Der antike Steinbruch bei Apollonas

In der Nähe des kleinen Hafenörtchens Apóllonas ganz an der Nordspitze von Naxos liegt der bedeutendste antike Marmorsteinbruch der Insel, der möglicherweise auch der älteste Marmorsteinbruch Griechenlands ist. Er befindet sich auf einem kleinen Hügel südwestlich des Dorfes. Hier steht ein sehr guter, weißer, feinkörniger Marmor an, aus dem viele Statuen hergestellt worden sind. Eine dieser Statuen liegt noch unfertig im Steinbruch, der gigantische Kouros.

im antiken Steinbruch bei Apollonas
Blick vom Steinbruch auf Apóllonas

Ganz oben am Hügel an seiner Südseite liegt eine antike Inschrift: „OROS XORIOU IEROU APOLLONOS“ (=Grenze des Heiligen Bezirks des Apollon); der ganze Hügel war also offenbar dem Apollon, dem Gott der Künste, geweiht.

im antiken Steinbruch bei Apollonas
An dieser kleinen Marmorwand liegt die antike Inschrift.

Der Steinbruch von Apóllonas, in dem auch der Kouros liegt, war vermutlich schon in der mykenischen Zeit in Nutzung, und es wurde hier über viele Jahrhunderte lang Marmor abgebaut. Möglicherweise handelt es sich um den ältesten (bekannten) Marmorsteinbruch Griechenlands. Mineralogische Untersuchungen haben ergeben, dass aus dem Marmor dieses Stein-bruchs zahlreiche Statuen hergestellt sind, nicht nur auf Naxos gefundene, sondern auch von Delos, von der Akropolis und sogar aus Delphi. Sicher ist auch für die Tempel auf Naxos und auf Delos teilweise Material aus diesem Steinbruch verwendet worden. Insbesondere in der archaischen Periode müssen hier große Mengen an Marmor abgebaut worden sein. Der Tyrann Lygdamis (ab 538 v. Chr.) ließ den Steinbruch verstaatlichen; danach ging seine Bedeutung jedoch bald zurück, da mit der höheren Entwicklung der Technik die unterirdischen Steinbrüche in Paros und Pendelis bei Athen effektiver ausgebeutet werden konnten, deren Marmor feiner ist und somit für Statuen besser geeignet ist.

im antiken Steinbruch bei Apollonas
Der ganze Hügel ist mit großen Felsbrocken von Marmor guter Qualität übersät.

im antiken Steinbruch bei Apollonas
Zwischen den Marmorfelsen wachsen Zwergsträucher verschiedener Arten, vor allem Kreuzdorn und die im Sommer ganz trocken wirkende Baum-Euphorbie (Euphorbia dendroides).

Der Hügel ist ziemlich unzugänglich wegen der vielen stacheligen Sträucher und der Felsen, die man überklettern muss. Wenn man sich jedoch die Mühe macht, ihn ein wenig zu erforschen, kann man an vielen Stellen Spuren der antiken Nutzung finden.

im antiken Steinbruch bei Apollonas
Die tiefen Einkerbungen an diesem Stein sind nicht natürlichen Ursprungs; welchen Zweck sie erfüllen sollten, ist allerdings nicht klar.

im antiken Steinbruch bei Apollonas
An diesem Felsen ist ein Block etwa für eine Statue entfernt worden; man kann die Bearbeitungsspuren noch erkennen.


Auch an diesem Felsen ist eine künstliche Einkerbung zu erkennen: Hier sollte wohl ein Felsblock für eine Statue losgelöst werden. Auffällig ist die runde Ausbuchtung an der einen Seite wie für den Kopf der Statue.


Um den Block zu entfernen, wollte man hier offensichtlich eine tiefe Rinne einkerben. Die Arbeit wurde jedoch schon bald nach Beginn wieder aufgegeben.

Von besonderem Interesse ist ein Felsen gleich oberhalb des Kouros (aber nur durch Überwinden eines Zaunes und Überklettern vieler unangenehm stacheliger Sträucher zu erreichen). Hier kann man deutliche Bearbeitungsspuren erkennen, die uns zeigen, wie die antiken Baumeister größere Marmorblöcke im Ganzen entfernt haben.


Von diesem Felsen haben die antiken Baumeister mehrere große Marmorblöcke für Statuen entfernt.


Um einen Block zu entfernen, hat man in seinem „Rücken“ in langer Reihe tiefe, schmale Löcher in den Fels gebohrt. Dann hat man von vorn, von der freien Seite aus, an der einer Unterkante Keile in den Marmor getrieben, bis sich der Block im Ganzen löste.

Die Marmorblöcke wurden nach und nach (auf dem Bild von links nach rechts fortschreitend) weggebrochen. Wenn ein Block entfernt war, wurden für das nächste Stück zunächst in einer Reihe bis zur selben Tiefe schmale Löcher in den Marmor gebohrt, vermutlich mit Eisenstäben oder -bohrern, wahrscheinlich unter Verwendung von Schmirgelpulver als Schleifmittel. Dann wurden von der freien Seite aus (im Bild von links) an der Unterkante Keile in den Marmorblock getrieben. Dazu wurden zuerst vor den Keilen kleine Kuhlen ausgearbeitet, damit man mit großen Hämmern gegen die Keile schlagen konnte. Wenn man so in langsamem Rhythmus der Reihe nach auf die Keile schlägt, dann löst sich nach einiger Zeit meist der gesamte Block ohne Schaden.


Die gelben Linien bezeichnen die Grenzen der Blöcke, die roten Punkte zeigen die Bohrlöcher (nur an der einen Grenze des Blocks zu erkennen), blau ist die Lage des Keils eingezeichnet und mit grünen Punkten die Vertiefung, die zum Schlagen auf den Keil benötigt wurde.


Links die Reihe mit den gebohrten Löchern, in der Mitte die Vertiefung, die erforderlich war, um auf den Keil zu schlagen, rechts die Stelle, an der der Keil saß.


Am selben Felsen sieht man vorn eine Kante, die durch das Ablösen eines Blocks entstanden ist.


noch ein schöner weißer Marmorfelsen

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