes in der Antike benutzten Stöcke des Riesenfenchels, damals thyrsos genannt, da sie stark genug waren, um den Betrunkenen zu stützen, aber nicht schwer genug, dass die Rasenden sich damit hätten verletzen können. Die Verwendung der sómbes beim Karneval in Apíranthos scheint also direkt aus der Antike zu stammen.

Eine weitere Verwendung des Riesenfenchel-Stängels ist uns aus der Mythologie überliefert: Verschlossen im Innern des Stängels mit seinem leicht entzündlichen Mark transportierte Prometheus das Feuer, das er vom Olymp entwendet hatte, um es den Menschen zu bringen. Noch bis in jüngere Zeiten wurde der Riesenfenchel benutzt, um Glut aufzubewahren und zu transportieren, und er diente auf Schiffen als sturmsicheres Feuerzeug.

Heute ist der Riesenfenchel auf Naxos selten und in seinem Vorkommen fast völlig auf unzugängliche, steile Felswände beschränkt. Das liegt daran, dass Ziegen die Pflanze besonders gern fressen, so dass sie in Reichweite der Ziegen nicht überleben kann oder jedenfalls niedrig bleibt. Um sich gute sómbes zu besorgen, fahren die naxiotischen Hirten heute manchmal auf die weniger stark beweideten Nachbarinseln wie Páros, wo der Riesenfenchel häufiger anzutreffen ist.

Der Ursprung und die Bedeutung des apiranthitischen Karnevals

Über den Ursprung des Karnevals im antiken Dionysos-Kult und die Ähnlichkeiten der Bräuche haben wir schon an anderer Stelle berichtet. Früher fand man fast alle Elemente des Dionysos-Kultes in den Karnevals-Feiern in Apíranthos wieder. Heute hat sich nur die symbolische Hochzeit erhalten sowie die alte Frau mit Korb, ein Überbleibsel des Opfers an Dionysos.

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