Die Entstehung der Mittelmeerflora und -fauna

Die Vorläufer-Ozeane des Mittelmeeres, die Paläo- und die Neotethys, waren tropische Ozeane, die in der Nähe des Äquators lagen. Entsprechend lebte in ihnen, wie aus Fossilfunden bekannt ist, eine tropische Pflanzen- und Tierwelt ähnlich der heute beispielsweise im Indischen Ozean verbreiteten Arten. Im Jura und in der Kreide existierten riesige Korallenriffe in den damals weit ausgedehnten Schelfgebieten von Afrika und in den relativ flachen Ozeanarmen sowie auf den überfluteten Terranen, die später zu den Landmassen des heutigen Griechenlands aufgestapelt wurden. Im Flachwassermeer bildeten sich mächtige Sedimentablagerungen aus ausgefälltem Kalk und den kalkhaltigen Überresten der Lebewesen des reichen tropischen Meeres wie Kalkalgen, Ammoniten und Muscheln.

Fast alle der tropischen Bewohner des Mittelmeeres starben im Miozän aus, als die Verbindung mit dem Atlantik und dem Indischen Ozean unterbrochen war und das Mittelmeer austrocknete und sein Gebiet von riesenhaften Wüstengebieten und Salzseen eingenommen wurde. Nur wenige Arten konnten sich an die veränderten Umweltbedingungen anpassen und in den Salzseen überleben. Nach der Öffnung der Straße von Gibraltar wurde das Mittelmeer aus dem Atlantik wieder aufgefüllt, so dass der größte Teil seiner heutigen Bewohner atlantischer Herkunft und Verwandtschaft sind; darunter stammt ein Teil aus den eher (sub-)tropischen Regionen und andere aus den nördlicheren kalten Meeresteilen. Trotz der höheren Temperaturen kommen immerhin 70% der Tierarten der Nordsee auch im Mittelmeer vor.

Eine ganze Anzahl von Meerestieren und auch -pflanzen sind kosmopolitisch, das heißt sie kommen (entsprechend der leichten Fortbewegung im Meer über große Entfernungen, der Verbindung aller Ozeane untereinander sowie auch der relativ einheitlichen Umweltbedingungen im Wasser) fast auf der ganzen Erde vor. Auch im Mittelmeer gibt es natürlich Kosmopoliten, wenn auch nicht sehr viele. Dazu zählen vor allem viele Quallenarten sowie einige Wale und Delfine, von denen mehrere nur sporadisch auf ihren Wanderungen im Mittelmeer auftauchen, aber auch einige Algen, Schwämme, Röhrenwürmer oder Arten wie Entenmuscheln, die durch die Schiffe in der ganzen Welt verbreitet worden sind.

Das Mittelmeer hat einen erstaunlich hohen Anteil an Endemiten (fast 30%), das heißt an Organismen, deren Vorkommen auf das Mittelmeer beschränkt ist (oft kommen sie allerdings auch in den direkt angrenzenden Gebieten des Atlantiks vor). Davon sind einige Arten Alt-Endemiten, das heißt überlebende Tethys-Bewohner, andere sind Neo-Endemiten, das heißt Angehörige von Tier- oder Pflanzengruppen, die sich bei der Wiederbesiedlung des Mittelmeeres nach der Phase der Austrocknung und bei der Anpassung an die dabei neu eroberten Lebensräume in mehrere Arten aufgespalten haben, so zum Beispiel die Algen der Gattung Cystoseira oder die Schleimfische.

Aus dem Mittelmeer sind heute etwa 12.000 Arten bekannt, davon 1.300 Pflanzenarten. Entsprechend unserer geringen Kenntnis mancher Tier- und Pflanzengruppen, besonders der mikroskopischen Arten des Planktons liegt die tatsächliche Artenzahl vermutlich noch deutlich höher. Damit ist die Biodiversität, das heißt der Artenreichtum des Mittelmeeres sehr hoch, weit höher als in anderen Meeren. Es gibt beispielsweise über 600 Arten Schwämme, 420 Seeanemonen, Korallen und Quallen, 500 Moostierchen, 800 Würmer, 1200 Schnecken, 390 Muscheln, 53 Kopffüßer (Tintenfische usw.), über 1000 Arten höherer Krebse, 25 Seeigel, 60 Seesterne und Verwandte, 100 Seescheiden, 80 Knorpelfische (Haie und Rochen), über 500 Knochenfische, 5 Meeresschildkröten, eine Robbenart und 8 regelmäßig vorkommende Wale und Delfine.

Heute sind zahlreiche Tier- und auch Pflanzenarten des Mittelmeeres zumindest in Teilen ihres Verbreitungsgebietes seltener geworden oder verschwunden. Ganze Tiergruppen sind durch den Einfluss des Menschen, durch Überfischung und Verschmutzung des Meeres, gefährdet. Viele Arten stehen inzwischen auf der Roten Liste. Man hat aber noch bei keiner Art ein vollständiges Verschwinden feststellen können.

In den letzten Jahrzehnten gibt es eine zunehmende Einwanderung von Tier- aber auch Pflanzenarten vor allem über den seit 1869 (wieder-) eröffneten Sueskanal. Über 500 Arten aus dem Roten Meer haben sich im östlichen Mittelmeer angesiedelt und breiten sich immer weiter aus. Das führt in manchen Fällen zu einer Störung im Umweltsystem, so dass die einheimischen Arten verdrängt werden. Als katastrophal hat sich beispielsweise die in Monaco aus einem Forschungsinstitut ins Meer verschleppte und kaum wieder auszurottende giftige Alge Caulerpa taxifolia aus Australien erwiesen, die sich über weite Bereiche des westlichen Mittelmeeres und der Adria ausgebreitet und alles andere Leben verdrängt und ausgelöscht hat. In der Ägäis ist die Alge bislang nicht aufgetaucht. In der letzten Zeit hat man einen leichten Rückgang in der Verbreitung der Alge feststellen können, der wohl auf die Einführung einer diese Art fressenden Schnecke zurückzuführen ist.

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Zum Weiterlesen:

  1. Sueskanal, Wikipedia
  2. „Killeralge“, Wikipedia

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