Agios Artemios bei Kinidaros

Südlich des Kóronos-Massives, vom Dörfchen Keramotí bis Engarés an der Küste, verläuft eines der steilsten und tiefsten Täler der Insel Naxos. Das Tal ist auch ungewöhnlich wasserreich: Hier fließt einer der sieben ganzjährig wasserführenden Flüsse der Insel. Nördlich von Kinídaros liegt in diesem Tal eine bemerkenswerte, große Kirche aus dem 18. Jahrhundert, der Heilige Artémios, die von Interesse für die Geschichte der Insel ist.

Hier findet man die Lage der Kirche bei Google Earth.

das Tal südlich des Koronos-Berges
Das Tal nördlich von Kinídaros; etwa in der Bildmitte liegt die Kirche des Heiligen Artemios.

Naxos unter venezianischer und osmanischer Herrschaft

Naxos war im Jahr 1207 von den Venezianern erobert worden. In allen Gebieten der Insel siedelten sich katholische Feudalherren an. Sie hatten ein ausgesprochen schlechtes Verhältnis zur griechischen Unterschicht, die von ihnen unterdrückt und ausgebeutet und auch an der Ausübung ihrer Bräuche und orthodoxen Religion gehindert wurde. Im Jahr 1556 wurde der venezianische Herzog der Kykladen den Türken tributpflichtig, wodurch die Kykladen unter die Oberherrschaft des Osmanischen Reiches fielen. Auf Naxos siedelten sich jedoch keine Türken an und es gab vergleichsweise wenig Konflikte zwischen den Türken und den Griechen; im Gegenteil suchte die griechische Bevölkerung Unterstützung bei der türkischen Oberherrschaft gegen die venezianischen Feudalherren, die ihre Macht noch für über zwei Jahrhunderte erhalten konnten. Obwohl es auch auf den Kykladen verboten war, die Kinder orthodox zu unterrichten, wurde die griechischen Bevölkerung hier jedoch an der Ausübung ihrer Religion nicht gehindert und es siedelten sich in dieser Zeit auch eine ganze Reihe von katholischen Orden auf den Inseln an, die von der vergleichsweisen religiösen Freiheit profitierten.

Im Jahr 1770 gerieten die Kykladen im Russisch-Türkischen Krieg kurzzeitig unter russische Herrschaft. Mit dem Ende des Krieges im Jahr 1774 fielen sie wieder an die Türken. Im russisch-türkischen Friedensvertrag wurde der griechischen Bevölkerung eine Reihe von Rechten zugesprochen, so durften jetzt wieder Kirchen errichtet und die Glocken geläutet werden. Auf Naxos behielt die venezianische Oberschicht, obwohl sie zunehmend verarmte, weiterhin ihre Machtposition. Es gab beständig Auseinandersetzungen zwischen der griechischen orthodoxen Dorfbevölkerung und den vor allem in der Chora angesiedelten Katholiken. Im Jahr 1780 errangen die Griechen einen bedeutenden Sieg in dieser Auseinandersetzung, indem sie die Rechte der Ausbeutung der Schmirgelminen an sich brachten. Dabei wurden sie von den türkischen Herrschern unterstützt.

Die Bedeutung der Klosterschulen auf den Kykladen

Während der russischen Besatzung waren aus anderen Gegenden Griechenlands gebildete und aktive Mönche auf die vergleichsweise sicheren Kykladen gekommen, die dort den Aufstand der Griechen gegen die türkischen Herrscher vorbereiten wollten. Auf Naxos ließen sich mehrere Mönche vom Peloponnes in der abgelegenen, unzugänglichen, aber auch fruchtbaren Schlucht nördlich von Kinídaros nieder. Sie errichteten an der altbyzantinischen, kleinen Kirche Ágios Dimítrios ein kleines Kloster, das etwa 12 Zellen umfasste. Nun gründeten sie hier eine kleine Schule, in der sie illegal Kinder aus der Umgebung unterrichteten.


Die kleine, heute verfallene Kirche Ágios Dimítrios stammt aus dem 9. Jahrhundert.


hier der Blick durch eine Fensteröffnung in die Kirche


Die neben der Kirche gelegenen Gebäude wurden im 18. Jahrhundert von aus dem Peloponnes eingewanderten Mönchen als Klosterzellen errichtet.

Aber auch andere Griechen begannen sich etwa zur selben Zeit besonders dafür einzusetzen, dass orthodoxe Schulen gegründet wurden, in denen die griechische Bevölkerung unterrichtet und gebildet und so auf einen Aufstand vorbereitet werden sollte. So gründete der von der Insel Paros stammende Kapitän Nikos Mavrogénis auf den Kykladen vier Schulen (auf Naxos, Mykonos, Andros und Kea). Die Schule auf Naxos wurde als erste gegründet, nämlich im Jahr 1775. An der Gründung beteiligten sich außerdem der Metropolit von Paros und Naxos Ánthemos und der bedeutende und aktive Führer der Versammlung der Dörfer von Naxos Markos Polítis (mit dessen Exil und Tod im Jahr 1802 die Schule vermutlich geschlossen wurde) sowie Abgeordnete der Gemeinde Búrgos in der Chora und Bischöfe benachbarter Inseln.

