Die Chora

Die Chora von Naxos oder einfach „Naxos“ ist die größte Ortschaft der Insel und besitzt den einzigen nennenswerten Hafen.


Die Chora aus der Ferne; im Vordergrund die Schwemmebene der Livádia.


Die Livadia sind schon seit der Antike landwirtschaftlich genutzt worden und bildeten so die Grundlage für die bedeutende prähistorische und antike Siedlung.


Die Paralía (Hafenpromenade) ist der lebendige Knotenpunkt der Stadt.

Die bedeutendste Sehenswürdigkeit der Stadt sind die Ruinen des Apollon-Tempels mit dem gigantischen Tempeltor, der Portára, auf der kleinen Insel Palatía.


Blick auf die Insel Palátia (Palastinsel) vom Hafen aus.


Die Insel ist mit der Chora durch eine Mole verbunden.


Blick von der Portára auf die Chora mit dem venezianischen Kastro; im Hintergrund ist der Zeus-Berg zu sehen.


Felsformation auf der Palastinsel

Im Hafenbecken liegt auf einer winzigen Insel die kleine Kirche der Panagía Myrtidiótissa; angeblich befand sich an dieser Stelle ehemals ein Heiligtum des Poseidon.


die Kirche Panagía Myrtidiótissa

Einen Besuch wert ist das oberhalb der Paralía gelegene mittelalterliche Stadtviertel mit seinen engen Gässchen, dass vom Venezianischen Kastell überragt wird.


Blick vom Hafen auf die Paralía, den mittelalterlichen Kern der Siedlung und das venezianische Kastro


die orthodoxe Metropolis


Ansicht der Metropolis


in den Gassen der alten Stadt

Einblick in die Geschichte der Chora: das Museum am Platz der Metropolis

Die Gegend der Chora von Naxos ist schon seit dem 5. Jahrtausend vor Christus besiedelt (Jungsteinzeit). Auch aus der Frühen Bronzezeit, der Zeit der Kykladenkultur, ist eine Siedlung nachgewiesen. Eine größere Stadt entstand während der späten mykenischen Periode; diese behielt ihre Bedeutung auch während der Antike und bis zur römischen Periode bei. Weniger wissen wir über die Bedeutung der Chora im ersten Jahrtausend nach der Zeitenwende; während der byzantinischen Periode lag die Hauptstadt der Insel vermutlich bei der Festung Apalírou im Südwesten. Nach der Eroberung der Insel durch die Venezianer im Jahr 1207 wählte Marcus Sanudo, der erste Herrscher des venezianischen Fürstentums der Kykladen, die Chora, die zu der Zeit fast verlassen war, als Hauptsitz und errichtete hier, wohl auf dabei zerstörten Ruinen einer antiken Akropolis, das venezianische Kastro. Nach dem Ende der venezianischen Periode verlor die Chora wieder an Bedeutung gegenüber dem Inselinnern, bis der Fährhafen ihr im Lauf des letzten Jahrhunderts erneut zu zentraler Bedeutung verhalf. Auf den wenigen der archäologischen Erforschung zur Verfügung stehenden freien Grundstücken wurden Reste von Häusern, Werkstätten und Friedhöfen insbesondere aus der Zeit von der mykenischen bis zur römischen Periode entdeckt.

Von besonderem Interesse ist das kleine Museum am Platz der Metropolis in der Grotta, in dem eine Ausgrabung mit Resten aus mykenischer, geometrischer, archaischer und römischer Zeit besichtigt werden kann: im wahrsten Sinne des Wortes ein Einblick in die Geschichte der Insel!

An der im Museum konservierten Ausgrabungsstätte wurden vor allem Überreste von Häusern und einer Töpferwerkstatt gefunden, die aus der spätmykenischen Periode (etwa 1300 bis 1100 v. Chr.) stammen. Die Töpferwaren aus dieser Zeit bezeugen Kontakte der Insel Naxos mit dem griechischen Festland, der östlichen Ägäis, Zypern und Ägypten. Die kontinuierliche Besiedlung über eine lange Zeit, die von einer blühenden Wirtschaft zeugenden, reichen Funde und die Größe der Stadt, die sich bis in die heute unter Wasser liegende Region nördlich der Grotta erstreckte, unterstreichen die Bedeutung dieser Siedlungsstätte. Etwas weiter östlich, in Aplómata, wurde ein spätmykenischer Friedhof ausgegraben, der reiche Grabbeigaben wie kunstvoll mit Tintenfischen verzierte Töpferwaren, kleine Siegel und für Verzierungen benutzte Goldrosetten, -blätter und -drahtstücke hergab.


Hier an der Küste nördlich der Grotta liegt ein Teil der mykenischen Stadt heute unter dem Meeresspiegel; links kann man alte Gebäudereste erkennen.

