Die Anforderungen des Meeres an seine Bewohner

Das Meer stellt als Medium deutlich andere Anforderungen an die Organismen als die Luft. Zunächst einmal ist natürlich das unbegrenzte Wasserangebot von Bedeutung. Alle Organismen brauchen Wasser – sie bestehen zu einem großen Anteil aus Wasser. Landorganismen müssen deswegen einen entsprechend der Trockenheit ihres Lebensraums unterschiedlich effektiven Verdunstungsschutz besitzen. Wasserlebewesen können auf diesen verzichten, abgesehen von den Organismen des zeitweise trockenfallenden Küstenstreifens.

Sauerstoff und Kohlendioxid stehen auch im Wasser zur Verfügung, Sauerstoff allerdings in den tieferen Meeresschichten eventuell nur in geringer Menge oder sogar gar nicht, was dann das Leben dort unmöglich macht (außer für Bakterien). Der Sauerstoffgehalt des Wassers hängt von der Durchmischung durch Wellen, Winde und Gezeitenstöme ab sowie von der Temperatur: Warme Meere sind sauerstoffärmer, weil bei höheren Temperaturen weniger Sauerstoff im Wasser löslich ist. Viele Meeresorganismen nehmen den Sauerstoff aus dem Wasser über ihre gesamte Oberfläche auf. Meerestiere besitzen oft spezielle Atemorgane, die Kiemen. Diese sind sehr empfindlich gegen Austrocknung und zur Sauerstoffaufnahme aus der Luft ungeeignet, so dass die Tiere an Land schnell zugrunde gehen. Die im Wasser lebenden Reptilien und Säugetiere, die Lungen besitzen und nur an der Luft atmen können, müssen regelmäßig zum Luftholen auftauchen. Kohlendioxid steht im Meer ähnlich zur Verfügung wie in der Luft: Es besteht ein Gleichgewicht zwischen dem in der Luft befindlichen und dem im Wasser gelösten Kohlendioxid.

Wasser (insbesondere Salzwasser) trägt aufgrund seiner höheren Dichte wesentlich besser als Luft. Somit können Meeresorganismen wesentlich einfacher im Wasserraum schweben als Lufttiere fliegen können, und es gibt eine Unzahl von Arten, die an dieses schwebende Leben im Wasserraum angepasst sind. Die schwebenden Organismen besitzen oft Gas- oder Ölblasen, mit deren Hilfe sie ihren Auftrieb regulieren. Organismen ohne solche Einrichtungen sinken langsam ab, bremsen aber oft die Sinkgeschwindigkeit durch Fallschirm-artige Fortsätze. Wasserpflanzen (und auch -tiere) brauchen entsprechend des Auftriebs einen wesentlich geringer ausgebildeten Stützapparat als Landpflanzen.

Die für die Ernährung der Pflanzen wichtigen Nährsalze sind im Wasser löslich. Entsprechend brauchen Meerespflanzen ihre Wurzeln nur zur Verankerung im Boden, während sie Wasser und Nährstoffe größtenteils direkt aus dem Wasser aufnehmen. In den obersten, lichtreichen Schichten des Wasserraumes leben in großen Mengen mikroskopische, meist einzellige Algen, die Photosynthese betreiben, aber auch zahlreiche Bakterien. Diese Primärproduzenten stellen die Lebensgrundlage für die tierischen Organismen des Planktons. Aufgrund des überall verteilten Angebotes an Mineralsalzen können sie ständig schwebend im Wasserraum leben.

Die tierischen Organismen können keine Photosynthese betreiben und sind darum auf das Verzehren von organischer Substanz angewiesen. Die einfachste Art der Ernährung verwirklichen manche mikroskopischen Arten des Zooplanktons: Sie nehmen einfach von Algen und Bakterien abgegebene, im Meerwasser gelöste organische Substanzen auf. Eine unschätzbare Nahrungsquelle für zahlreiche Meerestiere bildet das Plankton, also die frei treibenden einzelligen Algen, die Kleintiere des Zooplanktons sowie auch die in gewaltigen Mengen produzierten und zum Plankton gehörenden Eier und Larven der meisten größeren Meerestiere. Entsprechend ernährt sich ein großer Anteil der Meerestierarten durch Filtrieren des Meerwassers bzw. Einfangen des Planktons mittels Fangfäden. Im Gegensatz zum Land, wo die Pflanzenfresser weit überwiegen und wo es nur wenig Fleischfresser gibt, die andere Fleischfresser jagen, ist die Nahrungskette im Meer sehr lang: Ein viel größerer Anteil der Meeresbewohner lebt räuberisch, und jeder Fleischfresser wird wiederum selbst von größeren Fleischfressern gefressen. Zahlreiche Meerestiere ernähren sich außerdem vom Detritus, das heißt von abgestorbenen Organismen, die auf den Meeresboden sinken oder am Strand angespült werden, andere weiden die Algen des Untergrundes ab.

