Von Koronos nach Skado

Kóronos und Skadó sind zwei typische, urtümliche Gebirgsdörfer von Naxos. Sie liegen am Rande eines der schönen, fruchtbaren Hochtäler der Gebirgsregion, nordöstlich des fast 1000 Meter hohen Gebirgrückens des Kóronos-Berges. Das Hochtal von Kóronos mündet nach Osten in ein steiles, karges, teilweise fast schluchtartiges Tal, das bei dem winzigen Hafenörtchen Liónas das Meer erreicht.

Blick auf Koronos und Skado

Unsere Wanderung beginnt am Pass, der nach Kóronos führt, der Pórta („Tür“), und führt zuerst zum Dorf hinunter, von dort aus durch das grüne Hochtal mit seinen größtenteils nicht mehr bewirtschafteten Terrassen nach Skadó und dann die Fahrstraße entlang wieder zurück (siehe Beschreibung im Naxos-Führer des Michael-Müller-Verlags).


Blick auf die kurz vorm Pass gelegene Kapelle am Stavros tis Keramotis

Direkt am Pass, kurz hinter der kleinen Kapelle am Stavró tis Keramotís, führt ein Pfad nach rechts von der Straße ab zu einem alten Kalkbrennofen, den wir uns als erstes anschauen. Gegenüber am Hang liegt einer der malerischen Waldreste von Naxos. Er besteht vor allem aus Kermeseichen; außerdem wachsen an feuchteren Stellen im Taleinschnitt Platanen.

Der Kalkbrennofen liegt am steilen Hang auf einer trockenen Wiese, die jetzt übersät ist von Hundskamille, gelbem Pippau, rosa Lichtnelken und den hübschen weißen Blüten der Griechischen Faltenlilie.


Griechische Faltenlilie, Gagea graeca

Man sieht die Grube, in der das Feuer zum Brennen des Kalks unterhalten wurde und Teile der Wand des Brennofens. Rundherum liegen Schlacken- und Kalk-Reste. Die Dörfler errichteten üblicherweise einmal im Jahr je zu mehreren Männern einen Kalkbrennofen. Der gewonnene Kalk wurde dazu verwendet, die Häuser und Gassen der Dörfer zu weißen, wodurch die Häuser kühl gehalten wurden; der Kalk hatte auch eine desinfizierende Wirkung.

Nun wandern wir den alten Maultierpfad hinab, der von der Pórta nach Kóronos führt. Früher war die ganze Insel von einem Netz solcher Pfade überzogen. Die zentralen Pfade waren, so wie auch dieses Stück, mit Steinplatten gepflastert und wurden früher von der Dorfbevölkerung so gut instand gehalten, dass die Menschen sie auch im Dunkeln bequem entlang gehen konnten. Heute sind die meisten der alten Pfade verschwunden, entweder, weil eine Straße über sie gebaut wurde (es war natürlich naheliegend, die Straßen wo möglich die Pfade entlang zu bauen), oder weil sie nachdem sie nicht mehr benutzt werden, völlig zugewachsen sind.

Der Pfad führt relativ steil zum Dorf hinab. Der Hang auf der rechten Seite ist steinig und karg, während auf der linken Seite alte, aufgegebene Terrassen liegen, auf denen nun kleine Bäume wachsen. Im Unterschied zur Küstenregion, in der fast nur immergrüne, an starke Trockenheit angepasste Hartlaubbäume und Wacholder wachsen, gedeihen hier in den höchsten Berglagen der Insel vor allem laubabwerfende Gehölze. Der einzige immergrüne Baum, der hier noch häufig vorkommt, ist die Kermeseiche. Ansonsten gibt es den Immergrünen Ahorn, der in Wirklichkeit nicht immergrün ist, sondern im Winter sein Laub verliert, die Wilde Birne und in den Taleinschnitten die Platane.


alte Terrassen mit Immergrünem Ahorn, Acer sempervirens

Auf und neben dem Fußweg wachsen niedrige Blumen und Zwergsträucher. Außer den Arten, die wir auch von Azalas kennen, finden wir hier am Wegrand die Silberweiße Spatzenzunge. Auf den Felsen kurz bevor der Pfad die Straße kreuzt wächst ein interessanter Kreuzblütler namens Aethionema saxatile.


