Auf dem Zeus 1

– Blick in die Ferne

Der Zeus ist mit 1001 Metern der höchste Gipfel nicht nur der Insel Naxos, sondern der gesamten Kykladen. Er besitzt einen eindrucksvollen, unzugänglichen Steilabfall an seiner Westseite, während die Ostseite eher flach ansteigt. Von der kleinen Kapelle Ágia Marína an der Straße nach Danakós kann man den Zeus in knapp zwei Stunden bequem ersteigen.


Der Wanderweg beginnt an der kleinen Kapelle Ágia Marína.

Der Pfad führt zunächst noch an Terrassen und alten Feldern entlang. Hier ist die Vegetation im Frühling besonders grün und üppig. Jetzt, Ende Juni, blühen nur noch wenige Pflanzen.


Auf den aufgegebenen Terrassen am Weg steht viel Dorniger Acanthus (Acanthus spinosa), eine auffällige und beeindruckende Pflanze.


eine Kretische Zistrose in voller Blüte


Gute Überlebenschancen haben auf dem ziegenreichen Naxos nur die giftigen oder dornigen Pflanzen. Entsprechend gibt es viele Distel-Arten, hier die Spanische Golddistel (Scolymus hispanicus).

Kurze Zeit, nachdem der Pfad die Felder verlassen hat, führt er an einem Felsen mit einer antiken Inschrift vorbei. Diese hatten die alten Bildhauer wie alle ihre Inschriften an der schrägen Unterseite eines leicht überhängenden Marmorfelsens angebracht, da diese Flächen am besten vor Erosion geschützt sind: Marmor erodiert praktisch nur durch das Regenwasser. Vor einigen Jahren ist im Winter der Felsblock mit der Inschrift abgestürzt, nachdem er über so lange Zeit friedlich an seinem Platz gestanden hatte. Der Block ist von der Archäologischen Gesellschaft mithilfe von Arbeitern aus dem Dorf Danakós vorläufig neben dem Pfad aufgestellt worden.

Man kann die Buchstaben der Inschrift noch problemlos entziffern:
ΟΡΟΣ ΔΙΟΣ ΜΙΛΩΣΙΟΥ
Die Inschrift bezeichnet die Grenze des Heiligen Bezirks des Zeus mit dem Beinamen „Milosiou“, der sich vom altgriechischen Wort für Schaf ableitet: Hier wird entweder Zeus als Beschützer der Schafhirten angerufen oder nach anderer Interpretation der mit einem Schaffell bekleidete Zeus, was auf seine Eigenschaft als Wettergott und Regenbringer hinweist. Es ist durchaus naheliegend, den majestätischen und im Winter oft wolkenverhangenen Zeus-Berg mit dem Wettermacher in Verbindung zu setzen; von diesem hat es ja auch seinen Namen erhalten.


Die Inschrift steht auf dem großen weißen Marmor-Felsblock direkt am Pfad.


Die Inschrift „ΟΡΟΣ ΔΙΟΣ ΜΙΛΩΣΙΟΥ“ bezeichnet die Grenze eines heiligen Bezirks, in dem Zeus verehrt wurde.


Blick das grüne Tal hinunter nach Danakós

Nach den Marmorfelsen mit der Inschrift führt der Wanderweg ein ganzes Stück durch Schiefer. Man kommt an einer Quelle vorbei, die in Beton gefasste Tränken speist. Auf dem Schiefer wachsen vor allem Zwergsträucher wie der Dornige Ginster und die Dornige Bibernelle.


Schieferfelsen und die Quelle


Die Schieferfelsen sind an vielen Stellen dicht mit Krustenflechten bewachsen.

Nach einigen Wegbiegungen kommt man wieder in Marmorgebiet. Auf dem Marmor treten zu den Zwergsträuchern verschiedene niedrige, verbissene Baumarten dazu, insbesondere die Kermeseiche, der Immergrüne Ahorn und der Kreuzdorn.


Marmorfelsen mit zu niedrigen Sträuchern verbissenen Baumarten


Der Flechtenbewuchs auf den Marmorfelsen ist völlig anders als der auf Schiefer. Viele der Arten, die auf kalkhaltigen Gesteinen vorkommen, wachsen teilweise endolithisch (im Gestein) und bilden nur eine dünne Kruste.


Besonders dekorativ sind die orangegelben Arten der Gattung Caloplaca.


