Der Vulkan von Santorin (Thera)

Die verschiedenen Typen des Vulkanismus

Es gibt (vereinfacht gesagt) drei Typen von Vulkanismus auf der Erde. Der erste Typ entsteht an der Grenze zwischen zwei auseinanderdriftenden tektonischen Platten: Hier dringt heißes, flüssiges Magma aus dem Erdmantel durch die Spalte, die sich in der Erdkruste durch das Auseinanderbrechen bildet, hervor. Dieser Vulkanismus ist vergleichsweise ungefährlich: Das Magma ist sehr heiß und kann sich seinen Weg vergleichsweise leicht bahnen, so dass sich keine besonders hohen Drücke aufbauen. Der Vulkanismus ist unter diesen Bedingungen meist recht gleichmäßig und vorhersehbar. Trotzdem kann es auch hier zu stärkeren Eruptionen kommen. Vom Vulkanismus an auseinanderdriftenden (divergierenden) Plattengrenzen bekommen wir vergleichsweise wenig mit, da er sich hauptsächlich tief unter der Wasseroberfläche in den Ozeanen abspielt. Das bekannteste Beispiel für diese Art des Vulkanismus ist Island. Da das Magma aus dem Erdmantel eine verhältnismäßig basische Zusammensetzung hat, wird dieser Vulkanismus „Basischer Vulkanismus“ genannt.

Dieser Form des Vulkanismus ähnlich ist der sogenannte „Hot-Spot-Vulkanismus“. Auch bei diesem Vulkanismus dringt basisches, heißes Erdmantel-Material hervor, allerdings nicht an einer Plattengrenze, sondern an einer Schwächestelle in der Erdkruste, die hier vermutlich durch aufwärtsgerichtete Strömungen im Erdmantel („plumes“) dünner ist. Auch dieser Vulkanismus ist vergleichsweise gleichmäßig und ungefährlich. Ein bekanntes Beispiel für Hot-Spot-Vulkanismus ist Hawaii.

Die dritte Form des Vulkanismus entsteht an aufeinander stoßenden (konvergierenden) tektonischen Platten. Hier wird die eine Platte unter die andere geschoben, so dass die obere Platte gestaucht und aufgefaltet wird, wobei sich ein Gebirge bildet. Vulkanismus tritt nur dann auf, wenn eine der beteiligten Platten ozeanisch ist. Die schwerere ozeanische Platte wird schräg unter die andere untergeschoben, wobei ihre Gesteinsschichten schließlich in so große Tiefen gelangen, dass sie aufschmelzen. Das aufgeschmolzene Material enthält viele Gase und Wasserdampf, der aus dem in den Gesteinsschichten der ozeanischen Platte enthaltenen Meerwasser entsteht. Das gasreiche Magma dringt wieder an die Oberfläche, und Vulkane entstehen. Die ozeanische Platte erreicht die für das Aufschmelzen erforderliche Tiefe von gut 100 Kilometern üblicherweise in einem Abstand von etwa 150 Kilometern hinter der Plattengrenze. In dieser Zone entstehen oft eine ganze Reihe von Vulkanen (Vulkan-/Inselkette). Auf diese Art haben sich beispielsweise die Vulkane der Anden und Japans gebildet. Dieser Vulkanismus wird „Saurer Vulkanismus“ genannt, weil das Magma aus Krustenmaterial einen niedrigeren pH-Wert aufweist als das aus Mantelmaterial. Vulkane dieser Art sind gefährlicher und explosiver als die der beiden vorigen Arten, weil das Magma hier weniger heiß ist, viel Gas und Wasserdampf enthält und sich seinen Weg mühseliger bahnen muss, so dass sich größere Drücke aufbauen, die sich in heftigen Explosionen entladen.

Der Vulkanismus in der Ägäis

Der Vulkanismus in der Ägäis entsteht durch die Kollision der afrikanischen mit der europäischen Kontinentalplatte (genau gesagt der Ägäischen Platte, die zur Europäischen Platte gehört, sich aber etwas unterschiedliche bewegt). Es handelt sich also um „sauren“, explosiven Vulkanismus. Die Plattengrenze zwischen Europa und Afrika verläuft heute südlich von Kreta am Hellenischen Tiefseegraben, der sich in einem Bogen vom Peloponnes bis zur Türkei zieht. Etwa 150 Kilometer nördlich der Plattengrenze verläuft der Ägäische Vulkanbogen mit mehreren vulkanischen Zentren von Methana bei Athen über Milos und Santorin bis nach Nisyros in der Nähe der türkischen Küste. (Vor etwa 20 Millionen Jahren lag der Vulkanbogen vor der Anlagerung Kretas an die Ägäische Masse noch weiter nördlich, unter anderem auf Naxos.)