Silberweiße Spatzenzunge, Thymelaea tartonraira


Aethionema saxatile

Bald erreichen wir das Dorf Kóronos. Dieses heute weitgehend verlassene Dorf war einst das Zentrum des Schmirgelabbaus: Die meisten Schmirgelminen der Insel liegen im Tal nach Liónas und werden von Koronidiaten betrieben. Durch den Schmirgel war das Dorf Anfang des letzten Jahrhunderts zu einem gewissen Wohlstand gelangt, wenn auch alle seine Bewohner weiterhin Landwirtschaft betrieben, soweit die Kargheit des Bodens und die Steilheit des Geländes das zuließ. Im zweiten Weltkrieg wurde der Schmirgelabbau unter der italienischen Besatzung eingestellt, und auch die landwirtschaftliche Produktion wurde stark eingeschränkt und ein großer Teil der Ernte von den Italienern konfisziert. Das führte dazu, dass während der Jahre der Besatzungszeit (1941-1944) an die vierhundert Menschen im Dorf verhungerten. Nach der Befreiung von den Besatzern wanderte ein Großteil der Bevölkerung ab; heute leben hauptsächlich ältere Menschen und Rentner und nur wenige junge Familien im Dorf.

Koronos liegt besonders steil an den Berghang geschmiegt, und wir müssen unendlich viele Treppenstufen hinabsteigen. Viele der Häuser sind halb verfallen. Wenn auch längst nicht mehr so viel Landwirtschaft betrieben wird wie früher, bewirtschaften doch die meisten Einwohner noch einen kleinen Garten für den eigenen Bedarf sowie einige Weinterrassen und einen Olivenhain. Außerdem haben sie natürlich meist ein paar Hühner, Ziegen oder Schafe. Auch Esel und Maultiere gibt es noch; sie sind nach wie vor als Tragtiere unentbehrlich.

Unten im Dorf kommen wir an der Plátsa, dem Dorfplatz, vorbei; hier liegen zwei hübsche kleine Tavernen.

Nun verlässt der Wanderweg das Dorf wieder und führt quer durch das Hochtal mit seinen unzähligen Terrassen bis zum Nachbardorf Skadó, das am nördlichen Rand des Tales liegt. Insbesondere in der Nähe der Dörfer sind noch viele Terrassen bewirtschaftet; Gemüse aller Arten, Obstbäume und Wein werden hier kultiviert. Der größte Teil der Terrassen ist jedoch schon lange aufgegeben und wird nun von einem undurchdringlichen Gestrüpp aus verwilderten Obstbäumen (vor allem Sauerkirschen), Brombeeren und wilden Sträuchern und Bäumen überwuchert.

Der Gebirgsrücken des Kóronos verläuft etwa in Ost-West-Richtung, steht also quer zu den winters wie sommers auf Naxos vorherrschenden Nordwinden. Die feuchte Meeresluft, die hier am Gebirge aufsteigt, kühlt dabei um meherere Grad ab, und Wolken bilden sich. Entsprechend ist das Kóronos-Gebirge im Winter, aber auch im Sommer noch, sehr häufig in Wolken gehüllt, und es fällt deutlich mehr Regen als in den südlicheren Teilen der Insel. So sind die Sommer hier relativ kühl und die Winter lang, kalt, trüb und neblig. Diese hohe Feuchtigkeit hat natürlich ihre Auswirkungen auf die Vegetation, und an Stellen mit günstigerem Boden, vor allem über Schiefer, wachsen einige Besonderheiten, die sonst auf der Insel nicht vorkommen, so zwei weitere sommergrüne Baumarten, der Weißdorn und die Manna-Esche. Wo an den Rändern des Hochtales auf den schon viele Jahre nicht mehr bewirtschafteten Terrassen natürlicher Bewuchs wieder hochkommt, oder wo an steilen Hängen noch eine quasi-natürliche Vegetation wächst, da sind alle die genannten laubabwerfenden Bäume häufig vertreten. Jetzt, Anfang Mai, leuchten diese Wäldchen in strahlendem, frischem Grün. Die Eschen sind zur Zeit schon aus der Ferne an ihren weißen Blütenständen zu erkennen.


blühende Manna-Esche, Fraxinus ornus

Rechts und links des Weges wachsen eine ganze Reihe interessanter Blumen. Leider ist heute nicht das beste Wetter zum fotografieren; es ist bewölkt. Wir sind über die Wolken aber nicht traurig: Zum Wandern ist es entschieden angenehmer! Wir finden einige Blumen, die ich aus Azalas nicht kenne. Mit dem Bestimmen wird es allerdings schwierig…


Hier handelt es sich wohl um die Rundblättrige Gelbdolde (Smyrnium rotundifolium).


Beim Oientalischen Günsel (Ajuga orientalis) ist die Blüte verdreht, so dass die weißliche Lippe oben liegt.


Kretischer Hahnenfuß, Ranunculus creticus

Wir kommen an der Kapelle Ágios Jánnis vorbei, die malerisch in den Weinbergen liegt. Hier machen wir Rast im Schatten des Eschenbaumes, der im Kirchhof steht, schauen auch in die kleine Kirche hinein und fotografieren die Orchideen, die hier wachsen.


