Segetalflora – seltene Ackerwildkräuter auf Naxos

Gastbeitrag von Stefan Meyer, Universität Göttingen

Die europäische Kulturlandschaft hat sich in den letzten Jahrzehnten aufgrund der zunehmend intensiven Landwirtschaft dramatisch verändert. Besonders betroffen von dieser Entwicklung ist die Ackerwildkrautflora (Segetalflora). In Griechenland, dem Land mit der ältesten Ackerbautradition Europas, werden in einigen Regionen noch vergleichsweise wenige Agrochemikalien im Ackerbau eingesetzt. Der dadurch bedingte Reichtum an Agrobiodiversität als Ausdruck traditioneller Landwirtschaft ist einzigartig in Europa. Gleichwohl kann, besonders seit Griechenlands EU-Beitritt, ein Wandel hin zu einer industriellen Landwirtschaft beobachtet werden. Dadurch ist die einst sehr diverse Segetalflora heute stark gefährdet.

Trotz der langjährigen floristischen Untersuchungen in der Ägäis (die 2016 von Arne Strid im „Atlas of the Aegean Flora“ zusammengefasst wurden) sind die Kenntnisse zu den Arten der Segetalflora meist begrenzt – die Ackerwildkräuter werden bei botanischen Untersuchungen manchmal etwas stiefmütterlich behandelt. Im Frühjahr 2017 kartierten wir noch relativ traditionell bewirtschaftete Ackerflächen auf Naxos, um mehr Information zu diesem Gebiet zu sammeln. Nachfolgend sollen kurz einige bemerkenswerte Arten der naxiotischen Segetalflora vorgestellt werden.

Eine der seltensten Arten, die in der Untersuchung der Segetalflora auf Naxos nachgewiesen werden konnte, ist Garidella nigellastrum, die auf der Roten Liste der IUCN (International Union for Conservation of Nature and Natural Resources) als im Bestand gefährdet eingestuft ist. Das zierliche und sehr leicht zu übersehende Hahnenfußgewächs mit je fünf schmalen Kelch- und Kronblättern konnte im Mai 2017 mit ca. einem Dutzend Pflanzen an einem Ackerrand westlich von Kalandós erstmals für die Insel nachgewiesen werden. Von den Kykladen war Garidella nigellastrum bisher nur von Sifnos bekannt. Im Bereich der Ägäis kommt die Pflanze auch auf der Peleponnes (Argolis im Raum Ermioni) in einigen Populationen vor.

Vorkommen der an ihrer sehr dichten und weichen Behaarung zu erkennenden Sibthorp’s Wicke (Vicia sibthorpii) sind bereits seit über 100 Jahren von Naxos bekannt. Der zumeist in charakteristischen Büschen wachsende Hemikryptophyt ist in den letzten Jahrzehnten durch tiefgreifende Änderungen der Landnutzungspraxis stark zurückgegangen. Seit dem Jahr 2000 wurde diese Wicke in ganz Griechenland nur in zwei kleinen Gebieten nachgewiesen. In der Nähe von Galanádo konnten im Frühjahr 2017 auf einem Acker etwa drei Dutzend Exemplare dieser sehr attraktiven Art entdeckt werden. Nach Bergmeier & Strid (2014) gilt Sibthorp’s Wicke in Griechenland als im Bestand stark gefährdet.

In Europa kommt der Löwentrapp (Leontice leontopetalum) nur im südöstlichen Balkan und in Griechenland vor. In Griechenland hat die Art nach Bergmeier & Strid (2014) in den letzten Jahrzehnten stärkere Bestandsrückgänge zu verzeichnen und gilt landesweit als im Bestand gefährdet. Das Berberitzengewächs, das bevorzugt auf steinig-lehmigen und tiefgründigen Böden zu finden ist, bildet früh im Jahr gelbe Blüten aus und ist anschließend durch die stark aufgeblasenen Früchte leicht zu erkennen. Auf Naxos war diese Art bislang nur sehr selten nachgewiesen worden. Im Mai 2017 fanden wir drei Exemplare des Löwentrapps auf Ackerterrassen 1,5 km südlich von Engarés sowie einige Pflanzen bei Pánormos im Südosten der Insel.

Die Erdkastanie (Bunium ferrulaceum) konnte bei unserer Untersuchung erstmals auf Naxos nachgewiesen werden. Wir entdeckten den im Mittelmeerraum zerstreut auftretenden weißstrahligen Doldenblütler Ende April 2017 mit einem halben Dutzend Exemplaren auf Äckern westlich von Azalás. Die Knollen der Erdkastanie werden in Griechenland unter dem Namen “Topana” gegessen. Nach Bergmeier & Strid (2014) gilt die Art in Griechenland als gefährdet und im Bestand zurückgehend.

Von der Kornrade (Agrostemma githago) konnten im Frühjahr 2017 auf Naxos zwei kleinere Populationen (<100 Individuen) nördlich von Kinídaros sowie auf Feldern nördlich von Agiassós entdeckt werden. Das Nelkengewächs war bis Anfang des 20. Jahrhunderts ein häufiger Begleiter des Ackerbaus in Mitteleuropa. Vor allem durch die effizientere Saatgutreinigung (die Samen der Kornrade haben sich evolutionär an die Größe und Form von Getreidekörnern angepasst) ist die Kornrade mittlerweile nach Bergmeier & Strid (2014) auch in Griechenland im Bestandsrückgang begriffen. Sie ist potenziell im Bestand gefährdet und gilt als Indikatorart für traditionellen Ackerbau. Die Kornrade wird umgangssprachlich in Mitteldeutschland auch „Gewitterblume“ genannt: Im Hochsommer mit seinen Sommergewittern steht sie in voller Blüte und leuchtet rötlich-violett zwischen den Getreidehalmen. Die Samen gelten aufgrund ihrer Saponine als giftig.