Der Vulkan von Santorin

Der Vulkan von Santorin ist der größte und aktivste Vulkan des Ägäischen Vulkanbogens und einer der wichtigsten Vulkane Europas. Er ist seit etwa 2 Millionen Jahren aktiv und hat seine Gestalt in einer großen Zahl von kleinen und großen Ausbrüchen immer wieder verändert. Fast die ganze Insel besteht aus vulkanischen Gesteinen, die verschiedenen großen Ausbrüchen zugeordnet werden können. Sehr heftige Ausbrüche treten vermutlich durchschnittlich etwa alle 20.000 Jahre auf. Der Vulkan besitzt eine große Caldera (Krater), die unter Wasser liegt. Vom ursprünglich als Ringinsel ausgebildeten Kraterrand sind nach der letzten großen („Minoischen“) Explosion nur noch Reste erhalten, die in drei Stücke zerrissene heutige Insel Santorin (Thera, Therasia und Aspronisi). In der Mitte der bei der minoischen Eruption geformten heutigen Caldera liegt die Insel Kameni, die bei einem Ausbruch im Jahr 197 v. Chr. entstand und auch heute noch der aktive Schlot des Vulkans ist. Nach dem Ausbruch von 197 v. Chr. erfolgten noch mindestens 9 weitere Eruptionen, die letzte (kleinere) im Jahr 1950.


Blick in die Caldera von Santorin, links vorn sieht man einen Teil der Insel Kameni, auf der der aktive Vulkanschlot liegt. Der sichtbare Kraterrand besteht aus den Asche- und Lavaschichten von mindestens drei großen Eruptionen.

Die minoische Eruption

Die größte Eruption des Vulkans von Santorin in den letzten Jahrtausenden erfolgte um 1645 v. Chr., die sogenannte „Minoische“ Eruption. Die Stärke des Minoischen Ausbruchs kann anhand der vorhandenen Spuren recht genau ermittelt werden. Sicher handelte es sich um einen der stärksten Vulkanausbrüche seit Menschengedenken. Es wurden mindestens 30 Kubikkilometer an ungewöhnlich gasreichem Magma gefördert, das größtenteils als Asche und Bimsstein ausgeworfen wurde. Die Eruptionswolke reichte vermutlich fast 40 Kilometer hoch, und Gas und Asche verteilten sich in der Stratosphäre über die ganze Erde. Der ausgeworfene Bimsstein muss weite Teile der Ägäis bedeckt haben. Ascheschichten von diesem Ausbruch finden sich nicht nur auf Santorin selbst, sondern auch auf den nahegelegenen Ägäisinseln sowie in der Türkei und in Ägypten. Spuren der Asche lassen sich sogar im Grönlandeis nachweisen.


Auch auf Naxos kann man an vielen Stränden Bimsstein vom Vulkan von Santorin finden. Bimsstein ist ein blasiges, sehr leichtes Gestein, das auf dem Wasser schwimmt. Er entsteht durch das plötzliche Abkühlen von in die Luft geschleudertem, sehr gasreichen Magma.

Die Insel selbst wurde durch den Ausbruch stark umgestaltet. Die Rekonstruktion der ursprünglichen Form der Insel ist natürlich schwierig. Vermutlich besaß sie in ihrer Mitte (ebenso wie heute) eine große, bei früheren Ausbrüchen entstandene, wassergefüllte Caldera. Bei der Eruption wurden große Teile der Insel weggesprengt. Auf den übrig gebliebenen Teilen von Santorin wurde eine bis zu 60 m dicken Schicht aus Asche, Lava und Bimsstein abgelagert.


Die Insel Santorin ist mit viele Meter dicken Ascheschichten der Minoischen Eruption bedeckt, hier am Kraterrand bei Akrotiri.