Ágios Artémios als Klosterschule

Obwohl es Dokumente über die Gründung der Schule gibt, war lange Zeit unklar, wo die Schule gelegen hat. Es spricht einiges dafür, dass für die ungewöhnliche Kirche des Ágios Artémios im Tal nördlich von Kinídaros als Gebäude für die naxiotische Schule errichtet wurde. Zunächst einmal ist es dafür von Bedeutung, dass an derselben Stelle schon eine von politisch aktiven Mönchen gegründete kleine Schule existierte. Auch die Lage inmitten der Insel und versteckt in einer abgelegenen Schlucht war für die Einrichtung einer illegalen Bildungsstätte sicher besonders günstig. Außerdem ist es unerklärlich, warum sonst fern von den Dörfern eine so große Kirche errichtet werden sollte.


Blick von der Kirche des Ágios Dimítrios auf die des Ágios Artemios

Die Kirche des Ágios Artémios war zur Zeit ihrer Gründung 1775 der größte Kirchenbau der Insel Naxos. Es handelt sich um eine dreischiffige Basilika von den Ausmaßen 20 mal 16 Meter. Erst in den folgenden Jahren wurden weitere Kirchen ähnlichen Ausmaßes errichtet: die Metropole von Naxos und die Dorfkirchen von Apíranthos und Filóti.

Bemerkenswert und ungewöhnlich sind auch die Architektur und die Ausstattung der Kirche. Das Gebäude ist ungewöhnlich sorgfältig vermessen und errichtet worden. Die Akustik in der Kirche ist ausgezeichnet und eine Reihe von Fenstern enlang der Seiten sorgten für eine gute Ausleuchtung des Innenraumes. Eine Kirchenkuppel fehlt, aber alle drei Schiffe weisen Apsiden auf (die runden Ausbuchtungen an der Ostseite, das Allerheiligste), wodurch sie alle getrennt als Kirchen funktionsfähig waren. Die Ausstattung der Kirche ist jedoch höchst einfach und beschränkt sich auf eine hölzerne Altarwand.


Äußerst ungewöhnlich ist die Gestaltung der Kirche als dreischiffige Basilika ohne Kuppel.


die Vorderseite der Kirche


Die Tür zum mittleren Schiff ist mit Myrten geschmückt.


Die Inschrift über der Tür gibt an, dass die Kirche im Jahr 1780 vom Metropoliten Anthemos, vom Dragomanen Nik. Mavrogenis und vom Führer der Dörfer Markos Politis errichtet wurde.


Die drei Schiffe sind durch je 5 einfach gestaltete Rundbögen voneinander getrennt.


Alle Schiffe sind gleichgestaltet und besitzen eine einfache Apsis (Rundung für den Altar am Ostende); hier das südliche Schiff.


Die Ausstattung der Kirche beschränkt sich auf eine hölzerne Altarwand.


Die Kirche ist durch Fenster entlang der Längsseiten und durch kleine Luken an der Westseite vergleichsweise gut ausgeleuchtet.


die Ostseite der Kirche mit den drei gleichgestalteten Apsiden

Zusammen mit der Lage fern der Dörfer spricht diese ungewöhnlich Architektur und Ausstattung der Kirche dafür, dass der Bau in Wirklichkeit eben nicht als Kirche, sondern als Schule gedacht war. Die Gestaltung des Gebäudes als Kirche diente als Tarnung, da die orthodoxe Unterrichtung der Jugend von den türkischen Herrschern untersagt war. Außerdem handelte es sich um eine kirchliche Schule, in der die Schüler zu Geistlichen ausgebildet wurden; und die dreischiffige Gestaltung der Kirche entspricht offensichtlich einer Unterrichtung der Kinder in drei Stufen.

Die Schule existierte an dieser Stelle vermutlich nur bis zum Tod des Markos Polítis im Jahr 1802, der von den Türken zunächst verbannt und dann ermordet wurde. Danach wurde sein Besitz, darunter anscheinend auch die Kirche, von den türkischen Herrschern beschlagnahmt. Die unterrichtenden Mönche ließen sich nach der Schließung der Schule möglicherweise an einer Kirche bei der nicht weit entfernt im Nordwesten gelegenen winzigen Siedlung Skepóni nieder, wo sie den Unterricht wohl in kleinerem Maßstab fortführten. Das Kirchenfest des Heiligen Artemios wurde in den späteren Jahren stets mit großem Aufwand und unter starker Beteiligung der Bevölkerung der umliegenden Dörfer begangen. Dabei handelte es sich vermutlich in Wirklichkeit um Feiern zum Gedenken an den vom Volk verehrten Markos Polítis.

Unter den Lehrern an der Schule des Heiligen Artemios befanden sich zwei bedeutende Geistliche ihrer Zeit, der später heiliggesprochene Mönch Nikodimos, der aus Naxos stammte, und der Mönch Chrysanthos, Bruder des Heiligen Kosmas aus Aitolien. Eine Reihe bedeutender Persönlichkeiten der orthodoxen Kirche ist aus der Schule hervorgegangen, nicht nur mehrere Äbte von naxiotischen Klöstern, sondern auch der spätere Bischof von Smyrna und ein weiterer Bischof, der sogar Patriarch von Konstantinopel wurde.


Die Kirche liegt inmitten von Gärten.


In der Nähe liegen diese schönen großen Felsblöcke, die wie ein heidnisches Denkmal wirken.

Brücke bei Kinidaros
Zur Kirche Ágios Artémios führt diese für Naxos einzigartige, große Brücke, die sicher aus der Zeit der Errichtung der Kirche stammt.

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