Der Kreuzdorn (Rhamnus lycioides) trägt schon kleine Früchte.


Der Pfad führt an zwei alten Kalkbrennöfen vorbei.


Vor einer Hirtenmauer zweigt der Wanderweg nach rechts ab. Ein Stück weiter hat man schönen Blick auf die Ziegenmauern, die die Hügel weithin überziehen.

Während man von der Abzweigung aus weiter nach oben steigt, kommt man wieder durch eine Gegend, in der sich Marmor- und Schieferzonen abwechseln. Hier am Hang wird besonders deutlich, dass auf den Marmorbändern mit den weißen Felsen auch die Baumarten wachsen (dunkelgrüne Büsche), während über Schiefer in den stärker erodierten Zonen ohne Felsen nur Zwergsträucher gedeihen können, hier vor allem die Dornige Bibernelle (Sarcopoterium spinosum), die an ihrer blassgrünen Farbe zu erkennen ist. Das liegt daran, dass die Baumarten nur im Marmor mit seinen Klüften tiefe Wurzeln bilden können, die den ganzen Sommer über an das dort gespeicherte Wasser reichen; auf Schiefer ist es für die Bäume zu trocken.


Die Baumarten (dunkelgrüne Büsche) wachsen nur in den Marmor-Zonen.


Das letzte Stück des Anstiegs zieht sich etwas in die Länge; es geht den nur sehr spärlich bewachsenen, öden Hang hinauf.

Ver Weg nähert sich jetzt dem Steilabfall des Zeus. Nach Osten hin öffnet sich der Blick ins steile Tal hinab. In diesem Tal liegt die Zeus-Höhle, in der man in Ausgrabungen interessante Überreste aus der klassischen Antike bis zurück in die Steinzeit gefunden hat.


Blick hinunter zur Zeus-Höhle


Der Gipfel ragt kahl und steil über der Steilwand auf.


Der Pfad führt an den zwei höchstgelegenen Bäumen der Insel vorbei, zwei alten, flechtenbewachsenen Exemplaren des Immergrünen Ahorns (Acer sempervirens).

Vom Gipfel des Zeus hat man einen herrlichen Rundblick. Im Sommer ist es meistens zu dunstig, als dass man eine ungetrübte Sicht auf alle Inseln hätte. Ende August 1839 zählte der deutsche Reisende Ernst Curtius vom Zeusgipfel aus 44 Inseln; er sah auch Kreta und das türkische Festland. Heute ist es dazu viel zu dunstig; wir können aber die näheren Inseln wie Ikaria, Amorgos, Ios, Sikinos, Antiparos und Paros gut sehen; auch Santorin ist mit ein bisschen Mühe zu erkennen.


Blick nach Südwesten


Blick nach Nordwesten, im Hintergrund die Chóra


Blick nach Norden auf die Gebirgszüge des Fanári und des Kóronos; ganz rechts unser Kap


Blick nach Südosten mit den Inseln Koufonisia, Keros und Amorgos


Blick von Südosten zurück auf den kahlen Gipfel; im Vordergrund ein verbissener Ahorn

Im südlichen Teil des Steilabfalls des Zeus wächst ein interessanter, lockerer Wald aus Steineichen (Quercus ilex). Es handelt sich hier um fast die einzigen Steineichen der Insel. Der Wald wird trotz seiner steilen Lage intensiv von Ziegen beweidet, so dass heute kaum ein Jungwuchs aufkommen kann. Entsprechend seiner Lage ist er aber kaum durch Feuer und Abholzen gefährdet. Ursprünglich waren die Steineichen, der Charakterbaum der Mittelmeer-Zone, auf Naxos sicherlich weiter verbreitet als heute. Sie konnten sich aber wohl aufgrund ihrer größeren Empfindlichkeit gegen Brand und Verbiss nur hier am Zeus in einem größeren Bestand halten.


der interessante Steineichenwald im Steilhang des Zeus

Zum Abschluss schraubt sich noch ein Gänsegeier langsam von Süden aus das Tal hinauf und fliegt nahe über uns hinweg. Was für ein beeindruckender Anblick! Er gehört zu der kleinen Kolonie der Insel von etwa 20 Exemplaren. Es ist eine große Besonderheit, dass Gänsegeier auf Naxos leben; die nächsten benachbarten Vorkommen sind in Kreta und auf dem griechischen Festland.


Gänsegeier über dem Zeus

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