Der Ausbruch erfolgte in drei Phasen. Die erste Eruption erfolgte ohne Kontakt mit dem Meerwasser, also vermutlich auf einer Insel im Kratersee. Sie bewirkte einen starken Auswurf an Bimsstein und Asche mit der erwähnten hohen Eruptionswolke. Diese Phase dauerte vermutlich nur wenige Stunden. Die Ablagerungen aus dieser Phase besitzen, wie für Aschefall aus der Luft typisch, eine einheitliche (mit der Entfernung von der Eruptionsstelle abnehmende) Dicke, die den Unebenheiten des Geländes folgt. Sie bestehen aus feiner Asche und kleinen Bimssteinbröckchen. In der zweiten Phase drang Meerwasser in den Förderschlot auf der Vulkaninsel ein und es kam zu einer sehr starken Explosion, bei der Ströme aus Asche und Wasserdampf mit riesiger Geschwindigkeit aus der Caldera quollen und die Hänge der Insel herunterrasten. Derartige „phreatomagmatische“ Ausbrüche („Glutwolken“) führen zu Asche- und Bimsstein-Ablagerungen, die in etwa horizontalen Schichten liegen und wellenförmige Strukturen aufweisen, wie man sie auch auf Santorin in den entsprechenden Ablagerungen finden kann. Auch diese Phase dauerte nur sehr kurz, vermutlich etwa eine Stunde. In der dritten, heftigsten Phase stürzten größere Teile der Kraterwände ein. Ströme von Lava und Asche quollen aus dem Krater, die nun auch nichtvulkanische Gesteinsbrocken enthielten. Von den letzten beiden Phasen stammen auf Santorin dicke Lagen an Bimsstein und Asche.


Im unteren Teil des Bildes sieht man eine Lage aus feiner Asche, die in gleichmäßiger Dicke auf der ehemaligen Bodenoberfläche aufliegt, und die während der ersten Phase eines Ausbruchs durch einen Aschefall aus der Luft entstanden ist. Darüber liegen dicke phreatomagmatische Schichten, die nach dem Einbruch von Wasser in die Magmakammer durch das Überquellen heißer Ströme aus mit Wasserdampf vermischter Asche entstehen. Diese Schichten liegen in etwa horizontal und besitzten merkwürdige, hier durch ungleichmäßige Erosion sichtbar gemachte Wellenstrukturen.


In den obersten Schichten, die aus der dritten Phase der Eruption stammen, finden sich viele schwarze Gesteinsbrocken von älteren Lavaschichten, die durch den Einsturz der Calderawände in die Ascheströme gelangt sind.

Außer der direkten Zerstörung der Insel Santorin hatte der minoische Ausbruch noch viel weitreichendere Folgen. Asche und Bimsstein bedeckten weite Teile des östlichen Mittelmeergebietes und die ganze Region wurde durch Erdbeben erschüttert. Die näheren Küstengebiete wurden höchstwahrscheinlich von Tsunamis getroffen, was aber nicht mehr sicher nachweisbar ist. Die feine Asche, die in die hohen Schichten der Atmosphäre geschleudert wurde, führte außerdem durch die Verminderung des Sonnenlichtes zu einer mehrere Jahre anhaltenden Klimaverschlechterung mit Überschwemmungen, Trockenzeiten und „fehlenden Sommern“. Das führte zu Missernten und Hungerzeiten, wie sie beispielsweise für diesen Zeitraum für China dokumentiert sind.

für mehr Fotos siehe: Geologischer Spaziergang auf Santorin

Die Auswirkungen des Vulkanausbruchs auf die Minoische Zivilisation

Wie die übrigen Inseln der Kykladen war Santorin seit der Jungsteinzeit besiedelt. In der frühen Bronzezeit (3. Jahrtausend v. Chr.) gehörte es zum Einflussbereich der Kykladenkultur; allerdings hat man auf Santorin nicht allzu viel Überreste aus dieser Zeit gefunden. Ab dem Beginn des 2. Jahrtausends v. Chr. (mittlere Bronzezeit) geriet Santorin zunehmend unter minoischen Einfluss, kykladische Elemente blieben aber ebenfalls weiterhin erhalten. Die Bewohner der Kykladen hatten schon seit der Frühen Bronzezeit enge Beziehungen zu Kreta; die minoische Kultur wurde durch die Kykladenkultur befruchtet und intensiver Handel wurde betrieben. Dabei war Santorin eine bedeutende Station auf der Handelsroute, denn es war die einzige Insel der Kykladen, die die kretischen Schiffe in einer Tagesreise erreichen konnten (nachts fuhren die Schiffe damals nicht).