Gegen Ende der mykenischen Periode (um 1000 v. Chr.) verließen die Bewohner wohl aufgrund der Gefahr durch Angreifer die dem Meer nächsten Häuser und verlegten die Siedlung etwas weiter landeinwärts. Sie wurde nun mit einem in der Ausgrabungsstätte teilweise sichtbaren Wall umgeben, der aus ungebrannten Tonblöcken auf einer Basis aus unbehauenen Steinen bestand.

Aus dieser Zeit, dem Ende der mykenischen Periode, sind weitere interessante Fundstücke im Museum zu besichtigen. Zwischen den Ruinen der verlassenen Häuser errichteten die mykenischen Bewohner, offenbar in Verehrung der ursprünglichen Siedlungsstätte, einen Friedhof. Es wurden mehrere Familiengrabstätten mit tönernen Gefäßen als Grabbeigaben und Resten der Asche der Verstorbenen gefunden. Die Grabstätten waren mit aufrecht stehenden Grabsteinen markiert. Nach der Beisetzung hielten die Verwandten des Toten an bestimmten Tagen (wie auch heute noch in der orthodoxen Kirche) Erinnerungsmahle und -rituale ab. Davon zeugen Knochenreste und Scherben von Schalen und Gefäßen, die nach dem Gebrauch entsprechend der Verunreinigung durch den Kontakt mit dem Toten rituell zerschlagen wurden. Die Reste dieser Totenmahle bedecken die Grabstätten in bis zu einem Meter dicken Schichten.

Im Laufe des 9. Jhds. v. Chr. fassten die Nutzer des Friedhofs die Grabstätten zu größeren Einheiten zusammen, die offenbar größeren Sippen entsprachen. Nun wurden keine Bestattungen mehr abgehalten; weiterhin fanden aber an derselben Stelle Rituale zur Verehrung der hier begrabenen Vorfahren als Gründer der Familienstämme statt. Überreste der rituellen Mahle wurden auf kleinen Plattformen aus Sandstein von der Küste oder aus Strandkieselsteinen gefunden. Die Ausgräber fanden auch Gefäße, die der Waschung mit als reinigend erachtetem Meerwasser nach den Ritualen dienten. Beim Verlassen des Friedhofs warf man einen Kieselstein hinter sich, eine ebenfalls der Reinigung dienende Sitte, die sich als Sprichwort bis in die heutige Zeit erhalten hat („ríchno mia pétra píso mou“). Schon während der kykladischen Epoche hatte man wohl aus demselben Grund Strandkieselsteine im Grabkult verwendet.

Zu Beginn der archaischen Periode um 700 v. Chr. errichteten die Naxier an der Stelle der ehemaligen Grabstätten ein großes Grabmal, wozu sie Steine des mykenischen Stadtwalles verwendeten. Die Verehrung der Vorfahren wurde an dieser Stelle während der gesamten Antike bis ins erste Jahrhundert nach Christi Geburt fortgesetzt. Die lange Nutzung dieser Stätte beweist eine kontinuierliche Besiedlung der Insel Naxos: Die Bewohner auch der antiken Stadt betrachteten die Familienoberhäupter der mykenischen Periode weiterhin als ihre Vorfahren und verehrten sie nun als Heroen (entsprechend des in den homerischen Werken verkörperten Heroenkultes der Zeit). Nahe dieses Heroon lag während der klassischen Periode (etwa 500 bis 300 v. Chr.) auch die Agora, was ebenfalls die Bedeutung der Stätte für die Bewohner unterstreicht.

Auch während der Römischen Periode (ab 150 v. Chr.) wurde die Vorfahrenverehrung beibehalten, wie überhaupt die neuen römischen Herrscher generell die alten Traditionen bestehen ließen, sie aber häufig für ihre Zwecke umdeuteten. Die Stadt wurde nun neu errichtet, wobei die Reste der alten Häuser und des Umfassungswalles überdeckt und teilweise zerstört wurden.

Im Laufe des ersten Jahrhunderts nach Christus kam es schließlich zum Ende der Nutzung des Grabmales. Auch während der christlichen Zeit behielt der Platz seine Bedeutung jedoch bei. An ihm stehen heute nicht weniger als 4 Kirchen, deren eine (Agios Nikolaos direkt neben der Ausgrabungsstätte) möglicherweise in das 7. Jahrhundert n. Chr. zurückgeht, wie man an ihrer niedrigeren Lage auf der Höhe der Siedlung aus jener Zeit erkennen kann, während die anderen Kirchen, so die bedeutende orthodoxe Metropolis, erst aus dem 17. Jahrhundert stammen.


Die kleine Doppelkirche der Panagía Chrysopolítissa am Platz der Metropolis; direkt daneben liegt die Ausgrabungsstätte.


dieselbe von der Rückseite


Die byzantinische Kirche Agios Nikolaos liegt auf einem deutlich niedrigeren Niveau als das heutige, was auf ihr hohes Alter hinweist.

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