Ophrys heldreichii


Ophrys ariadnae

Eine Nachtigall singt im Gestrüpp. Nachtigallen brüten nicht auf Naxos, kommen aber zur Zugzeit häufig vor und singen dann auch. Einige andere, mitteleuropäische Vogelarten, die auf den Kykladen sonst nicht oder nur sehr selten vorkommen, brüten hier in den grünen, kühlen Bergen von Naxos, so die Amsel, der Buchfink und der Zaunkönig. Alle drei Arten hören wir auf unserer Wanderung singen.

Auf einem Mäuerchen entdecken wir einen Maiwurm (Meloe proscarabaeus). Dieser flugunfähige Ölkäfer lebt als Larve parasitisch in den Nestern von Wildbienen. Das Maiwurm-Weibchen legt mehrere tausend Eier in Erdhöhlen ab. Die Laven mit charakteristischen 3-klauigen Kletterfüßen steigen auf Blüten, wo sie sich an die Blüten besuchenden Insekten anklammern und zu deren Nestern mitgenommen werden. Damit sie sich weiter entwickeln können, müssen sie auf die richtige Wirtsart treffen, was natürlich nur relativ selten vorkommt. Beim Maiwurm handelt es sich dabei um Wildbienen, die keine Staaten bilden, sondern einzeln leben (Solitärbienen). Im Wirtsnest fressen die Larven zunächst die Bienenbrut, dann ernähren sie sich von den Nektar- und Pollenvorräten. Weil nur wenige Maiwurm-Larven an den richtigen Wirt geraten, legt das Weibchen besonders viele Eier und hat entsprechend einen großen, angeschwollenen Hinterleib. Die Ölkäfer geben bei Störung aus ihren Beingelenken ölige Tropfen ab, die eine hochgiftige Substanz enthalten („Reflexbluten“).


Der flugunfähige Maiwurm, eine Ölkäfer-Art, besitzt nur kleine Flügeldecken. Der Hinterleib des Weibchens, das mehrere tausend Eier ablegt, ist auffällig angeschwollen.

Von der Kirche aus steigen wir auf einem kleinen Fußweg weiter ins Tal hinab; es wird zunehmend steiler und zugewachsener. Es ist herrlich durch das viele frische Grün zu wandern! Bald kommen wir zur tiefsten Stelle. Hier, im Taleinschnitt, rauscht ein kleines Flüsschen, von großen Platanen beschattet und fast zugewachsen von dichter Vegetation, Gras, Binsen, Minze.


Eine Leimraut-Art, Silene cythnia


Vicia pinetorum besitzt schöne cremefarbene Blüten.

Im feuchten Tal singt ein Seidensänger; sein lauter, wetzender Gesang ist weit zu hören. Hier liegt eine der Wassermühlen des Dorfes, an der die Einwohner früher ihr Getreide mahlen ließen. Die Wassermühlen wurden von dem in einer kleinen Zisterne gestauten Wasser des Flüsschens angetrieben. Auch eine Waschstelle gab es hier, an der die Frauen ihre Wäsche wuschen. Auf den nah am Fluß gelegenen, über uralte Wasserrinnen bewässerten Terrassen wird auch heute noch Gemüse angepflanzt. Eine der zwei Wassermühlen, die hier ursprünglich lagen, ist vor ein paar Jahren im Rahmen eines europaweiten Programmes restauriert worden. Aber schon im nächsten Winter, bevor wir Gelegenheit fanden, die Mühle zu besichtigen, gab es einen verhängnisvollen Wolkenbruch, bei dem mehrere Hundert Millimeter Regen niedergingen (bei knapp 400 mm Jahresmittel in der Chóra). In dieser Nacht wurden viele Straßen in der nördlichen Bergregion stark beschädigt und ganze Terrassen und uralte Bäume weggeschwemmt; auch im Hafenort Liónas, wo der Fluss mündet, gab es beträchtliche Verwüstungen. Und die frisch restaurierte Mühle, die immerhin wohl schon über hundert Jahre hier gestanden hatte, war am nächsten Morgen spurlos verschwunden!

Von der Mühle aus führt der Wanderweg nun wieder steil den Hang hinauf zum kleinen Dorf Skadó. Der Blick hinüber nach Kóronos ist herrlich. Hänflinge und Stieglitze treiben sich herum und eine Zaunammer lässt ihren klappernden Gesang ertönen. Hoch über dem Tal segelt ein Mäusebussard, einer der häufigeren Greife der Insel.


die endemische Goldlack-Art Erysimum naxense


Lupinus pilosus

Kurz vor Skadó kommen wir wieder an einer kleinen Kapelle vorbei; nach dem steilen Anstieg ist hier wieder eine kurze Rast erforderlich! Danach gehen wir die Straße entlang zurück, am Friedhof von Kóronos mit der hübschen Kirche Ágios Nektários vorbei wieder zurück zum Ausgangspunkt der Wanderung.

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