Entsprechend der zentralen Lage Santorins entstand auf der Insel während der minoischen Periode eine wichtige Handelsniederlassung, die zwar einen deutlichen minoischen Einfluss zeigt, aber trotzdem ihren eigenen Charakter besitzt. Diese Stadt wurde durch den Vulkanausbruch um 1600 v. Chr. zerstört und unter einer dicken Ascheschicht begraben und damit auch konserviert, bis sie ab 1967 (in kleinen Teilen) wieder ausgegraben wurde. Die Ausgrabungen dieser Siedlung namens Akrotiri vermitteln uns ein interessantes Bild der damaligen Lebensweise. Die kleine Stadt bestand aus vornehmen, mehrstöckigen Häusern, die teilweise mit herrlichen Wandmalereien geschmückt und mit hölzernen Möbeln ausgestattet waren. Zahlreiche Funde vermitteln uns Kenntnisse über Landwirtschaft, Handwerkstechniken und Lebensweise der Zeit.

Bei der Ausgrabung in Akrotiri wurden kaum Wertgegenstände und Nahrungsmittel gefunden, ebenso auch keine Überreste von Menschen oder Haustieren. Das bedeutet, dass die Bevölkerung die Siedlung, vermutlich durch Erdbeben gewarnt, vor der Vulkaneruption verlassen hatte. Ob es den Menschen gelang, auf eine andere Insel zu fliehen, kann natürlich nicht mehr gesagt werden. Wahrscheinlich wurden die Häfen und auch die Flotten der umliegenden Inseln durch Tsunamis zerstört. Möglicherweise lag allerdings auch eine wochenlange Pause zwischen den ersten Erdbeben und dem eigentlichen Ausbruch; es gibt Hinweise darauf, dass die geflohenen Bewohner zwischen beiden Ereignissen wiederkehrten und weitere Wertgegenstände bargen.

Auf Kreta, der Heimat der minoischen Zivilisation, wurden zur Zeit des Minoischen Ausbruchs die Paläste und Städte durch Erdbeben zerstört. Das führte aber nicht zum sofortigen Untergang der Kultur, und die Paläste wurden schnell wieder aufgebaut. Erst etwa zwei Jahrhunderte später erlag die minoische Zivilisation dem gewaltsamen Ansturm der vom Peloponnes kommenden Mykener. Trotzdem ist es wahrscheinlich, dass der Minoische Ausbruch mit der folgenden Klimaverschlechterung eine Schwächung des minoischen Kretas herbeiführte, die schlussendlich die Einnahme der Insel durch die Mykener ermöglichte.

Der Minoische Ausbruch in Mythos und Überlieferung

Der Minoische Vulkanausbruch hat unzweifelhaft Spuren in der Mythologie hinterlassen. So kann man die Erlebnisse der Argonauten als Erinnerung an die Eruption deuten: Sie wurden laut der Sage in der Kretischen See bei Anaphi (Nachbarinsel von Santorin) vom Riesen Talos mit Felsblöcken beworfen und gerieten in eine undurchdringliche Finsternis, bei der „schwarzes Chaos vom Himmel herabfiel und eine andere Form von Finsternis aus dem Erdinnern hervorquoll“.

Von einigen Forschern wird auch die Theorie vertreten, dass sich die Atlantis-Legende von Platon auf Santorin bezieht. Dazu passt die Form der beschriebenen Insel als Ring (Caldera) sowie die plötzliche Vernichtung offenbar durch ein starkes Erdbeben. Viele Details von Platons Beschreibung passen zu dieser Theorie, anderes bleibt jedoch unklar. Man wird die Frage vom Ursprung der Atlantis-Legende vielleicht nie sicher klären können; Santorin und die minoische Eruption kommen jedenfalls als Erklärung in Frage.

Weitere Ausbrüche des Vulkans

Weitere größere Ausbrüche des Vulkans von Santorin fanden in den Jahren 197 v. Chr. und 46 und 726 n. Chr. sowie um 1457, 1570, 1649, 1707 und 1866, 1925, 1939 und 1950 statt. Über viele dieser Ausbrüche gibt es mehr oder weniger detaillierte Berichte, die beschreiben, die die Eruptionen verliefen. Keiner der Ausbrüche reichte in seiner Stärke allerdings auch nur entfernt an die Minoische Eruption heran.

Der Vulkan von Santorin ist noch aktiv. Kleinere Ausbrüche werden vermutlich auch in vergleichsweise naher Zukunft stattfinden. Es gibt aber keinen Anlass anzunehmen, dass es bald wieder zu einem Ausbruch großer Stärke kommen könnte. Häufig finden dagegen Erdbeben statt, die allerdings ebenfalls meist von geringer Stärke sind.

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