Viele der Arten, die sich vom Plankton ernähren, sind sessil (festsitzend). Sie brauchen zur Nahrungsaufnahme weder Fortbewegungs- noch Sinnesorgane und haben oft einen sehr einfachen Körperbau. Nur die Fortpflanzung wird durch diese Lebensweise erschwert: Die sessilen Organismen (Tiere wie Pflanzen) müssen ihre Ei- und Samenzellen zur Befruchtung beziehungsweise Verbreitung frei in das Wasser abgeben. Dazu sind sehr große Mengen an Ei- und Samenzellen erforderlich. Viele Organismen stimmen das Freisetzen zeitlich genau ab, um die Wahrscheinlichkeit der Befruchtung zu erhöhen. Die Fortpflanzungszellen sowie die Larven der sessilen Organismen stellen selbst einen großen Teil des Planktons und tragen somit ganz entscheidend zum Reichtum des Meeres bei.

Die sessilen Meerestiere brauchen zwar keine Fortbewegungs- und Sinnesorgane und entsprechend ihrer leicht verdaulichen Nahrung auch nur gering ausgebildete Verdauungsorgane, jedoch benötigen sie einen guten Schutz vor Fressfeinden, da sie sich diesen nicht durch Flucht entziehen können. Entsprechend besitzen sie viele effektive Einrichtungen zu ihrem Schutz, insbesondere harte Schalen und Außenskelette, Stacheln und giftige oder ungenießbare Inhaltsstoffe. Viele der räuberischen Tierarten haben spezielle Fähigkeiten und Anpassungen entwickelt, mit denen sie die Schutz- und Abwehrmaßnahmen ihrer Beute überwinden können.

Außer den sessilen Tieren ernähren sich auch viele freischwimmende, teilweise sehr große Arten vom Plankton, so die Wale und viele Fischarten. Auch sie brauchen ihre Nahrung nicht speziell einzufangen oder aufzusuchen, sondern praktisch nur mit offenem Maul herumzuschwimmen. Im Gegensatz dazu benötigen die räuberischen Fischarten, die sich von anderen freischwimmenden Arten ernähren, gute Sinnesorgane und eine hohe Beweglichkeit, ebenso wie auch ihre Beute, deren Überleben von ihrer Fähigkeit, den Räubern zu entkommen, abhängt. Viele kleinere Fische schwimmen in großen Schwärmen, wo sie aufgrund ihrer hohen Zahl bessere Überlebenschancen haben als ein einzeln schwimmender Fisch.

Die meisten Algen und Tange werden aufgrund ihrer ungenießbaren Inhaltsstoffe kaum gefressen. Viele Algen sind außerdem durch Kalkeinlagerungen sehr hart. Entsprechend gibt es (im Vergleich zu den Verhältnissen an Land) nur relativ wenige (ausschließliche) Pflanzenfresser im Meer, und die meisten Pflanzen können sich (abgesehen von der Raumkonkurrenz und dem Überwuchern durch ihre Nachbarn) ungehindert entwickeln, bis sie einen Alterstod sterben. Entsprechendes gilt auch für die meisten sessilen Tierarten. Diese Verhältnisse begünstigen beispielsweise auch die Entstehung von großen Algenwäldern oder Korallenriffen. Es gibt allerdings auch eine Reihe von Tierarten, die sich speziell daran angepasst haben, den Algenbewuchs des Untergrundes abzuschaben.

Die Felswände im Meer sind oft von unzähligen pflanzlichen und sessilen tierischen Organismen so dicht bewachsen, dass man das Substrat nicht mehr erkennen kann. Die verschiedenen Arten wie Schwämme, Kalkalgen, Moostierchen und Röhrenwürmer überwachsen sich gegenseitig und bilden ein kompliziertes, buntes Mosaik, das auch im Mittelmeer manchmal fast wie ein Riff aussieht und einer Unzahl von kleineren und größeren Organismen Versteckmöglichkeiten, geschützte Nischen und spezielle Lebensräume bietet. Entsprechend sind die Felswände des Meeres einer der reichsten Lebensräume des Erde. Ganz anders sind die Verhältnisse am horizontalen Meeresboden, auf dem meist nur wenige oder gar keine sessilen Arten existieren können, weil sie stetig durch die Sedimentation von in das Meer eingetragener Erde oder auch von Detritus und anderen Sinkstoffen zugeschüttet werden.

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