Das Aleppo-Leinkraut (Linaria chalepensis) war bisher von den Kykladen nicht bekannt. Bei unserer Untersuchung im Jahr 2017 konnte die Art erstmals auf Naxos nachgewiesen werden. Das Wegerichgewächs kam mit ca. 50 Exemplaren auf einem Acker nördlich von Agiassós vor. Nach Bergmeier & Strid (2014) gilt Linaria chalepensis in Griechenland als potenziell im Bestand gefährdet. Das nah verwandte Dreiblättrige Leinkraut (Linaria triphylla) ist zerstreut auf Naxos anzutreffen, unter anderem auf Äcker bei Agiassós, Kalandós und Azalás. Diese Art gilt nach Bergmeier & Strid (2014) in Griechenland als im Bestand stark gefährdet.


Aleppo-Leinkraut


Dreiblättriges Leinkraut

Das Lanzenblättrige Hasenohr (Bupleurum lancifolium) stellt ebenfalls einen Neufund für die Insel Naxos dar. Insgesamt konnten drei Populationen mit einigen Dutzend Individuen auf Äckern nördlich von Agiassós entdeckt werden. Nachweise von dem attraktiv blühenden Doldenblüter waren auf den Kykladen bisher nur von Syros bekannt. Auch auf Astypalea konnten wir die Art im April 2017 mehrfach nachweisen. Nach Bergmeier & Strid (2014) ist das Lanzenblättrige Hasenohr landesweit im Bestand stark gefährdet.

Vom Geradfrüchtigen Hohlsamen (Bifora testiculata) fanden wir im Frühjahr 2017 auf Naxos mehrere Populationen auf steinigen Äckern. Auch auf anderen Kykladen-Inseln ist der Doldenblüher noch häufiger auf Feldern anzutreffen. Ehemals auf den Mittelmeerraum und Kleinasien beschränkt, gilt Bifora testiculata heutzutage in Nordamerika und Kleinasien als invasiv. Bergmeier & Strid (2014) listen das weiß blühende Doldengewächs in Griechenland als nicht gefährdet. Die nah verwandte Art Strahlen-Hohlsame (Bifora radians), deren Randblüten im Gegensatz zu B. testiculata stark vergrößert sind, ist bisher auf den Kykladen noch nicht nachgewiesen.

Der Finkensame (Neslia apiculata) wurde im April 2017 bei unserer Untersuchung erstmals für die Kykladen auf Naxos in zwei Exemplaren auf einem Feld an der Strasse Agios Thaléleos-Mélanes nachgewiesen. Auf Amorgos konnten im Mai 2017 zwei weitere Populationen von Neslia apiculata nachgewiesen werden. Im Gegensatz zu Neslia paniculata sind bei N. apiculata die Früchte breiter als lang, nicht zugespitzt und nur am Rand mit 2 Längsrippen ausgebildet. Bergmeier & Strid (2014) sehen den gelbblühenden Kreuzblütler in Griechenland mittlerweile als potenziell im Bestand gefährdet an.

Der Fund der Kuhnelke (Vaccaria hispanica) stellt den bisher zweiten Nachweis für die Insel Naxos dar. Im April 2017 wurde die Art auf zwei Feldern bei Agiassós und Kalandós in nur sehr wenige Individuen nachgewiesen (wie bei den meisten aktuellen Funden in Griechenland). Von den Kykladen liegen nur sehr wenige weitere Nachweise vor, u.a. von Santorini, Paros, Syros und Sikinos. Bei Bergmeier & Strid (2014) gilt die Kuhnelke mit ihren charakteristischen rosa-farbenen Blütenblättern für Griechenland als im Bestand gefährdet. Der Zusatz „Kuh-“ weist darauf hin, dass die Art im Futter die Milchproduktion der Kühe anregt.

Weitere bemerkenswerte Arten der naxiotischen Segetalflora (Gefährdung in Griechenland nach Bergmeier & Strid 2014), die im Frühjahr 2017 nachgewiesen werden konnten, sind das Acker-Löwenmaul (Misopates orontium), Kleinfrüchtiges Adonisröschen (Adonis microcarpa), Warzenfrüchtiges Labkraut (Galium verrucosum, gefährdet), Einjährige Platterbse (Lathyrus annuus), Kleinblütiger Frauenspiegel (Legousia hybrida) und das Langgespornte Leinkraut (Linaria pelisseriana). Stete Begleiter der Segetalflora in den Äckern sind u.a. das Dreihörnige Labkraut (Galium tricornutum), die Bunte Bellardie (Bellardia trixago), und die Saat-Gladiole (Gladiolus italicus).


Acker-Löwenmaul


Warzenfrüchtiges Labkraut


Einjährige Platterbse


Kleinblütiger Frauenspiegel


Langgesporntes Leinkraut


Saat-Gladiole

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